Altwerden

Alt ist nicht gleich alt

Der demographische Wandel ist in vollem Gange. Die Sinologin Prof. Dr. Angelika Messner sagt, warum Europa von China lernen kann.

Frau Prof. Messner, haben Sie Angst vor dem Altwerden?

Als ich 18 Jahre alt wurde, fühlte ich mich alt. Und ich möchte nicht wieder zurück in diese jungen Jahre meines Lebens. „Gefühlt“ bin ich heute jünger als damals, auch wenn ich freilich weiß, dass ich ungleich älter bin und mit jedem Tag älter werde. Nein, ich habe keine Angst vor dem Altwerden.

Laut Weltgesundheitsorganisation ist man mit 65 Jahren alt. Stimmen Sie zu?

Nein, weil das chronologische Alter – also die gelebte Zeit – nicht deckungsgleich ist mit etwa dem „funktionalen Alter“, das sich direkt auf die vorhandenen psychischen, körperlichen und sozialen Ressourcen eines Menschen bezieht. Dennoch spielt das „chronologische Alter“ gerade in unserer Arbeitswelt eine wesentliche Rolle: man denke an die Rente mit 67.

Wenn beim Alter schon so viele Faktoren eine Rolle spielen: Ist das Altern automatisch mit abnehmender Leistungskraft verbunden?

Der Begriff „Altern“ verweist auf vielfältige, sehr unterschiedliche psychische, körperliche und soziale Veränderungsprozesse im Verlaufe eines Menschenlebens. Neurophysiologische Veränderungen des Gehirns – mit zunehmenden Lebensjahren verringert sich beispielsweise unsere Fähigkeit, kurzzeitig mehrere Informationen im Gedächtnis zu speichern – wie auch die abnehmende Muskelkraft lassen sich durch Wissen und Erfahrung ausgleichen. Dementsprechend wird die Leistungsfähigkeit im Alter nicht notwendig geringer, sondern kann sich sogar steigern.

War der Respekt vor dem Altwerden in früheren Jahrhunderten größer als heute?

In sogenannten traditionellen Kulturen, in denen zum Beispiel nicht die Schriftlichkeit, sondern die mündliche Überlieferung Vorrang hat, dienen die Alten als Erinnerungs- und Wissensträger, und insofern werden sie hochgeschätzt. Diese Rolle verlieren sie in Gesellschaften der Spätmoderne, in denen Bücher und das Internet als Wissensspeicher fungieren. Alternde verlieren hier die Rolle der „Wissenden“ und „Weisen“. Jedoch wird in Kulturen der Spätmoderne vermehrt auf den Erfahrungsschatz der Alternden verwiesen – zum Beispiel in den USA, in Frankreich und auch in Deutschland.

In der einen Gesellschaft werden alte Menschen abgeschoben oder diskriminiert, in einem anderen Kulturkreis besonders geschätzt. Wie kommt es zu diesen Unterschieden?

Jede Kultur hat auch eine Geschichte, und die Geschichte ist bekanntlich veränderlich. Mit anderen Worten: ob alte Menschen besondere Hochachtung erfahren oder nicht, hängt sehr stark mit historischen, mitunter weit zurückliegenden Positionierungen zusammen. Im chinesischen Kontext beispielsweise haben die besondere Hochachtung und die Fürsorge für die Alten eine zweitausend Jahre währende Geschichte, die gleichermaßen mit konfuzianischen Regeln und buddhistischen Vorgaben verbunden sind. Die Tugend der Kindespietät, der Liebe zu den Eltern und den Ahnen, ist hier die höchste unter allen Tugenden. Der stark normative Charakter zeigt sich in den Regeln, wonach Söhne und Töchter oder auch Enkelkinder alles unternehmen sollen, um die alten und kranken Eltern glücklich zu machen

Sind Familien, in denen viele Generationen zusammenleben, eine gute Voraussetzung für den respektvollen Umgang mit dem Altwerden?

