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Die Bremer Stadtmusikanten – Heide Simonis

Konkurrenz für die Gebrüder Grimm: Heide Simonis erzählt.

Wir hatten uns das alles ganz einfach vorgestellt: Wir machen Musik bei den Stadtfeierlichkeiten und dafür bekommen wir was zu essen und zu trinken und einen warmen Platz im Stall. Doch dann standen wir da, struppig von Hunger und Regen, mit knurrendem Magen und mussten uns das Gekeife der Katze anhören. Die ist so biestig, dass man ihr mal wieder den Hals umdrehen möchte. Aber man muss zugeben: Sie hat Recht. Wir hatten geglaubt, die Männer seien mittlerweile alle frauenfreundlich. Das aber war ganz und gar nicht der Fall gewesen.

Jetzt wollt ihr natürlich wissen, wo wir sind, wer wir sind und warum die Katze so viel Macht über uns hat – und wie sich alles zugetragen hat. Ganz einfach: Wir leben in Bremen und machen Musik, ein Esel, ein Hahn, ein Hund und – eine Katze! Die aber ist eine Frau – und Frauen haben in Bremen bei der „Schaffer-Mahlzeit“ nichts zu suchen.

Der Esel

Wir hatten uns das so vorgestellt: Wir ziehen unseren Auftritt durch, nehmen ein Bad in der kalten Weser – ein schnelles nur, natürlich; eigentlich eine Katzenwäsche – und dann gehen wir so unauffällig wie möglich im Strom der Schwarzfräcke hinein ins Rathaus zum Festmahl.

Die Herren, in deren Schutz wir ins Rathaus ziehen wollten, unterhielten sich angeregt und ziemlich laut. Es klang nicht so toll, was wir da mitbekamen. Auch das Essen gehörte offenbar nicht zu den Glanzlichtern des Abends, wohl aber das Trinken. Ihr könnt es glauben oder nicht, aber immer da, wo gesellschaftliche Ereignisse ohne Frauen stattfinden, ist das Essen mies, aber die Biergläser sind groß. Frauen reden mehr miteinander und vergessen das Trinken.

Das ist natürlich nicht nur in Bremen so, sondern überall auf der Welt. Wir hatten nur vergessen, uns darüber Gedanken zu machen. Kein Wunder also, dass auch in Bremen die Herren der Schöpfung den Abend inniglichst herbeisehnten, denn es sollten viele Geschichten erzählt werden – und das Bier würde in Strömen fließen.

Mir lief auch schon das Wasser im Mund zusammen. Ich freute mich auf die anstehenden Ereignisse, bis ich das Gesicht der Katze sah. Der Hund hatte sich schon zurückgezogen und schüttelte stumm den Kopf. Er hatte keine Lust, sich eine Katzenpfote einzufangen. Der Hahn, sonst immer an der Spitze der Hitzköpfe und Großmäuler, schwieg beredt. Alle erwarteten offenbar von mir, der Katze einerseits beizupulen, dass sie nicht mit uns in den Festsaal durfte, sie aber andererseits im Team zu halten, ihr Sopran ist innerhalb unseres Quartetts einfach unerreicht. Das treibt die Gagen in die Höhe und sie hatte schließlich gerade erst den Löwenanteil der Unterhaltskosten unseres Häuschens übernommen. Ohne die Hilfe der wohlhabenden Katze würden wir gar nichts erreichen – im Gegenteil.

