Iona

Einkehr auf Iona

Geografisch ist die Insel Iona als Teil der Inneren Hebriden vor der Westküste Schottlands nicht mehr als ein Stecknadelkopf im Atlantischen Ozean. Dennoch war sie lange Zeit ein spirituelles Zentrum für die keltischen Länder. Heute besuchen Touristen das magische Eiland. paradiso-Autorin Anette Schnoor kehrte von Iona mit einem neuen Lebensgefühl zurück.

Iona
Warten in Oban: Viele Einheimische nutzen die Verbindung zwischen dem schottischen Festland und der Insel Mull, um von dort aus nach Iona zu gelangen.

“Was soll das alles, was tue ich hier“, denke ich. Zwei anstrengende Reisetage liegen hinter mir. „Eigentlich reicht es mir jetzt schon“, denke ich weiter und setze den ersten Schritt auf die Insel. Iona. Einst haben hier Druiden die Sonne angebetet, nach ihnen christliche Männer das geistige Zentrum der Keltischen Kirche begründet. Schottische, irische und norwegische Könige wurden auf Iona feierlich bestattet. Sogar der Shakespeare-berühmte Macbeth soll unter ihnen sein. Es ist ein spiritueller, ein machtvoller Ort. Doch statt ehrfürchtiger Freude spüre ich den schweren Rucksack und das unbändige Bedürfnis, endlich wieder allein zu sein.

Seit zwei Tagen bin ich unterwegs mit einer Gruppe von Kollegen, die ich gerne mag. Eigentlich. Ich habe mich auf unsere gemeinsame Reise auf die Hebrideninsel gefreut: Mit dem Flugzeug nach Amsterdam, weiter nach Glasgow ging es und mit dem Zug nach Oban, einem romantisch anmutenden Hafenstädtchen. Von dort aus mit der Fähre nach Craignure auf der Insel Mull und dem Bus zum süd-westlichsten Mull-Zipfel, dem Fähranleger Fionnphort, endlich weiter nach Port Rònain, dem Hafen von Baile Mòr, der „Hauptstadt“ von Iona – rund 20 Häuser und ein paar Läden. Selten habe ich so viel gesessen und gewartet: in Flughäfen, im Flugzeug, im Bus, am Fähranleger, auf der Fähre. Und überall Menschen. Keine Möglichkeit, allein zu sein. Nicht einmal im Hotelzimmer. Und auf Iona werde ich mich heute Nacht auch in einem Mehrbettzimmer schlafen legen. Als ich diese Reise zur „Selbsterfahrung“ antrat, hatte ich mir das anders vorgestellt – irgendwie privater. Ich bin genervt.

Lismore Light  – das Leuchtfeuer weist den Fähren zwischen Oban und Craignure auf der Insel Mull den Weg.
Lismore Light
– das Leuchtfeuer weist den Fähren zwischen Oban und Craignure auf der Insel Mull den Weg.

Alles in mir schreit nach Bewegung und Ruhe – bis Misses Tindal mich erlöst. Unsere Herbergsmutter wartet mit Mann und Hund am Anleger. Ob sie uns das Gepäck abnehmen können? Breites Lächeln. „Oh, yes please!“ Ob jemand mitfahren möchte bis zu den beiden Häuschen, in denen wir die kommenden Tage verbringen wollen? „Oh, no thank you!“ Wir wollen doch lieber gehen. Gern allein und ohne miteinander zu reden. Ich lasse mich zurückfallen, fühle mich verstanden, atme auf, genieße die Ankunft.

Iona liegt in warmem Abendlicht. Ein knapp neun Quadratkilometer großes Stück Land inmitten von atlantischen Wassermassen. Hier wohnen weitaus mehr Schafe als Menschen. Etwa 150 Insulaner führen ein karges Leben. Sie haben nicht einmal eine Kneipe; nur das wirklich gute Restaurant im Argyll-Hotel, aber das ist eher ein Ort für Touristen.

