Schönheitswahn

Angst vor dem Blick in den Spiegel

Die äußere Erscheinung hat großen Einuss auf Wohlbefinden und Selbstbewusstsein – doch was ist, wenn die Selbstwahrnehmung gestört ist?

Im Jahr 2013 wurden rund um den Globus etwa 11,6 Millionen Schönheitsoperationen durchgeführt. Dabei war die Brustvergrößerung mit rund 1,77 Millionen Eingriffen die weltweit beliebteste Schönheitskorrektur. In keinem Land wurde dem Äußeren so häufig chirurgisch nachgeholfen wie in Brasilien, das den Spitzenplatz von den USA übernommen hat. Doch auch in Deutschland ist der Trend ungebrochen. Warum ist uns unser Aussehen so wichtig?

„Schön und gut gehören zusammen“, sagt Hans-Robert Metelmann, Professor für Gesichtschirurgie an der Universität Greifswald. Dahinter stecke die Vorstellung, „wer schön ist, muss ein guter Mensch sein, hässliches Aussehen wird dagegen schneller mit einem bösen Charakter verbunden“, erklärt der Mediziner und nennt ein Beispiel: „Denken Sie an die heilige Maria – sie wird immer als wunderschön dargestellt, eine Hexe ist immer hässlich.“

Die Vorstellung von „schön und gut“ hat eine lange kulturgeschichtliche Tradition. „Unser heutiges Wort Kosmetik stammt von dem griechischen Begriff kósmos ab“, so Metelmann. Kósmos bedeutet zunächst schlicht Ordnung. Doch für die Griechen der Antike bedeutete „kósmos“ gleichzeitig auch Zierde, Verzierung. Für sie waren Ordnung und Schönheit dasselbe.

„Wenn also in unserem Gesicht und mit unserem Körper alles in Ordnung, alles geordnet ist, fühlen wir uns schön und gut“, fasst der Greifswalder Professor zusammen. Häufig sei das allerdings nicht so, „viele Menschen fühlen sich gesund, aber nicht wohl“. Am meisten hadern Menschen mit der Frage, wie ihre Haare aussehen, sagt Metelmann. Zweithäufigstes Problem ist die Haut, dabei werden vor allem Sommersprossen als störend empfunden. Anlass zur kritischen Betrachtung bietet häufig auch die äußere Form der Nase. Weitere „Problemfälle“ sind die Körperform – zu dick, zu dünn – und die Oberweite.

Ernsthafte Anliegen für OP

Kommt es in der ästhetischen Chirurgie zu einem Operationswunsch, so beruht dieser oft auf einem ernsthaften Anliegen, stellt Metelmann klar. Er entsteht beispielsweise nach Unfallverletzungen oder Tumoroperationen. Auch Brustverkleinerungen werden häufig aus funktionellen Gründen vorgenommen. Beschwerden im Rücken, in den Armen oder auch der Brust sind eine Indikation zur Brustverkleinerung. Doch häufig hat der Wunsch nach einer SchönheitsOP auch andere Gründe. Besonders Frauen und Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren sowie zwischen 60 und 70 Jahren sind mit ihrem Aussehen unzufrieden. In jüngeren Jahren werden vor allem plastische Korrekturen gewünscht, im fortgeschrittenen Alter geht es hauptsächlich um Facelifting und Lidstraffung.

Als Grund werde oft angegeben, dass man einen „körperlichen Makel“ beheben will, so Metelmann. Häufig erhoffen sich die Menschen dadurch auch bessere Chancen bei der Partnerwahl.

Die Gründe für eine Schönheits-OP müssten vorher genau analysiert werden, denn nicht selten stecke hinter diesem Wunsch auch ein soziologischer Hilferuf, weiß der Wissenschaftler aus seiner langjährigen Erfahrung.

Besonders schwierig sei es, angemessen auf Menschen mit groben Störungen der Selbstwahrnehmung einzugehen – „Dysmorphophobie“ lautet dafür der Fachbegriff. Die Betroffenen nehmen ihren Körper oder einzelne Körperteile als hässlich oder entstellt wahr. Am häufigsten werden das Gesicht und der Kopf so betrachtet – beispielsweise wegen Narben, einer als zu groß empfundenen Nase oder asymmetrischer Gesichtszüge.

Die Betroffenen fühlen sich häufig in der Öffentlichkeit angestarrt und fürchten, die vermeintliche Entstellung gebe Anlass zu Ablehnung, Verachtung oder anderen negativen Bewertungen. Aufgrund der befürchteten Hässlichkeit des eigenen Körpers ist es für Betroffene oftmals schwierig bis unmöglich, sich mit als attraktiv empfundenen Personen zu unterhalten und eine Liebesbeziehung zu führen. Dysmorphophobie kann nach Worten von Metelmann Depressionen und den Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben zur Folge haben, in Extremfällen auch eine vollständige soziale Isolation. Zum Krankheitsbild gehöre auch, dass viele der Betroffenen keine oder nur eine geringe Krankheitseinsicht haben. „Sie sind fest davon überzeugt, enorm unattraktiv zu sein, und glauben, das Problem mit einer Schönheits-OP beheben zu können.“ Erkennt ein Arzt das tatsächliche Problem eines Patienten nicht und kommt dessen OP-Wunsch nach, so stünden die Patienten sehr häufig kurze Zeit später mit Vorwürfen wieder auf der Matte. „Sie geben dem Arzt die Schuld, dass er ihr Problem nicht gelöst hat.“

Der Seele hilft keine Operation. Eine andere Gefahr sieht Metelmann, wenn es offensichtlich ist, dass die Operationswilligen sich einem Trend, einem momentanen Schönheitsideal anpassen wollen. Aktueller Trend besonders bei Mädchen ist der „Mangastyle“, angelehnt an die erfolgreichen japanischen Comic-Figuren: „Augen riesengroß, Taille enorm eng.“

Hans-Robert Metelmann
Prof. Dr. Dr. Hans-Robert Metelmann

Jeder OP-Wunsch müsse individuell betrachtet und bewertet werden, betont Metelmann. Ärzte hätten dabei eine besondere Sorgfaltspflicht zu erkennen, ob und wie dem Patienten geholfen werden kann.

Von Nicole Kieswetter, Prof. Dr. Dr. Hans-Robert Metelmann ist Professor für Munds-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und plastische Operationen an der Universität Greifswald‚

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