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Edward St. Aubyns satirisches Meisterstück

LESEPROBE
“Der beste Roman des Jahres”, Edward St. Aubyn

Das Buch ist nicht neu, aber eine intelligente und unterhaltsame Lektüre,
insofern beste Urlaubs-Ware. Autor St. Aubyn filettiert in »Der beste Roman des Jahres«,
dessen 2. Kapitel in der aktuellen paradiso abgedruckt ist, die absonderlichen Eitelkeiten des
Literaturbetriebs rings um den renommierten »Booker Price«, für den er selbst einmal nominiert war. Die Leseprobe möchten wir auch Ihnen nicht vorenthalten und wünschen Ihnen viel Freude beim ‘Reinlesen.’  

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DER AUTOR: Edward St. Aubyn, Jg. 1960, entstammt dem englischen Hochadel. Seine Kindheit, in der er schwer misshandelt, und seine Jugend, in der er drogenabhängig wurde, sind der Hintergrund für eine Reihe von Romanen, in denen er mit der Upper class böse abrechnet – entsprechend groß war das Aufsehen bei deren Erscheinen. Vor allem aber ist St. Aubyn ein großartiger Literat mit einer virtuosen Sprachbeherrschung.

Sam Black hatte an diesem Tag nichts geschrieben. Er war in Gedanken zu sehr mit den psychologischen Arbeitsverträgen beschäftigt, unter denen ihm das Schreiben bislang vergönnt gewesen war. Worin bestanden diese Verträge? Und würden sie sich neu verhandeln lassen?
Einer der Arbeitsverträge war faustisch, zwar in einer weltlichen und verinnerlichten Version, aber nichtsdestoweniger faustisch. Heimgesucht von der Zwangsvorstellung, den Verstand zu verlieren und schließlich Selbstmord begehen zu müssen, war der moderne Faust quasi zum Schreiben verurteilt, um sein Leben zu retten. Seine Verdammnis war die eigene Depressionshölle, und begleitet wurde er von einem Mephisto, der nicht mehr universelles Wissen und grenzenlose weltliche Macht versprach, sondern ganz einfach ein Verfahren, das den Künstler mithilfe der Sublimation eines Tages von den zerstörerischen Kräften seiner rasenden Psyche befreien könnte.
Sam erkannte, dass sein Schreiben ein raffinierter Köder war, der seine Aufmerksamkeit fortzog vom Verfall seines eigenen Körpers und hinwandte zu jenem potenziell makellosen Gebilde, das sein Werk darstellte. Er nannte diese Ablenkung den » Hephaistos-Komplex «, als wäre der Begriff schon immer Teil des psychoanalytischen Vokabulars gewesen. Hephaistos war von seinem zornigen Vater Zeus aus dem Olymp geworfen worden, nachdem er in einem elterlichen Streit Partei für seine Mutter ergriffen hatte. Bei seinem Sturz wurde eines seiner Beine zerschmettert, sodass er von da an lahmte, doch die Menschen von Lemnos, der Insel, auf der er landete, nahmen ihn auf und lehrten ihn die Schmiedekunst. Er lebte unterhalb des Ätna und nutzte den Vulkan als Schmelzofen – er war fortan der hinkende Gott des Feuers, dem wunderbare Kunstwerke gelangen und dem Aphrodite, die Schönste aller Göttinnen, zum Weibe gegeben wurde. Als sie ihn betrog, nutzte er seine Kunst, um sich für seinen Schmerz zu rächen ; er fing sie in einem reißfesten, aber unsichtbar feinen Netz, aus dem weder sie noch Ares, der Nebenbuhler, zu entkommen vermochten.
Natürlich gehörte auch Orpheus zur Gruppe der antiken Vollstrecker. Der Kerl, der sich den Weg aus der Hölle freigesungen hatte, dann aber jene Frau, die zu erretten er sich dorthinab begeben hatte, wieder sausen ließ, war der Weltexperte für quälenden Verlust, dem sich jeder artiste maudit verschreiben musste. Seine klebrige Melancholie wurde mit der Enthauptung bestraft, aber sein abgetrennter Schädel sang noch immer von Eurydike, als er schon flussabwärts trieb.
Zunächst hatte Sam sich von seinen psychologischen Arbeitsverträgen mittels einer akribischen Negativität befreien wollen. Wie ein Mann, der rückwärts einen Pfad entlangging und mit einem Besen seine Fußabdrücke verwischte, hatte er sich bemüht, mittels Widersprüchlichkeit, Negation, unzuverlässiger Erzählweise und diversen anderen Methoden, die Spuren auszulöschen, die seine Worte hinterließen ; er hatte sein Schreiben von jenem erbärmlichen Positivismus zu säubern versucht, der im Prinzip der Bejahung bestand. Er hoffte, seinen verklumpten Geist zu entrümpeln und eine große Leere und Klarheit schaffen zu können, indem er seine Sätze von jeglichen Formen des Glaubens befreite. Eine Erscheinung war die Vorbereitung eines Verschwindens – nicht dass nicht auch ein Verschwin-den im Grunde eine Erscheinung war, aber das Ver-schwinden hatte den rückwirkenden Effekt, das zu verfestigen, was verschwunden war, und darin lag ganz offensichtlich ein Fehler. Nichts konnte ihn aufhalten oder in die Falle locken – ausgenommen eben sein eigener Glaube, dass Freiheit allein dadurch zu erlangen sei, dass man sich weigerte, sich aufhalten oder in die Falle locken zu lassen.
Als er für seine zweiflerischen Texte keinen Verleger fand, war er frustriert. Er wollte genug Erfolg haben, um aus eigener Erfahrung zu wissen, dass Erfolg eine verführerische Sackgasse war. Also verstaute Sam das Typoskript von Blüten in einer Schachtel auf dem Schlafzimmerschrank, unterwarf sich den düsteren Regeln von Faust, Orpheus und Hephaistos und schrieb sein erstes Buch, das tatsächlich veröffentlicht wurde, einen Bildungsroman von makelloser Seelenqual und mit eindeutig autobiografischen Zügen. Er wusste, dass sein Verleger hohe Erwartungen an Der gefrorene Wildbach knüpfte, und er teilte mit ihm die Hoffnung, dass der Roman es auf die Shortlist für den Elysia-Literaturpreis schaffen würde und er anschließend Blüten neu anbieten und sich am Ende von der Tyrannei jeder auf Schmerz gegründeten Kunst befreien könnte.
Diese schwerwiegenden Überlegungen waren nicht das Einzige, was Sam von der Arbeit ablenkte. Es war ihm darüber hinaus unmöglich, auch nur wenige Sekunden verstreichen zu lassen, ohne an Katherine Burns zu denken. Sie war berühmt dafür, dass man sich im Handumdrehen in sie verliebte. Er wartete seit Februar auf ihre Rückkehr aus Indien, und heute endlich hatte sie ihm aus Delhi geschrieben und angekündigt, dass sie sich zu Hause gleich Tag und Nacht hinsetzen müsse, um die Deadline für den Elysia zu schaffen. Gleichzeitig lud sie ihn ein, auf einen Drink zu ihr zu kommen, in der Woche nach Ostern.
Wenn sie doch nur nicht mit ihrem Lektor zusammenleben würde. Sam hasste es, wenn seine Leidenschaft von Eifersucht befleckt wurde. Er hatte nichts gegen Alan Oaks persönlich – er kannte ihn kaum, und ohnehin war Alan erbarmungslos freundlich, es war eher eine geografische Abneigung : Wie konnte er es wagen, neben ihr im Bett zu liegen ?
Es lag etwas irgendwie Französisches in der Art, wie sich Katherine mit Künstlern, Denkern und Schriftstellern umgab, sie hatte etwas von einer altmodischen Salonière, die – wenn schon nicht in einer Enfilade von in Gold und Weiß gestrichenen, durch Doppeltüren verbundenen Räumen in der Rue de Bac – in ihrem Bayswater-Apartment Hof hielt, mit Büchern auf den Fensterbänken und Büchern auf dem Boden. Affären schien sie ausschließlich mit Männern zu haben, die zwanzig Jahre älter waren als sie (auch wenn sie Frauen ihres Alters bevorzugte), und Sam befürchtete, dass er ohne Geschlechtsumwandlung ganz einfach zu jung für sie war. Sie verlangte standhafte Hingabe von ihren Liebhabern, und sie tat dies auf eine Weise, die ihn an eine bestimmte Wespenart erinnerte, die ihre Beute lähmte, ohne sie zu töten, und so ihrer Nachkommenschaft die Versorgung mit lebendigem Fleisch sicherte ; wobei er wusste, dass er sich mit diesen dunklen Phantasien lediglich vor der Zurückweisung schützen wollte. In Wahrheit war sie ganz und gar wundervoll, und er vergötterte sie.     M.R.

DAS BUCH:
Edward St. Aubyn, »Der beste Roman des Jahres«
(München: Piper, 2014, 253 S., 16,99 Euro)

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