Fehlende Unterhaltung ist gefährlich. Vor ein paar Jahren kenterte ein Ruderboot, voll besetzt mit jungen Männern, die sich auf den Weg zu einer Tanzveranstaltung auf der großen Nachbarinsel Mull gemacht hatten. Es war nicht das erste Mal, dass sie so unterwegs waren, aber an diesem Tag erwischte eine riesige Welle ihre kleine Nussschale und spülte die gut gelaunten Passagiere ins Meer. Vier ertranken in der tückischen Strömung. Der Schock sitzt tief auf Iona, noch heute.

Praktisch: Touristengepäck, landwirtschaftliches Gerät und seinen Hund transportiert Herbergsvater Mister Tindal gleichermaßen mit Quad  und Anhänger.
Praktisch: Touristengepäck, landwirtschaftliches Gerät und seinen Hund transportiert Herbergsvater Mister Tindal gleichermaßen mit Quad
und Anhänger.

Ich folge dem sanft ansteigenden Weg, an einem kleinen Sparmarkt vorbei direkt durch die Ruinen des alten Nonnenklosters. Eine Katze schlendert gemütlich über die gut erhaltene Steinbank im einstigen „chapter house“. In mir formen sich Bilder frommer Frauen aus längst vergangenen Tagen, wie sie hier zusammensaßen, sich aus der Bibel vorlasen und Rat hielten. Sehr alte Skelette haben Archäologen auf dem Gelände der alten „nunnery“ gefunden. Vielleicht hat es die frommen Frauen schon gegeben, bevor im 6. Jahrhundert der sagenhafte Columban auf der Insel landete und seine Abbey begründete, die berühmte Iona Abbey.

Abseits von Ruinen und  rauer Küstenlandschaft finden sich auf Iona ro- mantische Wege, vorbei an  gepflegten Gärten und  liebevoll sanierten alten Häusern.
Abseits von Ruinen und
rauer Küstenlandschaft finden sich auf Iona ro-
mantische Wege, vorbei an
gepflegten Gärten und
liebevoll sanierten alten Häusern.

Von hier aus zogen Mönche in die Welt, den Ungläubigen das Christentum zu lehren. Wer auf Iona blieb, bekam es mit furchtbaren Überfällen zu tun. Drei Beutezüge der Wikinger überstand Columbans Gemeinschaft. Wieder und wieder bauten die Männer brutal zerstörte Gebäude auf, bis ins 11. Jahrhundert hinein. Danach nagte der Zahn der Zeit an dem in Furcht vor neuen Raubzügen verlassenen Gemäuer – bis 200 Jahre später mutige Benediktiner eine mächtige Abtei errichteten.

Ich sehe diese Abtei, wie sie damals vielleicht ausgesehen haben mag, als ich dem Weg folge, weiter hinauf. Frisch renoviert und ordentlich ducken sich Häuser und Türme in den hügeligen Küstenstreifen. Malerisch sieht das aus in der rotgoldenen Abendsonne. Wie es hier wohl früher war, noch bevor die Katholiken kamen? Und wie sah es nach der Reformation aus, als das alte, wieder einmal verlassene Gemäuer zerfiel? Was war, bevor die 1938 gegründete überkonfessionelle „Iona Community“ das alte Kloster wieder aufbaute?

Doch nicht in die Abbey drängt es mich am nächsten Morgen, sondern in die Natur. Gemeinsam mit den Kollegen begebe ich mich auf Spurensuche in die „Bucht des Columban“ – und folge ausgetretenen Pfaden. Natürlich, der Mann ist hier eine Berühmtheit und viele Besucher wollen die Stelle sehen, an der er angeblich vor rund 1500 Jahren die Insel betrat. Wir absolvieren das alltägliche Besucherprogramm und doch spüre ich den ersten Hauch von – ja, was ist das, was ich erlebe, während ich hinter den anderen her über schmale, erdige Pfade trotte? An der Küste entlang, über einen Golfplatz – wer spielt hier in dieser stürmischen Einsamkeit Golf? – vorbei an vielen Schafen, deren Lämmer verblüffend hoch hüpfen und dabei freudig blöken. Mit jedem Schritt, den ich gehe, und jedem Stück Natur, das ich sehe, steigen Bilder in mir auf, wecken die Gerüche des Meeres, von Heidelandschaft, Salz und Strand verschüttete Gefühle. Und plötzlich erscheint das Gesicht meiner verstorbenen Mutter vor mir. Strandtage, das waren Familientage, damals, als ich noch klein war.

