Schwimmen mit Delfinen

Wahlverwandschaften – Schwimmen mit Delfinen

Vor der Bahamas-Insel Bimini, in der Straße von Florida, schwimmt paradiso-Autorin Heidi Behrens mit wilden Delfinen. Sie taucht ein in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Natur, Tier und Mensch weniger eng gezogen scheinen und spürt tiefe Verbundenheit.

„Betrachte die Welt als dein Selbst, habe Vertrauen zum Sosein der Dinge, liebe die Welt als dein Selbst; dann kannst du dich um alle Dinge kümmern.“

 – Laotse

Tag 1. Er ist groß, zwei Meter, ein einziger straffer Muskel in einer glatten, silber-braunen Hülle. Er hat eine forsche Nase und kompromisslose Sommersprossen, sie überziehen fast den ganzen Körper. Gerade hat er mich überholt, eine Welle lief meinen Nacken entlang, da war er schon vorbei, auf Johnny zu. Johnny ist als Taucher ein Könner. Mit dem Kopf nach unten dreht er sich um seine Längsachse, und der Sommersprossige schmeißt sich an ihn ran, kippt auf den Rücken und windet sich, ebenfalls rückwärts-abwärts, unter Johnny weg. Am Bauch hat er kaum Punkte und einen Nabel. Ein Anblick, den ich in diesem Moment für das Hinreißendste halte, was ich seit langem gesehen habe.

Zwei gefleckte Delfine flitzen links von mir eng und völlig synchron Seite an Seite durchs Wasser und halten sich – an den Flossen. „Hand in Hand“ kommen sie auf mich zu. Genau genommen berühren sich ihre dem anderen zugewandten Brustflossen in schnellen, fächelnden Bewegungen, einem Streicheln ähnlich …

Ich kann nicht anders, ich muss einfach lachen, vor Verblüffung, vor herzergreifender Verzauberung. Ich muss aber auch atmen. Das Glucksen will hinaus, die Luft hinein. Und so fluppt mir der Schnorchel aus dem Mund, ein Hustenanfall schüttelt mich. Die Taucherbrille verrutscht, Wasser bricht ein. Auf dem Katamaran drüben fuchtelt jemand mit den Armen – was? Ah, Sicherheitscheck. Also will ich mir die Faust auf den Kopf legen, Handzeichen für „Bei mir alles okay“. Dabei geht im Wortsinne etwas schief, meine Hand rummst auf meine Stirn, rückt dabei aber die Brille zurecht – ich kann wieder nach unten sehen!

Muttertier mit Kalb.  Die Kälber des Atlantischen  Fleckendelfins sind zunächst  grau, später färben sich ihre Bäuche weißlich. Die typischen  Flecken werden mit fort- schreitendem Alter mehr.
Muttertier mit Kalb.
Die Kälber des Atlantischen
Fleckendelfins sind zunächst
grau, später färben sich ihre Bäuche weißlich. Die typischen Flecken werden mit fort-
schreitendem Alter mehr.

Sieben Atlantische Fleckendelfine erschaffen dort gerade eine Art bewegte Skulptur, einer DNS-Spirale nicht unähnlich. Mittendrin die extravaganten, überlangen Gummiflossen von Crewmitglied Jwalla. Versiert ahmt sie die Delfine nach, wie kann sie so lange die Luft anhalten? Da löst sich einer aus dem Gemenge, ich hole Luft, stoße mich ab, er baut sich vor mir auf, ich kann ein Klicken hören, ein Summen neben dem gewöhnlichen Knistern, und keinen Meter unter der Wasseroberfläche schauen wir einander an. Er nickt. Ich nicke. Einundzwanzig, zweiundzwa… weg. An dieser Stelle entringt sich mir ein schluchzender Seufzer, dessen Tiefe mich fast aus den Flossen haut. Ich bin verliebt! Nur in wen? Die Crew kennt das schon. Alle helfen uns mit dem nachsichtigen Lächeln eines Kindermädchens an Bord. Die sichtbaren Reaktionen von Menschen auf ihre erste nahe Begegnung mit wilden Delfinen, sagen sie, gleichen ein-ander: strahlende Mienen, Stottern bis zur Sprachlosigkeit, manchmal auch Tränen, Ergriffenheit. Schon auf der Heimfahrt schlägt letztere rasch in animiertes Erzählen um, orchestriert von Gelächter.

Die Mythologie ist voller Delfin-Geschichten. Im antiken Griechenland glaubte man, dass die Tiere einst Menschen waren, und zwar von der netten Sorte: fröhlich, klug, liebevoll. Interessanterweise spiegelt die Forschung dies wider: Delfine, heißt es, waren vor Urzeiten Landwesen, die zurück ins Meer gingen. Röntgenaufnahmen von ihren Brustflossen zeigen verkümmerte Handknochen.