Ich robbte mich vorsichtig an sie heran. Ich bin zwar ein Esel, aber ich bin nicht dämlich. Dass sie vor Zorn kochte, konnte ich gleich erkennen. „Komm doch einfach ein bisschen später, wenn alle drinnen und die Kontrollen weniger scharf sind.“ „So“, sagte sie spitz, „und was mache ich, wenn ich drinnen bin?“ „Na, dann hast du einen schönen, kalorienreichen Abend.“ Da aber wurde ihre Stimme schrill, gefährlich schrill. Ihr Kommentar war eigentlich gar nicht zu verstehen, aber einige der Schwarzfräcke drehten sich zu uns um, sahen die Katze und schrien entsetzt auf: „Da ist ja ein Weib!“

Schiet, da hatten wir den Kladderadatsch. Saaldiener eilten herbei, packten uns und setzten uns an die frische Luft, wo sie uns mit einem kalten Weserbad bedrohten. Die Katze, eigentlich eine gesetzte, ältere Dame, schrie, dass sie an diesem Abend schon genug kaltes Wasser für ein Jahr genossen hätte. Und drohte, sie habe ein fantastisches Gedächtnis: „Man trifft sich immer zweimal im Leben!“

Der Hund

Wir hatten an diesem Abend die Nase voll. An einen Zutritt zur Veranstaltung, die übrigens, wie man uns später erzählte, mehr als langweilig gewesen sei, war nicht mehr zu denken. Wir waren nun mal nicht die Zierde der bremischen Gesellschaft. Unsere armen Eltern hatten Bremen ohnehin noch nie gesehen, und die Katze hatte mit ihrem Auftritt auch keine neuen Freunde gewonnen. Ich als alter und vertrauenswürdiger Hund sollte die Gemüter wieder beruhigen und vor allem die Katze aus dem Verkehr ziehen. Kennt ihr Katzen? Dann versucht mal, eine Katze ruhig aus dem Verkehr zu ziehen. Weiber!

Wir zogen betrübt von dannen, hin zu unserem kleinen Häuschen. Irgendwie kamen wir uns so elend vor, wie schon lange nicht mehr. Eigentlich hatte uns diese Gesellschaft noch nie gut behandelt. Wir waren alt und klapperig und kosteten nur Geld. In unserer bescheidenen Herberge konnten wir unser Leben aber so gestalten, wie wir wollten.

Also sagten wir der Katze – und dies nicht nur zu ihrem Trost –, dass sie uns vor einer großen gesellschaftlichen Niederlage bewahrt habe. Dass sie die klügste Frau auf Erden sei. Dass wir nie mehr von ihr verlangen würden, mit uns zur Schaffer-Mahlzeit zu gehen. Und dass wir froh waren, sie bei uns zu haben!

Der Hahn

Es wurde dann doch noch ein schöner Abend in unserem Häuschen, schöner als alle Mahlzeiten zusammen. Und wir wurden danach nie mehr von unserer Herrschaft ausgebeutet und von den grünen Hügeln verjagt. Wir brauchten nicht mehr zu schuften, bis die Gelenke knackten. Wir mussten uns nicht irgendwelchen überkommenen Ritualen unterwerfen und hatten mächtig Spaß. Wir sind uns einig: Unser Leben ist richtig gut und selbstbestimmt. Und zu Veranstaltungen, bei denen Frauen nicht dabei sein dürfen, wollen wir sowieso nicht mehr.

Text von Heide Simonis, Illustrationen von Steffen Butz

Hintergrund: paradiso hat Heide Simonis, die langjährige Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins, im letzten Jahr porträtiert. Als mutige, selbstbewusste Politikerin und als Kämpferin, nicht zuletzt um ihr eigenes Schicksal. Man kennt sie auch als Autorin – doch dass die Ehrenbürgerin ihres Landes mit leichter Hand Geschichten gegen den Strich erzählen kann, das dürfte nicht so geläufig sein. Mit dem Buch „Alles Märchen! Insider packen aus“, einer Persiflage auf die berühmten Figuren der Brüder Grimm, beweist sie diese Fähigkeit auf das Vergnüglichste. Begleitet wird sie dabei von nicht weniger treffenden Illustrationen des bekannten Cartoonisten Steffen Butz.

Das BuchHeide Simonis Alles Märchen
„Alles Märchen! Insider packen aus“, von Heide Simonis,
Lutherisches Verlagshaus 2013, 160 Seiten,
Preis 24,90 Euro, ISBN 978-3-7859-1126-6
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