Köpfe

„Bitte nicht vor den Kopf stoßen“

Viele Köpfe gingen durch Bertrand Freieslebens Hände. In den Ferien zieht es den Bildhauer mit Frau und Kindern zur Schwiegermutter Brigitta Borchert nach Kiel. Die Malerin beobachtet das Treiben.

Da habe ich in einer befreundeten Familie zwischen seinen drei Geschwistern einen Jungen aufwachsen sehen, der zwar auch CelIo spielte, aber vor allen Dingen zeichnete, bastelte und malte, aus Wurzelholz Pferdeköpfe schnitzte und versonnen aus Brot kleine Figuren formte. Ein Künstler eben! Dass der mal mein Schwiegersohn werden sollte, war damals noch nicht abzusehen.

Modellieren am Wannsee: Wo immer er kann, arbeitet Bertrand Freiesleben an seinen Werken. Auch Hockey-Nationalspielerin Johanna Frankenheim (Bild links) und Schauspieler Dieter  Hallervorden (unten) gehören zu den Porträtierten.
Modellieren am Wannsee: Wo immer er kann, arbeitet Bertrand Freiesleben an seinen Werken. Auch Hockey-Nationalspielerin Johanna Frankenheim (Bild links) und Schauspieler Dieter
Hallervorden (rechts) gehören zu den Porträtierten.

In meiner Familie waren immer nur Maler – mal ein Pianist, Lehrer oder Ingenieur – einen Bildhauer hatten wir noch nicht. Das sollte sich ändern. Schon während seines Kunststudiums hinterließ sein Tun in unserem Haushalt (nicht nur auf dem hellgrauen Teppich) seine Spuren. Der Teewagen wurde zum mobilen Modellierbock umgewidmet, die Terrasse zum Outdoor-Atelier. In der Garage lagerten außer Tonpaketen Gips- und Zementsäcke. Skulpturtransportkisten, Modelliergestelle oder Ausstellungssockel wurden gezimmert. Im Garten wurden manchmal tiefe Löcher gegraben, darin zusammengebundene Negativformen aus Gips versenkt und mit Beton ausgegossen. Wenn die bleischweren Dinger später freigelegt wurden, fieberten alle mit dem Bildhauer mit, ob alle Ohrläppchen oder Nasenflügel sich darstellten und mit Beton vollgelaufen waren … spannend! Fleiß und Besessenheit zahlten sich aus, und obgleich er ein ganzes Kunstgeschichts- und Philosophie-Studium in Berlin folgen ließ, blieb er immer seiner praktischen Modellierarbeit treu, und als er unsere malende Tochter ehelichte, konnten sie bald von der Kunst leben.Hallervorden

Noch heute, wenn seine Familie zu den Ferien bei uns weilt, transportiert er immer ein oder zwei Arbeiten aus seinem Berliner Atelier im Gepäck mit nach Schleswig-Holstein, an denen noch rumgefeilt werden muss. Manchmal sind es noch ganz frische Ton-Köpfe, die durch Plastikfolie vor Feuchtigkeitsverlust geschützt werden müssen, um daran weiterzuarbeiten. Da bekommt das Wort vom „nicht vor den Kopf stoßen“ eine sehr konkrete Bedeutung.

Und so entspinnen sich manchmal familiäre Dialoge, die Außenstehenden befremdlich vorkommen mögen: „Papa, die Ministerin steht draußen in der prallen Sonne, ist das okay?“. Oder der Schwiegersohn will „erstmal den Fürsten fertig machen.“ Da gibt es Anrufe: „Könntest Du mal sehen, ob bei dem Scheel noch alles ganz dicht ist und ihn gegebenenfalls nass machen?“ Oder bei einem Ausflug angesichts eines aufziehenden Gewitters ein panischer Bildhauer nach Hause strebt: „Ich kann den Bahr unmöglich im Regen stehen lassen…“

Und die Frage, wo denn der Vater sei, beantwortet mein Enkel: „… ach, der ist schon wieder bei so ‘nem komischen Präsidenten.

Walter Scheel saß ebenso Modell wie die Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Roman Herzog  oder Horst Köhler.
Walter Scheel saß ebenso Modell wie die Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Roman Herzog oder Horst Köhler.

Text von Brigitta Borchert, Fotos von Elena Panouli

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