Pastor Andresen

Auf der Suche nach dem authentischen Leben

Dass der „homo oeconomicus“ ein Irrweg ist, davon ist Dieter Andresen noch heute überzeugt. In der Leidenschaft für das Plattdeutsche hat der ehemalige Studentenpastor über die Jahrzehnte seinen politischen Impuls bewahrt.

Zurückzuschauen, so heißt es,  bringt Verderben mit sich. Als Lots Frau bei der Flucht aus Sodom entgegen dem Gebot der Engel sich umdreht und auf die zerstörte Stadt blickt, erstarrt sie zur Salzsäule. Als Orpheus sich beim Gang aus der Unterwelt nach seiner geliebten Eurydike umsieht, verschwindet die Schöne auf Nimmerwiedersehen im Hades.

Doch solche Maleschen lassen sich auch vermeiden. Indem die Rückschau nicht bonbonfarben ausfällt, sondern selbstkritisch. Indem man aus ihr analytische Kraft zieht. Der Schleswiger Dieter Andresen kann das. Erst kürzlich 80 Jahre alt geworden, ist der emeritierte Pastor und Mitbegründer des Bibelzentrums in der Domstadt beim Blick auf sein Berufsleben alles andere als zimperlich.  Ja, der Flensburger Abitur-Jahrgang 1955, dem er angehört, erregte damals bundesweit Aufsehen, weil er in der Dürre der Nachkriegsjahre gleich elf Anwärter auf das Theologiestudium hervorbrachte. Ja, eine Gruppe von sieben jungen Pastoren  versuchte nach Abschluss ihres Studiums in koordinierter Weise, Reformideen in die Kirche wie in die Gesellschaft zu tragen. Aber auch: Dieser „Pastorenaufstand“ wurde „vorzeitig abgebrochen“. Ja, „wir hatten das richtige Thema am Wickel“, sagt Andresen heute. Doch der Kampf des „Flensburger Teams“ für ein „authentisches Leben“ verpuffte beim Weg in die Institutionen und in Solo-Karrieren. War demnach alles umsonst?

Um der Antwort auf die Spur zu kommen, beginnen wir noch einmal von vorn. Dieser Dr. Dieter Andresen stammt aus kleinen Verhältnissen. In Sterup, einem Dorf in Angeln, wuchs er auf. Sein Vater besorgte dort die Geschäfte der Spar- und Darlehnskasse. Er starb, da war der Sohn gerade 13 Jahre alt – und die Familie fiel finanziell „fast auf Armutsstatus“ zurück.

Eine kirchliche Sozialisation gab es kaum. An den Religionsunterricht auf der Goethe-Schule, dem traditionellen Flensburger Gymnasium für die Kinder vom Lande, erinnert sich Andresen als „konturlos liberal“; die Mutter stand Kirchlichem dezidiert kritisch gegenüber. Doch es gab Überlebende aus der Bekennenden Kirche, die auf den begabten Oberstufenschüler Einfluss ausübten. Kurz vor dem Abitur, als letzter in seiner Klasse, entschied er sich statt für Germanistik für das Theologiestudium. Vier Mitschüler hatten bereits dafür votiert.

Das Interessante: Alle waren sie vaterlos aufgewachsen, alle stammten sie – ganz im Gegensatz zu den übrigen sechs Theologiestudenten aus dem anderen Gymnasium an der Förde – nicht aus kirchlichem Milieu, etwa geprägt durch Pfarrhäuser. Das sollte seine Konsequenzen haben: Die Kirche war für die Goethe-Absolventen „eher Vater als Mutter“. Auch war man wohl einer Politisierung gegenüber, der Unmut über die „unter den Talaren“ so konforme Nachkriegsgesellschaft begann sich bereits zu rühren, aufgeschlossener als die anders Konditionierten.

Der protestantische Radikalismus kehrte sich damals nach innen und zugleich nach außen. Paul Tillich, Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth hießen die Heroen, die neuen Vaterfiguren des jungen Studenten. Vor allem Barth! Sein Name, so erinnert sich Andresen heute, „stand für den Gegensatz zu einem staatskonformen Luthertum“. Die erste Demo seines Lebens führte ihn denn auch mit Atomwaffengegnern durch die Universitätsstadt Göttingen.