Ankunft auf Iona: Die gegenüberliegende Küste strahlt rot im Abendlicht. Anderntags wird sie im Nieselregen kaum zu sehen sein.
Ankunft auf Iona: Die gegenüberliegende Küste strahlt rot im Abendlicht. Anderntags wird sie im Nieselregen kaum zu sehen sein.

In der kieseligen Bucht von Columban hat jemand ein Steinlabyrinth gelegt. Steinfiguren gibt es überall auf Iona. Ich gehe daran vorbei, blicke auf Meer und Strand und versuche,  mich in die Lage eines Verstoßenen einzufühlen, der mit zwölf  Getreuen auf dieser Insel landet. Ob hier Menschen leben? Was die Zukunft bringt? Und dann sehe ich das Licht. Es hält mich ganz und gar gefangen. Tatsächlich: Da hüpft ein einzelner Lichtstrahl über die Wellen, bewegt sich ein kleines bisschen in Richtung Meer und ist noch eine ganze Zeit zu sehen; dieser einzelne Strahl. Als ich später die anderen frage, ob sie ihn auch gesehen haben, herrscht ratloses Kopfschütteln. Mein Wunder von Iona. In der Nacht träume ich von meiner Mutter.

Sie ist an Krebs gestorben, meine Mutter, und in meinen Träumen tut sie es wieder und wieder und wieder hier auf der Heiligen Insel. In unserer Familie ist bisher jeder an Krebs gestorben, der gestorben ist: Darm, Gebärmutter, Brust, Eierstock, Lunge, Bauchspeicheldrüse. Früher hat mir das so viel Angst gemacht, dass ich im gesamten Freundeskreis als „schlimmer Hypochonder“ verschrien war. Ich habe die Angst verdrängt. Es muss ja weitergehen, das Leben. Es geht ja immer weiter. Aber jetzt ist sie wieder da. Guckt mich an mit ihrer dunklen Fratz: „Na“, fragt sie. „Na, was machste jetzt mit mir?“ Ich weiß es nicht.

Als ich tags drauf in einer anderen Bucht voll großer runder Kiesel sitze und gedankenverloren einen Stein zur Hand nehme, zeigt der zwei schwarze runde Flecken. „Tumoren“, denke ich und lasse ihn fallen, als läge er brennend heiß in meiner Hand. Ich überwinde mich, schaue noch einmal hin. Tatsächlich – der helle Stein trägt zwei schwarze Flecken. Mehr nicht. „Schau mal, was ich eben gefunden habe, den möchte ich Dir schenken.“ Eine freundliche Hand streckt mir ein weiches, warmes, rundes Steinchen mit hellgrünen Einschlüssen entgegen. „Schön“, denke ich. „Grün ist eine heilende Farbe, die Farbe von Hoffnung und Wahrheit.“ Beinahe muss ich weinen vor Erleichterung. Ich stecke es in meine Hosentasche – trage es bis heute bei mir.

Die Dünen-und Strandlandschaft in Hafennähe erinnert beinahe an karibische Strände.
Die Dünen-und Strandlandschaft in Hafennähe erinnert beinahe an karibische Strände.

„Was ist, Angst? Was willst Du von mir?“ frage ich, als ich am nächsten Tag den Norden der Insel auf eigene Faust erkunde. Außer meiner warmen Segeljacke habe ich einen Reitregenmantel dabei. In dem riesigen dunklen Cape unter der Kapuze sehe ich selbst aus wie der Tod, mit dem ich ringe. Geboren werden, leben, sterben. Im Großen wie im Kleinen. Ständig an der Schwelle von etwas Neuem. Wer traut sich schon, Altes, angeblich Sicheres loszulassen? Wie lange habe ich als Rechtsanwältin gearbeitet, obwohl ich vor Anstrengung nichts essen konnte? Wie war das später im Medienbüro? Irgendwann versagte der Rücken. Ich trug ein Korsett. Mit Stromstößen bekämpfte es Schmerzen, die sich noch gegen tägliche Betäubungs-Infusionen behaupten konnten. Zu stehen war nicht möglich, denken kaum, und trotzdem habe ich gearbeitet, konnte nicht loslassen, was mir doch so offensichtlich nicht guttat. Ich landete in einer Klinik, lernte endlich, mich zu entspannen, wehrte mich dagegen, dachte, nun bekäme ich zu allem Übel auch noch eine Grippe. Dabei war es nur die angenehme Schwere des Nichtstuns, des einfach nur Da-Seins, die den Schmerz mit sich nahm und Raum für eine neue Erkenntnis machte: Es geht tatsächlich weiter, das Leben. Auch ohne den Job.

Malerisch: Boote vor Ionas Felsenküste.
Malerisch: Boote vor Ionas Felsenküste.

Diese entspannende Schwere senkt sich auf mich, als ich auf meinem großen, ausgebreiteten Wachsmantel liege und in den Himmel schaue. Weit oben auf einem Hügel liege ich. Nach stundenlangem Auf und Ab durchs modderige Gelände, an Steinwällen entlang, über Zäune, erstaunte Schafe freundlich grüßend, spüre ich meine Beine. Morgen wird es Muskelkater geben. Schön, wenn der Körper etwas zu tun bekommt. Unterwegs habe ich nicht viel gedacht. Ich war zu sehr damit beschäftigt, einen Fuß vor den anderen zu setzen, die Stellen zu finden, in denen ich nicht hoffnungslos im Matsch versinken würde, in den Himmel zu schauen –  wird es Regen geben? – und nach einem geeigneten Picknickplatz Ausschau zu halten. Wer mag wohl vor mir schon hier gesessen haben? Volle vier Stunden lang war ich unterwegs und habe keinen einzigen Menschen gesehen. Auch jetzt entdecke ich in der weiten Ebene unten niemanden, als ich mich aufsetze und ins Käsebrot beiße.

Also: Was willst Du von mir, Angst? Wovor willst Du mich warnen? Was soll dieser Schrecken einer tödlichen Krankheit, der Schrecken des Todes, was macht der hier? Ich kaue und kaue und komme nicht drauf. Abends fällt mir im Gemeinschaftsraum ein Buch in die Hände, darin die Antwort: „Wer sich dem Leben gelassen hingibt, verliert seine Angst.“ Mit der Welle surfen, ihrer Kraft vertrauen, nicht gegen Wassermassen kämpfen. Das kenn ich. „Das kann ich“, denke ich und schlafe ein. Tief und fest schlafe ich ein in dem schmalen Bett, neben den anderen.

Die Border Collis haben auf Iona viel zu tun. Sie sind als Schäferhunde Arbeitstiere.
Die Border Collis haben auf Iona viel zu tun. Sie sind als Schäferhunde Arbeitstiere.

Ich habe Iona mit nach Hause genommen, mit in mein Leben. Am letzten Tag hat mir die Insel zum Abschied noch einen Stein geschenkt. Auf seiner glitzernden Oberfläche trägt er selbst eine kleine Insel. Sie erinnert mich daran, dass die Angst vergeht, wenn ich auf meiner Lebens-Welle surfe, ihre Kraft nutze. Ich weiß: Sie wird schwächer werden, sich verlaufen, irgendwann zurück ins Meer fließen. Das habe ich nicht in der Hand. Aber bis dahin lebe ich zwischen Gischt und Luft, Sonnenschein und Sand – in den Tod hinein.

Text und Fotos von Anette Schnoor

Die Abbey

«
»

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht *