Haar

Nie wieder Haar

100000 bis 200000 Menschen werden jedes Jahr in Deutschland zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen. Der Berliner Publizist Detlef Vetten musste in der Geschlossenen von München-Haar viele Wochen verbringen. Der Grund: Alkohol. Für paradiso hat er sich Haar noch einmal angesehen – von außen.

Bei der Entlassung sagte der Pfleger: „Wär schön, wenn wir uns nicht mehr sehen.“ Sein Händedruck war fest, er hatte ein freundliches Gesicht, aus dem der Ernst nie ganz verschwand. „Wie lang waren Sie jetzt bei uns?“ – „50 Tage.“ –

„Das ist viel. Naja, jetzt ist’s ja vorbei. Halten’S durch. Sehen’S zu, dass Sie es schaffen da draußen.“ Die pneumatische Tür schloss sich. Runter die zwei Etagen, raus aus dem Gebäude. Losmarschieren in Richtung der S-Bahn und der großen Stadt. Das war’s. Noch ein letzter Blick zurück. Die Geschlossene lag still, groß und freudlos in der Nachmittagssonne. Nein. Nicht mehr hinsehen. Einfach gehen. Abhaken, das Ganze.

Wenn das so einfach wäre! Nach einer halben Stunde saß ich in der S-Bahn und war verwirrt, weil sich alle so benahmen, als sei die Welt normal. Ich stieg am Marienplatz um, und es roch nach Alkohol. Ich kaufte eine Kleinigkeit zum Essen ein und sah, dass in der Weinabteilung alle Regale wohl gefüllt waren. Die Wohnungstür ließ sich nur schwer öffnen – die unten durchgeschobenen Briefe hatten sich ein bisschen verkeilt. Essen vor dem Fernseher, es roch muffig, es war kein Leben im Zimmer.

Gedanken zurück: Jetzt war auch Abendessen auf der Geschlossenen. Wer wohl in der Küche Ordnung machen würde? Was für ein Fernsehprogramm sie sich wohl ausgesucht hatten? Draußen wurde es Nacht über München. Ich durfte da nicht raus. Da trank man, wenn man Probleme hatte, so hatte ich es gelernt. Und ich hatte ein massives Problem. Ich war raus aus der Geschlossenen. Aber ich war auch raus aus der Welt. Damals sagte ich mir: Nie mehr nach Haar. Nie mehr.

Jetzt stehe ich doch wieder in Haar. Diesmal nicht wegen der Sauferei von einem Notarztwagen gebracht. Diesmal bin ich hergekommen, um zu fühlen, wie es ist. Was passiert, wenn ich mich auf die Runde mache, die ich hunderte Male gedreht habe, nachdem ich auf die Geschlossene verbracht worden war?

Es ist früher Morgen, über Bayern strahlt ein blauer Himmel. Von der Autobahn her wummert es, ein Güterzug fährt hinter dem Wald in Richtung Österreich. Baumaschinen kreischen, aus der Ferne hämmert, hupt und lebt es.

Haar sieht aus, hört sich an und riecht wie damals. Stehen gebliebene Zeit.

Angst? Ja. Beklommenheit drückt auf den Magen. Der Atem geht flach. Matte Muskeln, auf dem Sprung. Vorsichtige Blicke. Sorge, dass hinter der nächsten Ecke etwas Unangenehmes lauert.

Das Gelände des Isar-Amper-Klinikums  hat nicht immer so geheißen. Früher sagte man einfach „Haar”. „Haar” – das war und das ist immer noch eine der berüchtigsten Psychiatrien des Freistaats. Nach Haar kommen die, die es in der Gesellschaft nicht schaffen. Säufer, Drogenabhängige, Verwirrte. Die ernsten Fälle landen in der Geschlossenen. „Der war in Haar“, sagen die Menschen auf dem Dorf. „Der hat sie nicht mehr alle.“ Und denken tun sie: „Den kannst vergessen.“

Es wird wieder einmal tüchtig gebaut. Ein kleiner Berg ist neben dem Sportplatz aus dem Boden gewachsen, und wegen der Nachtkälte sind die Kiesel schön fest gefroren – eine Freude, den Berg hochzukraxeln. Dann steht der Jogger am höchsten Punkt und fühlt sich erhaben. Er wittert in alle Himmelsrichtungen, er kneift die Augen zusammen und blinzelt hinunter zu einem seltsamen Gebäude. „Die Burg” nennen die Menschen von Haar dieses viereckige Monstrum. Die Fenster sind vergittert und mit Rollläden verblendet, aus dem Inneren dringt kein Geräusch. Um das Gebäude zieht sich ein vier Meter hoher Drahtzaun mit Stacheln an der Oberkante.

