Berlin

Das Deutschland Laboratorium

Menschen machen doch Geschichte: Wie die deutsche Einheit friedlich herbei-revolutioniert wurde und warum Toleranz gerade in Berlin ansteckend ist. Der Schriftsteller und Bürgerrechtler Lutz Rathenow blickt für paradiso zurück und auf die Stadt Berlin heute. Wie der Ostteil vor der Wende aussah, dokumentieren beeindruckende Fotos von Harald Hauswald. Beide zusammen haben 1986 – noch zu DDR-Zeiten – mit ihrem Buch „Ostberlin – Leben vor dem Mauerfall“ die SED-Propaganda entzaubert. Ihre Beobachtung der Stadt geht weiter.

Deutschland Wiedervereinigung
Die Fahne hoch: Aufmarsch vor dem „Palast der Republik“ (1989) .

Vorweg eine kleine Geschichte: Auf einem privaten Geburtstagsfest nimmt mich ein ehemaliger Diplomat der alten Bundesrepublik in Ostberlin beiseite. Er habe seit kurzem Albträume vom DDR-Gefängnis in Bautzen. War er dort eingesperrt? Keineswegs. Er war einer von denen, die als Diplomaten westdeutsche Gefangene betreuen sollten – soweit das die strenge Überwachung der DDR zuließ. Menschen also, die vielleicht DDR-Bürgern zur Ausreise in den Westen verhelfen wollten. Einmal wurde einer tot in der Zelle aufgefunden – Selbstmord, sagten die Gefängnismitarbeiter und übergaben ihm die wenigen hinterlassenen Gegenstände des Toten. Er musste jeden protokollieren. Darunter der letzte Zigarettenstummel, nicht zu Ende geraucht. Von dieser Übergabe albträumt er heute. Und möchte wissen, ob etwas zu diesem Menschen in den Akten steht. Er will die Geschichte konkret an sich heranlassen, sich auf sie einlassen, damit man besser mit ihr zurechtkommt. Was sich damals in dieser Deutschen, gar nicht demokratischen Republik zugetragen hat, betrifft auch Westdeutsche.

Die deutsche Einheit hatte Voraussetzungen: Veränderungen im machtpolitschen Verhalten der Sowjetunion sind eine, der Name Gorbatschow steht dafür. Aber vor der Einheit kam das, was man Friedliche Revolution nennen darf. Damit die Freiheit der Andersdenkenden zur gelebten Freiheitsmöglichkeit der Andershandelnden wird, bedarf es realer Aktivitäten und Aktivisten. Menschen machen eben doch Geschichte – und manchmal auch jene, die scheinbar machtlos sind, getrennt von politischen Gestaltungsmöglichkeiten. Aber nicht einflusslos auf diese.

Ab Mitte der achtziger Jahre fanden solche Aktivisten besonders in einer mitteldeutschen Stadt zueinander: in Leipzig. Natürlich gab es viele ideelle und personelle Vor- und Zuarbeiten aus Berlin, Dresden, Halle, Güstrow, Greifswald oder Jena, aber in Leipzig geschah einiges in der und vor allem auch außerhalb der Kirche von deutschlandweiter Bedeutung. Dies Ringen um emanzipierte Handlungsmöglichkeiten war eine Voraussetzung einer selbstbewusst erstrittenen, friedlich herbeirevolutionierten deutschen Einheit. Eine, die nicht mit finanziellen Deals auf höchster Ebene führende Personen und Teile des Machtapparates der DDR in ein irgendwie konföderiertes Doppel-Deutschland hineinklüngelte. Es gab lange vor 89 Vorübungen bei Umwelt- und Friedensseminaren auch in Mecklenburg, es brauchte ein Jahr Vorarbeit, Montag für Montag, bis sich die Protestierenden in der Kirche, auf der Straße vor der Kirche 1989 behaupten konnten. Die Geschichte erscheint vielen als ein Netz, das über einem hängt – zu hoch, als dass man es erreichen könnte.