Tag 2. Den ganzen großartigen Karibik-Tag tuckern wir gegen die Dünung an, während die Crew mit Ferngläsern in die blaue Weite späht. Ohne Erfolg. Zu windig. Die allein reisende Bayerin ist seekrank. Wir anderen gehen viermal schnorcheln, dann eben ohne Delfine. Das Wasser ist in lustiger Bewegung, warm und sehr salzig. So gerate ich in einen Dialog mit Tintenfischen. Drei Kalmare hängen versetzt in der Strömung wie Gänse in der Luft. Dass mein Weltwissen darüber, mit wem oder was man in Dialog treten kann, gerade eine deutliche Ausweitung erfährt, merke ich an dem Gedanken: „Du kannst mit Tintenfischen nicht sprechen.“ ‚Flapp‘ mache ich, nur ein Flossentritt, und der Gedanke treibt davon.

Die Tintenfischgang behält mich im Auge. Ich versuche, ihnen näher zu kommen, ohne sie (oder mich!) zu erschrecken. Doch der Abstand bleibt wie mit dem Zollstock gemessen stets derselbe. Sie schwimmen aber auch nicht davon. Welch wachsame Liebenswürdigkeit! Ausgiebig studiere ich die flirrenden, teils durchsichtigen Körper, die seitlich sitzenden Augen und bewundere ihre Wendigkeit. So verpasse ich die vielen Fische im Riff und das verrostete Motorrad, von denen die anderen später berichten.

Nach dem Lunch rutscht Momoka neben mich, vorn, auf dem festen Netz, das zwischen den Rümpfen des Katamarans gespannt ist. Eine Weile starren wir stumm aufs Wasser, halten Balance in minimalen, synchronen Bewegungen. Momoka kommt aus Japan, lebt in den USA, macht Grafiken für Fernsehsender. Sie hat mir erzählt, dass sie nicht mehr zufrieden ist. Aber: das Geld! Die Reputation! Und: Was kommt dann? Ich kann ihr das nicht sagen, ich habe sie ja gerade erst kennen gelernt. Also mache ich, was ich in solchen Situationen zu tun pflege: Ich erzähle von mir. Wie ich damals gekündigt habe, mit großen Bedenken, aber wie sinnvoll das im Nachhinein war. Wie neue Türen aufgingen, die sonst nie … und so weiter. Das übliche Mantra zur Angstbannung halt. Und gleichzeitig wahr wie nur was.

Momoka: „Ich werde es machen wie Du. Kündigen.“ Und dann? „Weiß ich noch nicht. Ich kann immer noch eine Bäckerei aufmachen.“ Ich blicke auf ihre sehr zarten Mädchenhände. Teig kneten ja heute sowieso Maschinen. Momoka schiebt die Brille ins Haar, ihre Augen haben die Farbe von Stahl. „Thanks, sister“, sagt sie.

Auf Delfinsuche:  Ein Katamaran ist geräumig, stabil und hat wenig Tiefgang – ideal für die flachen Gewässer vor Bimini.
Auf Delfinsuche:
Ein Katamaran ist geräumig, stabil und hat wenig Tiefgang – ideal für die flachen Gewässer vor Bimini.

Unsere zusammengewürfelte Truppe – 20 Menschen aus neun Nationen inklusive Crew – ist keine zwei Tage zusammen, aber unsere Vertrautheit und Entspanntheit im Umgang fühlt sich  an wie die positive, die stärkende Seite von Familie. Ich bin keine gute Schwimmerin, verfroren und unwillig. Hier muss ich nach stundenlangem Schnorcheln mit sanftem Druck aus dem Wasser beordert werden, nur um bei nächster Gelegenheit wieder hineinzugleiten. Was ist hier los? In welche Energiequelle habe ich mich eingestöpselt?

Am Abend frage ich meinen Mann, welchen Reim er sich macht, was meist eine zielführende Strategie ist. Er sagt: „Hans-Peter Dürr.“ Wie bitte? „Quantenphysiker. Alternativer Nobelpreis, ’ne  Blitzbirne. Ist zu dem Schluss gekommen, dass die Welt und alle ihre Bestandteile unteilbar sind, von Anfang an und unauflösbar miteinander verbunden. Hat so ziemlich alles von Anfang an durchdacht – Atome, Kerne, Elektronen, was weiß ich – und behauptet nun: Es gibt keine Objekte in dieser Welt, vielmehr ist alles Beziehung. Wenn Du mich fragst: Das erleben wir hier.“