Runter vom Berg. Vorbei an einer Baustelle. Auf dem „Irren“-Campus schlurfen traurige Frauen und Männer zur Sporttherapie. Schmerzende Seelen. Sie blicken nicht nach links und nach rechts, sie nehmen niemanden wahr, sie gehen ihr Tagespensum ab. Nicht „Guten Morgen“ sagen! Das verwirrt die Leute nur. Hundert Meter weiter stehen zwei finstere Männer im Weg. Sie haben Schutzwesten an und sehen wie FBI-Kämpfer auf dem Kreuzzug aus. Auf ihrem Van steht „Haar Forensik”. Die beiden riechen nach Zorn und Streit. Nicht „Guten Morgen“ sagen. Nur ja keinen Blickkontakt. Das tut nie gut hier in Haar.

Das Gelände des Klinikums ist für den Ortsfremden ein bisschen verwirrend. Verschachtelt und ungeordnet stehen Gebäude auf der Wiese, verbunden durch gewundene Teersträßchen und Parkplätze. Viele Häuser sind in den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts gebaut worden – sie wirken verspukt, verstaubt, vergangen. Das größte Gebäude ist ein langer Krankenhaus-Quader. Schmucklos, scheinbar himmelhoch, die Farbe platzt von der Fassade ab. Hier ist die „Geschlossene” von Haar. Im zweiten Stock steht einer, dessen Blick ganz weit in die Ferne geht. Sein Körper ist starr, die Hände stecken in den Taschen eines Bademantels. Eine kleine Ewigkeit steht der Mann so – ein Scherenschnitt in einem ungastlichen Fenster. Dann schreckt der Mann auf. Wie gehetzt dreht er sich um und verschwindet vom Fenster.

Wer sich auskennt, weiß: Der Trinker hat von freier Luft geträumt. Dann klingelte das Patiententelefon auf dem Gang. Der Eingesperrte, der immer auf einen Anruf von draußen hofft, ist zum Telefon gehastet. Vielleicht wäre es diesmal für ihn. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Er hat es von dem Fenster, an dem er stand, nicht weit zum Hörer des Apparats an der Wand. Ob er ihn als Erster erreicht, ist nicht sicher. Es sind immer mehrere, die warten und hoffen.

Wenn Du einen Anruf bekommst, versuchst du, dir einen Raum zum Reden zu schaffen. Das ist nicht einfach. Ein Stuhl ist nicht in der Nähe. Entweder drückst du dich an die Wand und lässt den Hörer zwischen Mauer und Körper verschwinden. Oder du kauerst dich auf den Boden und ignorierst die anderen Patienten, die ihre Runde auf dem Gang drehen.

Ich komme nicht vom Fleck. Blicke hinauf zu dem Fenster, hinter dem niemand mehr steht, und bin wieder mittendrin: Frühstück war um sieben, danach muss man sich die Zeit erst einmal vertreiben. Zwischen zehn und zwölf kommen die Ärzte. Das ist eigentlich nichts, worauf man sich freuen kann auf der Geschlossenen. Trotzdem richtet man den Vormittag auf diese Visite ein. Könnte ja sein, dass diesmal ein Wunder geschieht. Vielleicht entlassen sie einen. Oder sie wollen vielleicht ja diesmal wissen, wie es einem geht.

Wollen sie aber nicht. Wollen sie nie. Sie können gar nicht anders: Sie geben sich Mühe, die Patienten sauber zu verwalten. Mehr Kraft und Zeit bleibt nicht.

Da ist der Chef. Bei der Visite sagt der kein Wort. Ein sportlicher Mittvierziger. Anschauen kann er die Patienten nicht. Er hat es immer eilig – dann kann ihn auch niemand aufhalten, um mit ihm zu reden. Einmal hielt  er einen Vortrag und war sehr streng. Er musterte uns, ohne den Anflug von Mitgefühl: „Sie müssen sich klarmachen, dass Alkohol Ihr Feind ist. Sie sind nicht von ungefähr hier gelandet.“

Danach haben wir verzweifelt gelacht über den Mann. Und geärgert haben wir uns. Neues hatte er uns nicht erzählen können. Dass ein Entzug  peinvoll ist, dass mit dem ersten Glas der Absturz beginnt, dass unsereins sich Hilfe suchen soll, dass wir „alte Freunde“ besser meiden… „Als ob ich das nicht alles schon wüsste“, sagte die berühmte Schauspielerin. Ihr Brillenhämatom verheilte nur langsam. Sie konnte die Angst nicht ablegen, dass es ein Paparazzo auf den Balkon im zweiten Stock schaffen und dann durch die Gitterstäbe ihre blauen Augen ablichten würde. „Dieser Professor will uns für dumm verkaufen. Ich weiß doch, was mir nicht gut tut. Ich bin nicht blöd. Trotzdem sitze ich hier.“

Sie war im Suff die Treppe runtergefallen. Vielleicht hatte sie auch der Lover geschubst. „Der säuft schlimmer als ich“, erzählte sie. „Aber der würde nie hier landen.“

Der Handwerksmeister aus dem Schwäbischen nickte. „Mir hilft das überhaupt nicht, was die mir hier erzählen. Die setzen den Alkohol ab, schleppen mich mit Medikamenten durch den Entzug. Dann geht es mir ja hier gut, ich mag es ganz gern. Habe endlich mal meine Ruhe.“ Man nickte. So war es. Natürlich brüllte mal ein „Neuzugang“. Der kam ja gerade aus seiner persönlichen Hölle. Wurde für die ersten 24 Stunden ruhig gestellt. Wenn es ganz schlimm kam und es waren die falschen Pfleger auf Schicht, dann landete ein Mensch auch mal in der Zwangsjacke. Nicht, dass der dann weniger oder leiser geschrien hätte. Das Toben hatte aber irgendwann ein Ende. Wenn die Medikamente wirkten oder die Stimmbänder nicht mehr konnten. Spätestens am dritten Tag war auch der Letzte friedlich. Ja, alles in allem war es friedlich auf Station.

Nachmittags durften Besucher kommen. Die Routiniers lächelten viel und waren besonders nett, wenn sie wieder gingen. Die Frau des Handwerkers mochte ihren Mann gar nicht mehr loslassen und sagte einmal, als er gerade nicht in der Nähe war: „Hier in Haar ist er der Mann, den ich geheiratet habe. Freundlich und zuvorkommend – und ich muss keine Angst haben, dass es ihn wieder erwischt.“

„Scheinbar hatten wir die Würde verloren“: Jetzt konnten wir sa- gen, was wir wollten.
„Scheinbar hatten wir
die Würde verloren“:
Jetzt konnten wir sa-
gen, was wir wollten.

Wenn um halb sechs der letzte Fremde durch die pneumatische Tür in die Welt verschwunden war, waren wir wieder unter uns. Und – mal ganz ehrlich! – das hatten wir nicht ungern. Wir hatten es – ruhig. Alkohol – das war draußen, das war das frühere Leben. Aufgaben – hatten wir nicht. Pflichten – warum? Ziele? Verfehlte Ziele hatten uns hier rein gebracht, wir hatten genug von Zielen.

Die Pfleger beschützten uns, sie sorgten für uns und nahmen uns alles ab (die rasierten mich sogar, als das Zittern nicht aufhören wollte)  und stopften uns mit Pillen voll. Naja, im Umgang mit den Pillen waren einige von uns schon recht kreativ. Wenn man die nach der Ausgabe unter der Zunge bunkerte und später in den Kieseln einer Trockenpflanze versteckte, hatte man irgendwann einen tollen Vorrat, mit dem man sich einen satten Rausch genehmigen konnte.

