Ralf Konersmann

Alle Kultur ist ein Zögern – Interview mit Ralf Konersmann

Ethik, Rituale und Förmlichkeiten dienen dazu, der zeittypischen Unruhe Widerstand entgegenzusetzen, sagt der Philosophie-Professor Ralf Konersmann.

Das war nicht zu erwarten. Da kommt ein dickes, schwer zu lesendes Buch eines Philosophie-Professors auf den Markt – und innerhalb weniger Wochen ist die erste Auflage ausverkauft, die zweite im Handel, die Rezensenten  überschütten den Wälzer und dessen Autor in allen Medien mit Wohlwollen. Dabei enthält „Die Unruhe der Welt“ von Ralf Konersmann, dem Direktor des Philosophischen Seminars der Kieler Universität, ausdrücklich keine Westentaschen-Tipps für ein gelingendes Leben. Solche Trivialisierungen lehnt der 60-Jährige ab. „Unruhe“ sei ein „unglaublich komplex strukturiertes Phänomen“. Zu meinen, man könne Lösungen anbieten, „ist letztlich eine Einwilligung in die Welt der Unruhe: Welchen Schritt muss ich als nächsten tun, welche Tablette muss ich nehmen?“.

Dennoch bringt „Die Unruhe der Welt“ dem Leser erheblichen praktischen Nutzen: Er kann nach der Lektüre seine Zeit, sein Leben, seine Kultur besser verstehen. Schließlich ist „Unruhe“ der finale Begriff, auf den sich Krankheitsbilder wie Stress und Burn-out, politisch-gesellschaftliche Trends wie Beschleunigung  und Beharrung – um nur diese Stichworte zu nennen – vereinen lassen.

Zuvor jedoch mutet Konersmann dem Leser zu, weit in die Vergangenheit zurückzusteigen. Zwei Mythen des Alten Testaments, die Vertreibung aus dem Paradies und die Geschichte von Kain und Abel, sind seiner Ansicht nach die großen „Bildgeber, an denen wir uns bis heute orientieren“.  Beide handeln sie vom Verlust der Stabilität, vom Verlust des Lebens in einer kommoden „Blase des Zuträglichen“, kurzum: vom „Land der Unruhe“. Mit einem gleichwohl so entspannt wie konzentriert wirkenden Ralf Konersmann sprach Michael Radtke.

Maulfaul auf der Spur der Gerechtigkeit:  In Sergio Leones Italo- western wurde der zuvor unbekannte Clint  Eastwood zur Ikone.
Maulfaul auf der Spur der Gerechtigkeit:
In Sergio Leones Italo-
western wurde der zuvor unbekannte Clint
Eastwood zur Ikone.

Herr Konersmann, Sind Sie ein unruhiger Mensch?

Selbstverständlich. Ich kann  mich von der Kultur, die ich beschreibe, ja nicht ausnehmen. Der beste Beweis ist die Niederschrift dieses Buches. Man setzt sich nicht hin und schreibt mal eben in aller Ruhe 460 Seiten. Das Schreiben selbst allerdings, das Sich-Konzentrieren über Jahre hin, die Verschriftlichung von Gedanken und Erkenntnissen – das sind ganz klassische Wege, um die Ruhe zu finden.

Sie sprechen davon, dass als ein Grund für die Unruhe der Welt die großen Erzählungen an ihr Ende gelangt sind und dass auch die Weltliteratur diese Lücke nicht füllen könne. Aber gibt es nicht nach wie vor politische oder auch kulturelle Projekte, die den Rang eines großen Narrativs haben? Für mich zählt zum Beispiel „Europa“ dazu. Gibt dieses Friedensprojekt nicht auch in unruhigen Zeiten Halt und Perspektive?

Ich verstehe, worauf Sie anspielen. Ich meine nur, dass diese Erzählungen im besten Fall Bilder sind, um nicht zu sagen: ein Bildersalat, sodass jeder etwas anderes darunter verstehen kann. Auch die klassischen Mythen lassen Interpretationsspielräume zu, keine Frage, das ist eines der Geheimnisse, warum sie über Epochengrenzen stabil geblieben sind …

Allein der Name „Europa“ geht auf einen Mythos zurück!

Ja, aber es gibt in den vielen Erzählungen von Europa keine einzige, die so dicht wäre, dass wir darauf Bezug nehmen könnten. Europa ist eher ein Wunschbild, das dann wiederum mit mythischen Facetten besetzt werden kann. Nein, ich glaube, die großen Erzählungen sind in der Tat am Ende, nicht zuletzt wegen der harten und durchaus wirkungsvollen Kritik an ihnen im Zeitalter der Aufklärung.

Dennoch sind Bruchstücke vom Mythos, vom mythischen Denken und Empfinden, übrig geblieben …

… ja, die drängen sich immer wieder vor.

Sie sagen sogar: Die werden global weitergetragen, auch durch die Medien.

Dadurch helfen sie uns, uns zurechtzufinden und durch den Tag zu kommen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Nehmen Sie das amerikanische Kino. Es  hat nicht zuletzt deshalb seinen globalen Erfolg, weil es sich ohne zu zögern bei diesen alten Mythenstoffen bedient. So ist der Western doch nichts anderes als der Versuch, klassische Heldentypen in die Moderne zu versetzen. Sie sind moralisch überragend, andererseits zu Gewalt neigend – diese Mischung spiegelt zentrale Positionen aus uralter Zeit. Dieses ewige Unterwegssein mit kleinem Gepäck!

Offenkundig besitzt mythisches Denken für Sie nach wie vor eine hohe Faszination.

Ja.

Was reizt Sie am „Mythos“ trotz aller Beschädigungen, trotz aller Rationalisierungen so besonders?

