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Der Kundschafter der Farben

Aus dem Skizzenbuch des Malers Klaus Fußmann

Der Maler Klaus Fußmann hält seine Exkursionen in Bildern, Zeichnungen und Tagebüchern fest. Die vielen bereits
vorhandenen Versionen der Motive schrecken ihn nicht. Er fängt immer wieder von vorne an.

Der Rausch der Farben unbekannter Landschaften und Kulturen, das Wechselspiel des Himmelslichts und der Meere, die Faszination fremder Menschen, ihrer Geschichte und Bräuche, ihre Ursprünglichkeit: Die großen Maler zog es schon immer in die Ferne. Emil Nolde reiste 1913 als inoffizielles Mitglied der »Medizinisch-demographischen Expedition« nach Neuguinea. Auch Max Pechsteins Südsee-Exkursion 1913/14 fand Niederschlag in zahlreichen Reisebildern. Paul Gauguin ist vor allem durch seine Tahiti-Werke berühmt geworden. Um die Reisekosten dorthin aufzubringen, versteigerte er in Frankreich seine Gemälde und schiffte sich 1891 ins »unbeachtete Paradies in Ozeanien« ein. Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet unternahmen 1914 ihre berühmte Tunis-Reise. Nordafrika war damals für die Europäer noch ein Geheimnis. Die Aquarelle und Skizzenbücher, die sie mitbrachten, schürten die Neugier am Orient. Die Liste solcher Malerreisen ist lang; vor allem Italien zog Künstler aus aller Welt immer wieder an.
Unter den deutschen Malern der Gegenwart gibt es kaum jemanden, der so viele Exkursionen durch deutsche Landschaften, durch Europa und rund um die Welt unternommen hat wie Klaus Fußmann. 1996 bat ihn der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, in einer Ausstellung sechs Jahre nach der Wiedervereinigung seine Landschaftsbilder im Kanzleramt zu zeigen. Von der Flensburger Förde, wo der Maler sein Sommeratelier hat, bis zum Chiemsee, von seiner rheinischen Heimat bis nach Berlin, wo der Künstler im Winter arbeitet, von Baden-Württemberg bis Brandenburg hat Fußmann alle Bundesländer bereist und die unterschiedlichen Landschaften in Bildern und Skizzen festgehalten.
Reisen öffnet die Augen, sagt er. Dabei solle niemand glauben, dass schöne Landschaften nur anderswo zu entdecken seien. »Wie hinter sieben Bergen liegt für viele das eigene Land. Verwunschen und vergessen, obwohl oft keine zehn Kilometer entfernt, erstrecken sich die schönsten Täler, während das Sinnen und Trachten weit in die Ferne gerichtet ist«, schrieb er nach seiner Deutschland-Exkursion.
Ein Rückzug in das nationale Schneckenhaus bedeutet dies nicht. Von zahlreichen Weltreisen hat der langjährige Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin Aquarelle und Zeichnungen mitgebracht, dazu immer wieder kurze, in Tagebüchern festgehaltene Reiseberichte. Neben vielen Europa-Exkursionen – vor allem nach Italien, Frankreich, Spanien, nach Norwegen, Irland, Island und auf die Lofoten – erkundete Fußmann unter anderem Indien, Australien und Neuseeland, die Galapagos-Inseln, Alaska, Kanada und die USA, Mexiko, Ägypten und die Türkei. »Es sind nicht nur die spektakulären Landschaften, die einen in den Bann ziehen. Die Geschichte und Kultur eines Landes, seine Architektur, die Menschen und die gebräuchlichen Farben ihrer Kleidung oder ihrer Häuser – erst all dies zusammen ergibt ein Bild«, sagt der Künstler. So verschmelzen in den Reisebildern äußere und innere Welten. »Malerei kann schlichte Räume und Orte in ein Fest des Sehens verwandeln«, betont der heute 78-Jährige.
Ein Ende speziell der Landschaftsmalerei ist dabei nicht in Sicht. Fußmann: »Der Künstler von heute weiß, dass alle Berge bestiegen sind, die ganze Welt motorisiert ist, tausend Landschaften in den Museen ruhen, dass alles schon gesagt und gemalt wurde und dass er ein Relikt ist, welches sich gegen den Lauf der Zeit stellt. Aber er weiß auch, dass die Erwartung an die Malerei nicht erfüllt wurde, und so fängt er noch mal von vorne an.«
»In Indien geht es überall bunt zu. Während wir Europäer in den sogenannten »gedeckten« Farben wie braun, grau, beige – auch noch blau –
feine Differenzierungen wahrnehmen und untrüglich konstatieren, dass jener Anzug zu braun und dieses Kleid zu blau sei – was bei englischen Kleidern durchaus vorkommen kann –,
spielt die indische Tuchfärbung von vorneherein auf einem »höheren«, riskanteren Level. Indien schwelgt in einer Vielfalt von Pastellfarben, helles buntes Leben schiebt sich durch die Straßen, wogt auf den Märkten. Eine raffinierte Sinnlichkeit in der Auswahl, kühn und doch nicht schreiend, leuchtend, geschmeidig und betörend. Die große Ordnung entgleist dabei nicht.«
»Wer die Felsmalereien im mexikanischen Baja California sehen will, muss mittlere Strapazen auf sich nehmen. Es führen keine Wege zu den »shelters«, und ohne einen Führer kann man sie nicht finden. Ein lebensgefährliches Problem in der Halbwüste, in der es mehr Cardon-Kakteen gibt als Einwohner, ist das Wasser. Die Reise geht also nur mit Burros und »Mulas« und über Stock und Stein, quer durch das Land, die Berge herauf und die Schluchten hinab. Nur der Führer weiß den Weg, findet zum Wasser und bestimmt den Zeltplatz.
»Wer fragt sich schon, wie alt die Erde unter seinen Füßen ist? Wo wir Menschen leben, überzieht eine grüne Decke aus Wäldern und Wiesen das Land. In unseren Städten stehen Häuser darauf, und die Straßen sind geteert. Der Blick auf das Erdreich ist uns verstellt. Im Westen der Vereinigten Staaten aber liegt die Erde bloß. Gebirge und Ebenen haben kaum Vegetation, die geologische Vergangenheit des Kontinents wird dadurch unvermittelt spürbar und sichtbar. Vielleich entsteht dieser Eindruck durch die abgeschliffenen Berge, nirgendwo sonst jedenfalls ist mir das Alter einer Landschaft so direkt bewusst geworden.«

TEXT: STEPHAN RICHTER

BEITRAGSBILD: Indien, Weg nach Eklingi, Familie vor Opferstein, Gouache, 30 x 41cm, 1987

Weitere Bilder sehen Sie in der aktuellen paradiso-Ausgabe, S. 74-77.

 

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