EIN MANN mit Prinzipien

Vor genau 12 Jahren hat Stefan Schmidt als Kapitän der »Cap Anamur« 37 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet. Dafür wurde er inhaftiert, vor Gericht gestellt – und schließlich freigesprochen. Heute steht der Lübecker wieder auf der Brücke: als Flüchtlingsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein.

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Die Cap Anamur

Als Stefan Schmidt die Entscheidung seines Lebens traf, war er 62 und landete dafür eine Woche wegen angeblicher Schlepperei in einem italienischen Gefängnis. Als er nach fünf Jahren Prozess endlich freigesprochen wurde, war er 67. Vier Jahre Haft und 400 000 Euro Geldstrafe hatte der Staatsanwalt dafür gefordert, dass Schmidt 2004 als Kapitän des Hilfsschiffs »Cap Anamur« zusammen mit dem damaligen Leiter der Organisation »Cap Anamur – Deutsche Notärzte«, Elias Bierdel, nordafrikanische Bootsflüchtlinge im Mittelmeer gerettet und nach Italien gebracht hatte. »Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall«, lautete die Anklage. Er habe die frierenden und hungernden 37 Menschen im nur sechs Meter langen und zwei Meter breiten Schlauchboot nicht in Lampedusa an Land bringen dürfen.
Nach dem Freispruch hätte sich der Kapitän in Lübeck zur Ruhe setzen können. Als Honorardozent gab er an der Schleswig-Holsteinischen Seemannsschule in Travemünde, an der er einst als Schiffsjungenlehrling angefangen hatte, bevor er später an der Seefahrtsschule das Kapitänspatent ablegte, noch für ein paar Stunden in der Woche sein nautisches und schiffstechnisches Wissen weiter. Aber ein Vollzeit-Job?
Im Herbst wird Stefan Schmidt 75 und ist seit seiner Wahl zum Flüchtlingsbeauftragen des Landes Schleswig-Holstein im Oktober 2011 rund um die Uhr im Einsatz. Ehrenamtlich, wohlgemerkt. »Damals hat man mir gesagt: Es reicht, wenn Du einen Tag in der Woche für diese Aufgabe opferst«, erinnert er sich und ist trotzdem nicht sauer, dass es anders gekommen ist. Er kenne die Meere der Welt, sagt er, der nicht nur als Seemann unterwegs war, sondern auch Leiter einer Seemannsschule im Südpazifik und Honorarkonsul des drittkleinsten Landes der Erde, Tuvalu. Aber was er noch nicht kannte und was ihn nun bewegt, ist »das Meer der Hilfsbereitschaft so vieler Menschen, die Flüchtlingen helfen, sie bei Sprachkursen und der Integration unterstützen«. So sehr ihn die Rechtspopulisten und die Fremdenfeindlichkeit auch ärgern, so wünscht er sich doch, dass dieses Engagement in der Zivilgesellschaft nicht aus dem Blick gerät.
Schmidt kann sich noch gut erinnern, wie die Medien in der ganzen Welt vor 12 Jahren über ihn berichteten. Ob auf der »New York Times« oder der größten Zeitung in Japan, überall prangten Bilder vom mutigen Kapitän der »Cap Anamur« auf den Titelseiten. Richtig verstanden habe er den Medienhype nicht, denn schließlich habe er sich nur an das internationale Seerecht gehalten. »Danach müssen Menschen aus Seenot gerettet werden. Punkt.«, sagt er. Trotzdem sei er letztlich über die große internationale Aufmerksamkeit an dem Fall froh gewesen, zumal sich das Gericht nach fünf langen Prozessjahren zugunsten der Menschenrechte entschieden habe. Seitdem habe es Italien nicht mehr gewagt, noch einmal ein derartiges Exempel zu statuieren.

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Die Flüchtlinge im Schlauchboot

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Vom sinkenden Boot auf das rettende Schiff: Schmidt erklärt Flüchtlingen, wohin er sie bringen wird und welche Chancen sie dort haben.

Das Schlüsselerlebnis auf der »Cap Anamur« helfe ihm heute, als Flüchtlingsbeauftragter und bundesweit gefragter Referent gerade jungen Menschen klar zu machen, dass »jeder selbst seinen Deal mit dem Schicksal machen muss«. 2004 war ihm die Rettung der im Schlauchboot vom Kentern bedrohten, seekranken Menschen auch die Inhaftierung wert. Heute sei ihm das Amt des Flüchtlingsbeauftragten lieb, auch wenn er wegen der intensiven Belastung seine Dozententätigkeit an der Seemannssschule und am Maritimen Zentrum in Hamburg aufgeben musste. Als er 2011 vom Land Schleswig-Holstein gefragt wurde, ob er die ehrenamtliche Tätigkeit annehmen würde, habe er wie auf See nicht lange gefackelt. »Natürlich ist es als Kapitän auf einem Handels- oder gar Kreuzfahrtschiff schön, sich vom Steward den Tee auf die Brücke bringen zu lassen«, lacht er. Aber die jetzige Aufgabe bedeute mehr Erfüllung, weil er Menschen aus eigener Erfahrung zurufen könne: »Schaut nicht nur auf die Politik und staatliche Organisationen. Bringt Euch ein. Ihr werdet staunen, was jeder einzelne alles bewirken kann.«

Zuhause in seiner Wohnung in Lübeck erinnern viele Andenken an seine Seefahrtszeit. Im Regal entdeckt der Besucher auch die Carl-von Ossietzky-Medaille, die ihm die Internationale Liga für Menschenrechte verliehen hat, oder die »Helfende Hand«, eine Auszeichnung der Hilfsorganisation »pro Asyl«. Für Schmidt ist dies alles nicht so wichtig. So wie einst als Kapitän auf der »Cap Anamur« für die Besatzung, versteht er sich jetzt als Flüchtlingsbeauftragter verantwortlich für die vielen Gestrandeten aus Krisenländern, die an Deck des reichen Europas Hilfe und Zuflucht suchen.
»Die Politik hätte sich viel früher darauf einstellen müssen, dass immer mehr Menschen aus Kriegsgebieten oder aus Regionen, in denen es nicht genügend Nahrung und Wasser gibt, zu uns kommen«, kritisiert er. Die von den Industrieländern mitzuverantwortenden Fluchtursachen – zum Beispiel der Klimawandel – seien doch absehbar gewesen. Niemand im wohlhabenden Europa möge jammern, das Schiff sei voll. »Als Kapitän muss ich Menschen führen und motivieren – gerade wenn die See mal rauer ist«, lautet seine Devise. Im Übrigen sollte sich jeder an Zeiten erinnern, in denen er selbst Hilfe benötigte. »Ich bin auch Flüchtling und als Dreijähriger mit meinen Eltern am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Stettin hierher gekommen«, sagt Schmidt.
Im November 2017 endet seine Amtszeit als Flüchtlingsbeauftragter. Dann ist er 76. Wird er kürzer treten? »Zwar will ich mich mehr um meine beiden Enkelkinder kümmern«, sagt er, »aber wenn es der Wunsch des Landes ist und meine Gesundheit mitmacht, hänge ich noch einmal sechs Jahre dran.« Auch hier spricht wieder ganz der Kapitän der alten Schule. Er bleibt auf der Brücke, solange es sein muss.

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Kapitän Stefan Schmidt

 

TEXT: STEPHAN RICHTER

Fotocredits:
PICTURE-ALLIANCE/DPA/DPAWEB (1), PICTURE ALLIANCE/AP PHOTO (2), PRIVAT (3)