18-19NK_Aufmacher_Herbstzeitlosen (1)

Die Melodie bleibt

»Beim Singen die Demenz vergessen« Einmal in der Woche trifft sich der Chor „Die Herbstzeitlosen“ zur Probe. Die Mitglieder sind zwischen 70 und 90 Jahre alt. Für manche bedeutet das Singen eine Möglichkeit, sich gegen die Demenz zu stemmen.

Sie klatscht. Laut und ausdauernd klatscht die ältere Dame nach jedem Lied, das der Chor geübt hat. Sie scheint nicht zu merken, dass die übrigen Singenden das nicht nur nicht tun – sondern auch  halblaut über die Störung murren und protestieren. Sie klatscht unbeirrt weiter. Es ist eine gewöhnliche Szene, die zum Treffen des Chors „Die Herbstzeitlosen“ dazugehört. Jeden Montag singen rund 30 Senioren gemeinsam im Caspar-von-Saldern-Haus, einer ehemals großbürgerlichen
Villa mitten in Neumünster, in der viele kulturelle Angebote einen Platz finden. Die Sänger sind zwischen 70 und 90 Jahre alt, meist sind es ältere Frauen, aber auch zwei Männer singen im Bass.
Manche haben mit den Symptomen der Demenz zu kämpfen, andere nicht. Am Anfang der Chorstunde wirkt es noch so, als sei jeder mit sich selbst beschäftigt, abgekapselt und den eigenen Gedanken  nachhängend. Dann zeigt Chorleiterin Ulrike Vogt, wie man den Körper auf das Singen vorbereitet: Die Senioren wiegen den Oberkörper vor und zurück, stampfen mit den Beinen, die Hände klatschen dazu. Nach einigen Minuten singen sie das erste Lied. „Ich bin ganz schlecht im Erinnern, wenn es um die Liednummer geht“, behauptet die Musikerin, die neben der Chorarbeit als Kantorin und Organistin in der Kirchengemeinde Bokhorst tätig ist. „Aber ich weiß ja, dass es hier Profis gibt, die das wissen.“  Beflissen rufen ihr einige Chormitglieder die Nummern der Stücke zu, die heute gesungen werden sollen. Die Chorleiterin lacht und scherzt, erzählt gefühlvoll kleine Anekdoten, reißt die betagten  Menschen mit ihrer offenen Art mit. Nach einer halben Stunde flachsen die Chormitglieder untereinander, es gibt Smalltalk, Neuigkeiten machen die Runde. Das gesellige Singen bietet für viele eine willkommene Abwechslung vom Alltag, gleichgültig ob im eigenen Zuhause oder im Pflegeheim. „Wir lernen hier keine Noten. Wir üben ein Lied in der einen Woche ein – und in der nächsten sitzt das“, sagt Ulrike Vogt. Was ist für sie Demenz? Als Antwort schildert sie ein Erlebnis, das sie vor Kurzem hatte: Bei einem Konzert saß sie neben einem Bekannten. Sie war sich sicher, ihn gut zu kennen und schon vieles gemeinsam mit ihm gemacht zu haben, doch sein Name wollte und wollte ihr nicht einfallen. „Erst nach zehn Minuten hatte ich ihn plötzlich wieder im Kopf“, so Ulrike Vogt. Dieses Gefühl, dass der Name auf der Zunge liegt, aber doch nicht präsent ist – so fühle sich vielleicht an, was an Demenz Erkrankte um ein Vielfaches stärker erleben. „Was du zu wissen gewohnt bist, ist plötzlich weg.”

Den gesamten Text und weitere Bilder finden Sie in der aktuellen paradiso.

Text und Fotos: Thorge Rühmann

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