Bleiben wir in China: Der normative Charakter der Kindespietät wird natürlich gestützt durch die zentrale Bedeutung der Familie als Nukleus für alle sozialen Belange. Der ungeschriebene Generationenvertrag sah auch das Zusammenleben mehrerer Generationen unter einem Dach vor. Hierzu gehört hinsichtlich der Alten, dass diese ihre Abhängigkeit von den Jüngeren eingestanden und die Abhängigkeit einen eigenen, besonderen Wert darstellte. Nicht Selbstverwirklichung oder Eigenverantwortlichkeit standen im Vordergrund, sondern das Eingebundensein und die gegenseitige Abhängigkeit. Dies ist ein grundlegender Unterschied zu den gegenwärtigen Vorstellungen von „Unabhängigkeit, Selbstverantwortung und Individualität“.

Was kann Europa mit Blick auf das Zusammenleben der Generationen von China lernen?

In den Städten gibt es eine Vielzahl von Angeboten im Bereich der Nachbarschaftshilfe, Teilzeitpflegeeinrichtungen florieren ebenso wie auch Selbsthilfegruppen. Auch spielt die traditionelle chinesische Medizin in dieser Hinsicht wieder eine herausragende Rolle, weil sie die präventive Seite der Selbstsorge hervorhebt. Die Parks sind frühmorgens voll mit Alternden, die gemeinsam die komplexen und weniger komplexen Übungen – des Qigong und Taiji quan – absolvieren. Es gibt in China auch die Einrichtung der „Universität für Alte“. Hier können die Alternden täglich hingehen, um sich weiterzubilden. In dieser Hinsicht, nämlich des sich gemeinsam umeinander Kümmerns, das nicht unbedingt an teure Gerätschaften geknüpft ist, könnte Europa lernen.

Wenn Sie die verschiedenen Alternskulturen vergleichen – wo geht es am humansten zu?

Ich weiß nicht, ob sich diese Frage eindeutig beantworten lässt, weil wir über keine umfassende komparative Forschung aller Kulturen auf unserer Welt verfügen. Empirische Forschungsergebnisse gibt es allein zu den Ländern Brasilien, Norwegen, Frankreich, Großbritannien und Japan. Für die Volksrepublik China liegen Einzeluntersuchungen vor. Dabei zeigt sich, dass in Japan, Norwegen und den USA gegenwärtig eine hohe Akzeptanz und Anerkennung des Alters vorherrscht. Man hat in diesen Ländern verhältnismäßig früh begonnen, die Herausforderungen des demographischen Wandels zu diskutieren. In Norwegen werden zum Beispiel bis zu 50 Prozent aller Kosten für den Bau von Pflegeheimen vom Staat übernommen, wobei besonders auf die fachgerechte Architektur, Einrichtung, Pflege- und Betreuungsqualität geachtet wird. In den USA wird sehr stark eine Kultur des „gesunden, erfolgreichen Alterns“ gefördert, wobei aber die Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit in den Vordergrund gerückt werden. Dabei spielt allerdings die soziale Ungleichheit unter den Alternden eine große Rolle. In Frankreich und auch in Norwegen werden die Bildungsangebote für Alternde betont. In Japan und auch in China werden Visionen von der zweiten beruflichen Karriere angedacht. Bezieht man die Aspekte der Hochaltrigkeit und der damit einhergehenden besonderen Bedürftigkeit mit ein, so geht es wahrscheinlich in Norwegen „am humansten“ zu.

Wie sind Ihre persönlichen Vorstellungen vom Leben im Alter? Ziehen Sie ins Mehrgenerationen-Haus, gehen Sie auf Reisen oder forschen Sie immer weiter, egal, wo dann das gesetzliche Rentenalter beginnt?

Ich gehe davon aus, dass ich nicht so schnell aufhören werde, aktiv zu sein: Ich möchte meine Forschung weiter betreiben, für die ich ja gegenwärtig jedes Jahr für längere Zeiträume in China unterwegs bin. Für diese Forschung bewege ich mich regelmäßig auch in den USA, wo ich zusammen mit Kollegen eine Plattform betreibe, auf der wir über die kontinentalen Grenzen hinweg (Asien, Europa und Amerika) an neuen Forschungsansätzen arbeiten. Das gesetzliche Rentenalter wird für mich somit, so denke ich heute jedenfalls, nicht ein allzu einschneidender Moment sein.

Das Interview führte Stephan Richter mit Prof. Dr. Angelika Messner, Leiterin für das China-Zentrum an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel

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