Beziehung, Verbundenheit, ich bin plötzlich hellwach. Was ist damit genau gemeint? Es wird ein, zwei Uhr, der Ventilator surrt, mein Mann schläft, während ich mich online bei Dürr festlese und bei Hirnforscher Gerald Hüther. Der geht davon aus, dass wir mit zwei Grunderfahrungen auf die Welt kommen: erstens mit der Erfahrung, auf untrennbare Weise mit anderen (zunächst mit der Mutter) verbunden zu sein, und zweitens, dass es möglich ist, jederzeit ein Stück über sich hinauszuwachsen. Gehe in den prägenden Jahren alles seinen Gang, finde der junge Mensch diese Erfahrungen prinzipiell bestätigt: Ja, ich bin verbunden, und ja, ich entwickle mich. Laut Hüther verankern sich diese Erfahrungen daraufhin quasi unausgesprochen im Gehirn, als „gebahnte Verschaltungsmuster“, und generieren Erwartungshaltungen des Erwachsenen: die zwei Grundbedürfnisse nach Verbundenheit sowie nach Wachstum. Er geht sogar noch weiter: Welche Erfahrungen er macht, wird „bestimmend für das, was ein Mensch später zu erreichen sucht“ – und was ihn besonders glücklich macht.

Tag 3 beschert uns die Begegnung mit „Flippers“ Verwandten, den Großen Tümmlern. Diese Tiere zeigen sich weniger interessiert, lassen uns aber gewähren, während sie in Ruhe am Meeresboden nach Krustentieren graben. Manchmal steigt eines der Tiere auf, um zu atmen. 15 Minuten können sie es ohne Luftzufuhr aushalten, jeden Atemzug müssen sie bewusst vollziehen, anders als wir Menschen, die reflexhaft Luft holen. Einer der Tümmler geht seinen Geschäften nach wie die anderen, doch seine Augen sind geschlossen. Schläft er etwa? Ich behalte ihn im Blick und will gerade Jwalla danach fragen, als mich etwas ablenkt: Zwei Delfindamen finden offenbar nichts dabei, uns ihre Babys vorzuführen, perfekte Miniaturen ihrer selbst. Ich kann mein Entzücken körperlich fühlen, als weiteten sich meine Zellen und eine köstliche Flüssigkeit ströme ein… Zurück an Bord, bestätigt Jwalla meine Vermutung: Delfine schlafen nur mit einer Gehirnhälfte, die andere bleibt wach. Die Welt ist voller Wunder.

Tag 4, der Wind hat sich gelegt. Das Meer ist derart türkis und klar, dass meine Seele singt. Wir stoßen auf Gefleckte und schwimmen fast zwei Stunden mit ihnen. Die angehende Meeresbiologin Fien, ausgerechnet, bringt beim Lunch alle zum Lachen. In den ersten Tagen war sie hinter ihrer Erschöpfung nahezu verschwunden. Seit Monaten hatte sie im Labor Video-„Footage“ von Delfinen wissenschaftlich ausgewertet und kaum je ein Tier von Nahem gesehen.

Ich stelle mir vor, wie sie in ein paar Jahren die Delfinforschung  revolutionieren wird, mit einem unerhört holistischen Ansatz.

Der Frachter  „SS Sapona“ lief 1926 in einem Orkan südlich von Bimini auf Grund,  sein Betonrumpf brach entzwei. Im Zweiten Weltkrieg vom US-Militär für Zielübungen genutzt, ist das Wrack  längst eine „prime destination“  für Taucher, Schnorchler und Schaulustige.
Der Frachter
„SS Sapona“ lief 1926 in einem Orkan südlich von Bimini auf Grund, sein Betonrumpf brach entzwei. Im Zweiten Weltkrieg vom US-Militär für Zielübungen genutzt, ist das Wrack längst eine „prime destination“
für Taucher, Schnorchler und Schaulustige.

Willst Du etwa darüber schreiben?“, hatte mich eine Freundin vor meiner Abreise noch gefragt. Warum denn nicht? „Na ja, diese Delfin-Verehrung scheint eine deutsche Spezialität. Andere sind da … pragmatischer. Die Intelligenz der Tiere wird überschätzt. Ihre großen Gehirne nützen ihnen nicht etwa kognitiv, die Größe ist nur ein Kälteschutz. Delfin-Kerle sind Experten für Gruppenvergewaltigung und begatten schon mal einen dümpelnden Gummistiefel. Schwimmende Engel, Heiler der Meere – da wird viel Blödsinn zusammengeschrieben, ehrlich.“

Fürs Protokoll: Ich glaube auch nicht, dass Delfine die Welt retten werden. Für unwahrscheinlich halte ich aber, dass sie durch Gier Sozialstaaten entbeinen, schädliche Plastikteilchen noch in die letzte Zelle implantieren oder eine Mikroelite auf Kosten aller übrigen Wesen mit absurden Apanagen ausstatten. Klar, meine Begegnung mit ihnen weist zurück auf mich selbst, auf meine Werte, meine Ziele, mein Handeln. Im freundlichen Meer vor Bimini habe ich wohl, in Anlehnung an Laotse, den chinesischen Weisen aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, damit begonnen, die Welt noch ein Stück mehr als mein Selbst zu sehen.

Text von Heidi Behrens, Fotos von Atmoji

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