Und dann war da noch das Studententheater, von Andresen als „anarchische Nische“ im Alltag der Hochschule empfunden. In einer Inszenierung von Ernst Barlachs Stück „Der arme Vetter“ agierte er das erste Mal auf der Bühne, in einem plattdeutschen Part. Beide Leidenschaften, das Theater und das Plattdeutsche, sollten ihm bis heute erhalten bleiben. Darstellung und Rhetorik misst er auch in der Predigt „eine wichtige Rolle“ zu. Man muss den Emeritus nur einmal erleben, wie überzeugend er immer noch Texte intonieren kann.

Und im Plattdeutschen, da ist er nun wirklich zuhause, ganz bei sich. 1961, noch in der Ausbildung, hielt er seinen ersten plattdeutschen Gottesdienst; viele weitere Predigten und Andachten „op platt“ folgten über die Jahre, auch in seinen Ämtern als Gemeindepastor im heimatlichen Angeln. Die Uni Kiel machte ihn folgerichtig zum Lehrbeauftragten für plattdeutsche Kirchensprache. 2002 erhielt er in Kappeln den renommierten „Niederdeutschen Literaturpreis“. Und gerade ist der 2. Band seines „Evangelium Plattdeutsch“ erschienen, ein lesenswertes Werk von 418 Seiten.

Das Plattdeutsche ist für ihn nicht das Medium für vordergründige Volkstümlichkeit, die soll sein – anderswo. Sondern, so darf man nach allem annehmen, eher ein Residium für das Politische. „Seggt di dat, Minsch, wat good is“: Im Dialekt, nicht nur im Plattdeutschen, kann man Wahrheiten gezielter unter das Volk bringen und Menschen ansprechen, die man sonst vielleicht nicht erreichen würde – ohne sich dafür künstlich aufplustern zu müssen. In der Leidenschaft für das Plattdeutsche hat Andresen über die Jahrzehnte seinen politischen Impuls bewahrt.

Der hatte sich immerhin so konkretisiert, dass er nach Abschluss seines Studiums Mitglied des „Flensburger Teams“, so nannte man sich, wurde. Einmal die Woche trafen sich etliche im Norden benachbarte Jung-Pastoren, um die Bibel historisch-kritisch zu durchleuchten, um aus deren „gesellschaftlichen Zumutungen“, etwa der Bergpredigt, Kraft zu schöpfen und um Aktivitäten zu planen. Karl Barth war nicht länger der väterliche Ratgeber; der Philosoph Ernst Bloch mit seinem viel radikaleren Motto „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein“ war an seine Stelle getreten.

Auf der Straße brannten die Barrikaden, regierten die Wasserwerfer – und Andresen hatte das unverhoffte Angebot, zusammen mit seinem Studienkollegen Manfred Kamper Studentenpastor in Kiel zu werden, angenommen. Der spätere Propst ist übrigens neben Andresen der einzige aus der alten Gymnasialcrew mit Theologie-Ambitionen, der heute noch lebt. Das Problem, linke Orientierung und theologisches Profil miteinander zur Deckung zu bringen, wurde dadurch nicht gerade geringer. Doch irgendwann war die Luft, die große Ambition, raus. Aufgerieben auch zwischen dem Zorn des damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg, selber Pastorensohn, über die aufmüpfigen Pastoren und dem versöhnlichen Habitus („mehr Demokratie wagen!“) des frisch gebackenen Bundeskanzlers Willy Brandt.

Der ehemalige Studentenpastor sieht die damals abgeblasene Revolution keineswegs als  Scheitern an. Nichts war umsonst. Das Thema bleibt brisant, die Finanzkrisen haben gelehrt: Der „homo oeconomicus“ ist ein Irrweg. Dieter Andresen muss nicht groß nach Worten suchen, wenn er leise und mit einem erfahrungsgesättigten wissenden Lächeln sagt: „Ich habe das Gefühl, dass die fundamentale Infragestellung der kapitalistischen Gesellschaftsverfassung neu und unbewältigt bei allen aktuellen Konflikten eine Rolle spielt.“ Ein analytischer Blick zurück – und zugleich nach vorne.

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