Die Kritik der Aufklärung hat den Mythos zu Unrecht als eine Tollheit, eine Verkehrtheit dargestellt und hat nicht sehen wollen, dass der Mythos eigentlich ein Angebot ist, mit Situationen, denen wir nicht ausweichen können, zurechtzukommen. Das heißt: Er ist eine Überlebenshilfe. Und damit viel stärker als jede Theorie. Wenn wir nicht mehr weiter wissen, dann greifen wir zu Bildern aus den Mythen.

Worin besteht die zentrale Leistung des Mythos?

Er stellt die Welt von vornherein so dar, dass wir als Menschen zwar leiden werden, dass wir Ängste haben, aber dass wir das Leid auch überwinden können. Zum Beispiel dadurch, dass die Ängste mit Namen belegt werden. Oder dass sie als Dämonen und Gespenster ein Gesicht bekommen. Das Benennen ist ja schon ein Eingrenzen. Auf all diese elementaren Operationen, die Welt zu sortieren, auf dieses „Das ist gut und das ist böse“, kann man sich einstweilen, auf einer pragmatischen Ebene, verlassen. Und damit ist schon viel gewonnen.

Nur: Wo finde ich dieses tröstliche Angebot?

Es ist kein Geheimnis dabei. Wir rekurrieren ja täglich darauf. Wir wissen doch, wo man abends besser nicht hingeht.  Oder: Dass wir nicht nachlassen, nicht einrosten und in die Gänge kommen sollen – das alles sind kleine mythische Fragmente.

Das verstehe ich.

Indem wir beide das verstehen, bestätigen wir uns wechselseitig. Das zeigt, dass wir beide Mitglieder der gleichen Kultur sind. Wir bestätigen uns unsere Zugehörigkeit. Und so definiere ich Kultur: Sie ist das, was gemeinsam selbstverständlich ist. Deswegen auch spreche ich von der „Kultur der Unruhe“. Weil wir eingewilligt haben, ohne jemals gefragt worden zu sein, weil wir etwas übernommen haben, weil wir uns haben ergreifen lassen. Und zwar: immer schon.

Wenn Sie die „Kultur der Unruhe“ akzentuieren, dann sehe ich Menschen vor mir, die von der Unruhe, der Unrast, doch erheblich beschädigt worden sind. Die etwa unter Medikamente gestellt werden, bis ihnen vielleicht einmal ein Behandlungsplatz in der Psychotherapie gewährt wird. Kann man denen „Unruhe“ als positiv besetzt schildern?

Das glaube ich schon. Meine Kritik richtet sich ja nicht gegen die Unruhe, sondern gegen den Umgang mit der Unruhe. Gegen die Naivität, mit der wir uns der Unruhe überlassen und nicht gemerkt haben, welche Schwellen man zu überschreiten bereit war: Das mach ich noch und das auch noch. Es sind doch die kleinen Grenzerweiterungen, die zu diesem Krankheitsbild, auf das Sie anspielen, führen können. Da kann eine Bestandsaufnahme ganz hilfreich sein.

Gab es nicht von Anfang an auch immer Bemühungen, mit der Unruhe umzugehen, sie eben nicht grenzenlos werden zu lassen?

Die Ethik ist nichts anderes als der Versuch, solche Leitlinien zu formulieren. Um sich nicht wegreißen zu lassen. Unsere Kultur ist voll davon, Widerstände zu organisieren. Alle Förmlichkeit, alle Höflichkeit, alle Rituale sind so etwas wie Verzögerungen: Eben nicht gleich loszurennen, nicht aufeinander loszugehen, nicht den kürzesten Weg zu wählen. Sondern sich auf Umständlichkeiten einzulassen und erst einmal abzuwarten. Alle Kultur ist ein Zögern.

Das Abtragen von Barrieren und von Verzögerungen ist andererseits typisch für unser Zeitalter der Beschleunigung, denken Sie nur an die digitalen Echtzeit-Medien.

In der Tat gibt es einen ganzen Diskurs, den ich für viel gefährlicher halte als die Unruhe selbst, nämlich das pauschale Verlangen, jede Festlegung als Fesselung unter Verdacht zu stellen, jede Bindung als Behinderung, jede Barriere als Blockade. Sie kennen diese Phraseologie. Letztlich sind das alles Aufforderungen, sich der Unruhe auszuliefern. Wenn mein Buch eine kritische Absicht hat, dann ist es die, auf solche Konsequenzen hinzuweisen.

Am Ende Ihres Buches – da war ich ganz erleichtert – kehren Sie zum Stichwort der  „Ruhe“ zurück, Ruhe in der Kombination mit Unruhe. Sie zitieren in diesem Zusammenhang den Dichter Hölderlin mit seiner Devise „So eile denn zufrieden“. Ist es diese Empfehlung, die zum Schluss übrig bleibt?

Ich gestehe, dass ich ganz vernarrt in diese Zeile bin. Das ist unübertrefflich gesagt. Diese gespielte Naivität – eine glücklich machende Formel. Für mich ist das die Aufforderung, einen zeitgemäßen Begriff von Ruhe zu finden. Ruhe wird gerne mit Stillstand und Lethargie gleichgesetzt. Doch mit der zeitgemäßen Definition von „Ruhe“ haben wir noch gar nicht angefangen.

„Mal geht es aufwärts, mal abwärts: „Ich kann mich von der Kultur, die ich beschreibe, nicht ausnehmen“: Man  verfasst 460 Seiten  nicht so nebenbei.
„Mal geht es aufwärts, mal abwärts: „Ich kann mich von der Kultur, die ich beschreibe, nicht
ausnehmen“: Man
verfasst 460 Seiten
nicht so nebenbei.

Das Interview führte Michael Radtke

«
»

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht *