Internet

Mitten im Abstieg – wohin?

Die gesellschaftlichen Fliehkräfte nehmen zu. Das Internet beschleunigt den Zerfallsprozess. Auf die Gutenberg-Galaxie folgt die digitale Kernspaltung. Ausgang offen.

Wenn Parteien nicht mehr weiter wissen, beschwören sie die „politische Mitte“. Wer sie für sich gewinnt, hat bessere Wahlchancen. Dumm nur, dass sich diese Mitte immer mehr verflüchtigt. Vorbei sind die Zeiten, da die Gesellschaft allabendlich am medialen Lagerfeuer der „Tagesschau“ die Geschehnisse der letzten 24 Stunden Revue passieren ließ. Die digitale Welt hat dem Menschen das Wildfeuer zurückgebracht. Ungezähmt, löst es Erdbrände aus. Die Mediengesellschaft ist daran nicht unschuldig.

Jede neue Technologie revolutioniert die alte Gesellschaftsordnung. Das war bei der Erfindung der Druckerpresse oder der Dampfmaschine so, das ist beim Internet so. Das Bildungsbürgertum, das sich jahrzehntelang an den Kulturseiten der Heimatzeitung labte und am öffentlich-rechtlichen Rundfunk wärmte, verliert seine medialen Bastionen. Berichte über Konzerte des Kirchenchores, Ausstellungen im Museum oder über Aufführungen im Theater fallen immer kürzer aus und erreichen nur noch die ältere Leserschaft der Printmedien. Kommunalpolitik ist nur noch etwas für die eigene Kaste, die sich in die eigene Tasche lügt.

Das Internet aber schafft ungeahnte Möglichkeiten der Teilhabe. Trotzdem wird die Demokratie als Staatsform zunehmend infrage gestellt. So kommt eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln zu dem Ergebnis, dass das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in das demokratische System und die liberale Wirtschaftsordnung in Europa rapide sinkt. Das Institut macht dafür vor allem die hohe Arbeitslosigkeit und das schwache Wachstum in vielen EU-Ländern verantwortlich.

Diese ökonomischen Gründe gehen indes mit einer politischen Sinnkrise einher, die mit den digitalen Medien korreliert. Skandalisierungen, der Trend zu Unterhaltung und Comedy, die Banalisierung und Trivialisierung der Wirklichkeit nehmen im virtuellen Zeitalter Fahrt auf. Statt wichtiger Nachrichten und großer Narrative wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben. „Unsere Handlungs- und unsere Wahrnehmungswelt gehen dramatisch auseinander“, sagt der Philosoph und Literat Rüdiger Safranski.

Die Zeitung war – von Ausnahmen abgesehen – ein Medium, das die gesellschaftliche Mitte stabilisierte. In ihr spiegelten sich bürgerliche Kultur und Bildung wider, die etablierten Parteien bestimmten den politischen Kurs, Kirche oder Wirtschaftsverbände kamen zu Wort. Das Internet unterhöhlt diese Strukturen. Das ist vergleichbar mit den tief greifenden Veränderungen, die das gedruckte Wort nach der Gutenbergschen Erfindung in der Mitte des 15. Jahrhunderts mit sich brachte. Reformation, Aufklärung, Demokratie: alles ohne die Verbreitung von Druckerzeugnissen undenkbar.

So wie das Feudalsystem unter den Printmedien erzitterte, gerät jetzt die bürgerliche Mitte ins Wanken. Die Angst vor dem Absturz betrifft nicht nur den materiellen Wohlstand der Mittelschicht. Es geht die Geborgenheit im sozialen Milieu verloren – samt seiner Privilegien. Ein „Shitstorm“ kann jeden treffen. Das Internet, so Stanford-Professor Robert Pogue Harrisson, verändert nicht die Welt, wohl aber unsere Art zu denken und Gefühle auszudrücken, unsere Interaktion mit anderen. Die digitale Revolution wird in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten die ganze Gesellschaft im Innersten verändern. Auch das gedruckte Wort, ob als Flugblatt oder Zeitung, unterwanderte Macht und Einfluss der herrschenden Klasse und schürte ihre Angst, dass ihr die Zügel entgleiten könnten. Verfahren wegen Störung der öffentlichen Ordnung waren ebenso angesagt wie Anklagen wegen Hochverrats. Zugleich versuchte die Elite, sich der Medien zu bemächtigen.

Der Wertewandel, die Veränderungen des bürgerlichen Bildungskanons, die Auflösung von Familienstrukturen, der Autoritäts- und Bedeutungsverlust von Kirche, Gewerkschaften, Verbänden und Parteien: Die digitale Revolution ist längst kein technologisches und ökonomisches Konstrukt mehr allein. Das Internet ist eine Ideologie, die bestehende Strukturen und Systeme schonungslos infrage stellt. Und neue Mehrheiten organisiert. Zumal auch die Sozialdisziplin verloren geht, die stabile Gesellschaften gekennzeichnet hat. Im Internet gilt das Vermummungsverbot nicht. Jeder kann sich mit Tarnnamen versehen. Nicht nur Menschen vom linken und rechten Rand melden sich zu Wort, sondern auch mancher Bürger, manche Bürgerin aus der gesellschaftlichen Mitte beginnt hinter der Pseudonym-Maske zu zündeln. „Mitte wird als langweilig und gleichförmig empfunden“, sagt der Berliner Politologe Herfried Münkler. Die modernen Medien liefern das Gegenteil. Dschungelcamp für die sinnentleerte Unterhaltungsgesellschaft. Gamescom statt Agora.

Die Internet-Jünger aus dem Silicon Valley wollen die Welt von Grund auf verändern. Das ist noch nie gut gegangen. Doch die Heilspropheten kennen die Algorithmen. Sie haben die Macht. Dagegen waren die Besitzer von Handpressen und Zeitungsrotationen Zwerge. Die Frage, was in dieser digitalen Revolution als Errungenschaft der Aufklärung gerettet werden soll, wird kaum gestellt. Welchen Stellenwert hat die Demokratie in der Industrie 4.0?

Text von Stephan Richter

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