Freude

Von der Kunst, sich zu freuen

Auf der Suche nach den kleinen Geschehnissen.

Mit Schwung stellte ich den Namensbecher auf den Kassentisch. Strahlend vor Freude. Ein nagelneuer Enkel – und nun der passende Becher. Noch dazu ein so beglückender Name: Felix. Sprudelnd vor Begeisterung sagte ich zur  Kassiererin, „wie schön, dass Sie den Becher da haben, er ist für meinen neuen Enkel Felix“. „Ist es der erste“, wollte sie beim Geldwechseln wissen. „Nein, der sechste“, strahlte ich.

„Mein Gott, freuen Sie sich noch?“ kam als Antwort.

„Freuen Sie sich noch?“ – wortlos, fassungslos stapfte ich davon. Ein neuer Mensch, ein neues Leben, ein kleines-riesengroßes Wunder, ein Geschenk Gottes, eine begreifbare, fass-bare Zukunft. Gelebte Liebe. Und dann diese Frage „Freuen Sie sich noch?“ Wie kaputt muss man sein, wie abgestumpft, wie krank, um so zu denken… dachte ich.

Es ließ mir keine Ruhe – ich fragte Freunde und Bekannte: „Freut Ihr Euch noch? Worüber? Wie oft? Täglich?“ Ich ging ins Internet; unter dem Stichwort „sich freuen können“ und „Freude“ geriet ich in unzählige und unsägliche Blogs und auf Ratgeber-Seiten, in Seelen-Zirkel und Selbsthilfe-Gruppen und auch an ernsthafte Psycho-Texte. Da hatte ich ja ein Thema angepackt…

Wie viel Freudlosigkeit scheint in der Welt zu sein, wie viel Unfähigkeit, sich zu freuen, glücklich zu sein.  Wie viele kranke Seelen verderben den Menschen ihren Tag. Wie viel Kampf und Stress, wie viele Traurigkeiten und Tragödien geschehen täglich. Und wie es scheint, gleich nebenan.

Wo ist die Freude geblieben: Suchen und sehen wir sie nicht mehr? Nicht die großen Beispiele meine ich, Schillers Ode und Beethovens Neunte, Goethes Weisheiten und die Psalmen und ähnlich Gewaltiges. Ich meine das Kleine, Konfuzius‘ uralten Rat: „Suche die kleinen Dinge, die dem Leben Freude geben.“ Ich meine Fontanes „Man muss die kleinen Freuden aufpicken“, auch Goethes Mutter Aja: „Es gibt so viele Freuden in unseres Herrgotts Welt. Nur muss man sich aufs Suchen verstehen und das Kleine ja nicht verschmähen.“

So will ich das alte Bohnen-Märchen erzählen:  Es war einmal eine sehr alte, sehr weise Frau. Sie hatte ein beschwerliches Leben. Aber sie strahlte eine tiefe Ruhe aus, denn sie hatte ein Ritual. An jedem Morgen steckte sie neun Bohnen (wohl an die biblische Zahl denkend) in die rechte Kitteltasche. Wann auch immer ihr im Laufe aller Tagesarbeit und -mühen etwas Erfreuliches geschah oder begegnete oder selber auch gelang, nahm sie eine der Bohnen und steckte sie nach links in die Schürzentasche. Am Ende des Tages legte sie beide Häuflein auf den Tisch und dankte im Nachtgebet für das Gute, was ihr am Tag geschehen war. Mit Freude erinnerte sie sich so Abend für Abend an die glücklichen Augen-Blicke des Tages. Auch, wenn es nur ein einziges Böhnchen war…

Es müssen keine Kittelschürze und keine Bohnen sein. Es dürfen ganz kleine und auch ganz große Geschehnisse sein. Bewusst erlebt, werden sie zur Freude und machen die Tage hell und fröhlich. Die Kunst, sich zu erfreuen, ist die Kunst, beglückt zu sein, und Glück kann man lernen – seit Kindertagen kenne ich diese volksmundlichen Worte.

Felix, der Glückliche, strahlt und strampelt und ist ein Quell der Freude. Er ahnt nicht, was sein Becher für eine Geschichte hat.

Text von Jutta Kürtz

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