Das war irgendwie nicht mein Ding. Ich lief jeden Tag weg. Hatte um zwei Uhr nachmittags bis halb sechs Freigang auf dem Gelände des Klinikums, also rannte ich im Kreis rum. Schwitzte, hatte Regen und Schnee und Sonne und Wind im Gesicht. Um halb sechs stand ich unter der Dusche, duschte alles Elend in die Münchner Kanalisation und war bereit fürs Abendessen. Die Schauspielerin meinte mal: „Da könnten wir uns auch in die Büsche verdrücken, wir zwei Hübschen, das wäre doch auch ’ne Möglichkeit.“ Sie war sehr apart. Aber irgendwie war meine Männlichkeit verschwunden. Die Medikamente?

Egal. Also schafften wir es nicht in die Büsche.

Aber wir haben geredet und geredet. Nächtelang, sie konnte nicht einschlafen.

Mit vielen Menschen habe ich geredet wie ich nie zuvor mit Frauen und Männern gesprochen hatte. Da gab es keinen Small Talk mehr. Wir mussten uns nicht mehr um Förmlichkeiten bemühen. Scheinbar hatten wir die Würde verloren. Jetzt konnten wir sagen, was wir wollten. Und so erzählten wir uns unsere entgleisten Leben. Da waren richtig eklige Typen auf der Station. Gewaltbereit. Abgestumpft. Dumm. Arrogant. Ja, solche hat es gegeben.

Aber ich habe auch erstaunlich viele  Menschen getroffen, die entsetzt feststellen mussten, dass sie aus der Gesellschaft aussortiert worden waren, obwohl sie sich eigentlich Mühe gegeben hatten. Eine Millionärin  hing an der Schampus-Pulle, nachdem sich ihr Mann vor die U-Bahn geschmissen hatte. Eine Bäuerin aus dem Allgäu hielt  Wochen, Monate auf dem Hof durch und schulterte alle Aufgaben, die man ihr aufbürdete. Doch dann kam irgendwann, unvermutet, der Tag, an dem sie zusammenbrach und in Haar landete. Sie war so nett und hilfsbereit, jeder mochte sie und jeder wusste: Der Alk würde sie eines Tages töten. Da war der Manager, der sich angeblich mit einem afrikanischen Messer hatte aufschlitzen wollen – das stimmte nicht, er war in seinem Hobbykeller besoffen eingepennt, und seine Frau rief die Polizei, nun hatte sie die Nase im Rosenkrieg definitiv vorn. Da war der junge Mann, der begnadet Gitarre spielte und viel weinte, wenn im Fernsehen ein Vater-Sohn-Konflikt thematisiert wurde.

Ja, es ist viel geweint worden auf der Geschlossenen. Fürs Heulen bist du nicht  zu den Anderen gegangen. Da hast du dich aufs Zimmer verkrümelt und den Kopf unterm Kissen versteckt. Der Pfleger hat nachgeschaut – alles okay, heulendes Elend – und hat die Tür zugezogen.

Wir haben auch gelacht. Haben uns unsere Abstürze erzählt wie Geschichten aus einer skurilen, fremden Welt. Das klang schon irre komisch, wenn der Manager erzählte, wie er den Heimweg von der Wiesn nicht mehr fand und in Marokko aufwachte. Oder wenn sich die Bäuerin dran erinnerte, wie sie versucht hat, dem Zuchtbullen das Saufen beizubringen. Oder wenn die Schauspielerin mal auspackte, was sich am Set wirklich so tut. Das war besser als Kino.

Und dann gab es immer wieder die Tage, da hatte einer seine Zeit rum. Man reichte sich noch einmal die Hand, die Pfleger gaben ihm ein „Machen Sie’S gut“ mit auf den Weg. Und er war allein mit der Welt da draußen.

Ich blicke zu dem Fenster der Geschlossenen hoch. Der Mann von vorhin ist nicht mehr da. Wahrscheinlich telefoniert er. Telefonieren ist meistens gut da drinnen. Ich setze mich in Bewegung. Aus der Stadt sind die Geräusche der Welt zu hören. Jemand kommt des Wegs. „Grüß Gott“, sage ich. Er blickt hoch, erstaunt. Denkt nach. Lächelt. Dann sagt er: „Grüß Gott.“

Na bitte. Klappt doch. Weiter. Nicht umdrehen. Einfach weitergehen. Weg von diesem Haus

Text von Detlev Vetten

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