Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik

Die Kunst der freien Rede

Wie das gesprochene Wort Macht über Menschen gewinnen kann.

Das Adjektiv „wortmächtig“ hat in letzter Zeit, besonders im Zusammenhang mit Reden der Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Joachim Gauck, für Aufsehen gesorgt, gleichzeitig aber auch für einen zunehmend inflationären Gebrauch. Dazu gehört das Bild vom „wirkungsmächtigen“ Aufsatz „Von deutscher Rede“ (Walter Jens). Es ist also der Mythos „Macht“, der mit der Rede verbunden wird, die, nach Aristoteles, auf Kunst beruht und ein Mittel direkter Menschenführung ist. Cicero schließt sich dieser Meinung an. Somit sind wir bei der Rhetorik als der Wissenschaft von der kunstvollen Gestaltung öffentlicher Reden und bei Karl-Heinz Götterts Buch „Mythos Redemacht“.

Rhetorischer Könner: Cicero
Rhetorischer Könner: Cicero

Was sollen jene Reden bewirken, wie sind sie angelegt? Der Redner, so Göttert, „will sein Gegenüber beeindrucken, ihn regelrecht unterwerfen, indem er kunstvoll redet. Er übt Macht aus, nicht brachiale, aber intellektuelle, und findet Beifall für diese Macht“. So mancher bedient sich dabei eines geschickten Aufbaus von Argumentationsketten, ein anderer wiederum fesselt seine Zuhörer mit Gleichnissen, Bildern, Erlebtem und Erlebbarem, ein dritter schließlich durch Pathos, Gestus und Wiederholung. Der gute Redner, weiß der emeritierte Kölner Germanist Göttert, braucht eine Strategie, um seine Adressaten, die oftmals unaufmerksam und uneinsichtig sind, auf seine Seite zu ziehen, ihnen gegenüber Autorität zu gewinnen. Das wird ihm mit der Darstellung der schonungslosen Wahrheit weniger gelingen, sondern vielmehr dadurch, dass er seine Absichten antithetisch und sowohl mit Metaphern (Bildern) als auch mit Anaphern (Wiederholungen) bespickt gestaltet.

Göttert hat mit seinem Werk den Versuch gewagt, großen Reden aus der Antike und der Gegenwart im Hinblick auf deren „Ähnlichkeit“ nachzuspüren. Das ist ihm vortrefflich gelungen. Perikles neben Richard von Weizsäcker, Cicero neben Joschka Fischer, Chrysostomos neben Barack Obama, aber auch John F. Kennedy neben Willy Brandt und viele andere mehr. Atemberaubend, wie etwa Joschka Fischer rhetorisch zu Werke ging, um seine „Grünen“, die ihn auf einem Parteitag am 20. März 1999 noch gnadenlos („Mörder, Kriegstreiber, Verbrecher“) ausgebuht hatten, für einen militärischen Einsatz der Nato im Kosovo umzustimmen. „Mythos Redemacht“ bietet weit mehr als einen Streifzug durch eine 2500-jährige Kulturgeschichte der Rhetorik: Sein Inhalt ist Gewinn, zudem ein großes sprachliches Lesevergnügen.

Text von Karl-Heinz GrothMythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik

„Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik“, von Karl-Heinz Göttert, S. Fischer Verlag, 24,99 Euro, ISBN: 978-3-10-026531-9.

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