Das Leben stellt die Weichen: Seitenwechsel in der  Kastanienallee (1989)
Das Leben stellt die Weichen:
Seitenwechsel in der
Kastanienallee (1989)

Am 25.9. 89 geschah der Sprung nach oben – also in die Öffentlichkeit außerhalb von Kirchen- oder Wohnungsmauern: Tausende gingen nach einer furiosen Predigt Christoph Wonnebergers über und vor allem gegen die Gewalt auf die Straße. Friedlich – ein Beispiel bis heute. Über Westberlin und die westmediale Vervielfältigung mitteldeutscher Protestaktivitäten müsste gesprochen werden. Es gab durch die Zusammenarbeit mit ausgereisten oder hinausgenötigten DDR-Aktivisten und Journalisten im Westen und vor allem in Westberlin auch schon vor 1990 ein deutsch-deutsches Zusammenwirken: doch 1989 befreite sich sozusagen Westberlin aus der Umklammerung des Ostens, und die Wanderkarten rings um die ehemalige Insel Berlin/West durften wieder mit exakten Wegen gedruckt werden. Vorher gab es von der DDR angeordnete Retuschen, um Fluchtversuche über die Grenze zu erschweren.

In Leipzig fanden sich am 9. Oktober 1989 Demonstranten in unerwartet großer Zahl und mit vollem Risiko zur bislang größten Demonstration zusammen, die Ostdeutschland bis dahin gesehen hatte. Ein paar Tage später trat der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker zurück, das Machtdomino kippte Stein für Stein. Wo einer klemmte, stupsten die Demonstranten helfend nach.

Natürlich gehörte dann eine dritte Komponente zur Voraussetzung dessen, was als Vereinigung erfahren werden konnte: die Bereitschaft der alten Bundesrepublik, diese ökonomisch und politisch zu gestalten und die der Ostdeutschen, diese zu wollen. Darüber stimmten sie im März 1990 in der ersten freien Volkskammerwahl ab. Und zum wirklichen Tag der deutschen Einheit wurde der 1. Juli 1990. Er kündigte sich schon Wochen zuvor an – als zum Beispiel die Müllabfuhr in Ostberlin streikte. Denn wer sich rechtzeitig noch mehr Ostgeld erkämpfte, das war allen klar, würde künftig auch mehr umgetauschte Westknete zur Verfügung haben: nach dem D-Day am 1. Juli, als die Deutsche Mark im Osten eingeführt wurde. Die DM-Wartegemeinschaften standen in langen Schlangen vor den Banken. Eine freudige Empörung durcheilte das Land: Alle waren heiß auf das Westgeld und zeigten sich gleichzeitig unsicher, was sie konkret und auf Dauer erwarten würde. Sie fanden es ungerecht, nur 6000 DDR-Mark 1 zu 1 tauschen zu können, auch wenn der reale Schwarz-Tausch-Kurs nicht unter 1 zu 5 zu haben war. Viele neue Konten wurden eingerichtet – für Kleinkinder und bis dahin kontenlose Menschen. Freunde, die zu viel Geld hatten, parkten es auf den Konten jener, die keine 6000 besaßen. Eine Währungsunion kann sehr kommunikationsfördernd sein.

Feierabend: Drei Ostberliner in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause (1987).
Feierabend: Drei Ostberliner in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause (1987).

Damals kamen auch jene, die das schnelle Geld abkassieren wollten. An jenem 1. Juli stand ein Eierverkäufer vor der Tür. Er verkaufte keine Ost-Eier; seine Eier kämen aus einer ländlichen Enklave Westberlins. Sie waren zwar sehr viel teurer, aber auch sehr viel gesünder, behauptete er: Denn die West-Eier hätten kein Cholesterin, das käme durch die dickeren Schalen nicht hinein. Die DDR-Bevölkerung war gezwungen, sich zum ersten Mal mit Geld zu beschäftigen. Eine Bank würde künftig nicht mehr ein Handwerksprodukt zum Sitzen sein, sondern eine lebensbestimmende Finanzierungsanstalt.

Der 1. Juli 1990 als Tag der deutschen Geldeinheit vereinigte die Deutschen und spaltete die Ostdeutschen. Gegen Ende der DDR waren die Sparguthaben viel ungleicher verteilt, als es bis heute von vielen vermutet wird. Wer in der DDR viel Geld auf seinem Konto gehortet hatte, konnte es nun – in der Menge halbiert, aber im Wert vervielfacht – als Westgeld in Empfang nehmen. Und sich rasch noch ein Haus kaufen, oder ein Zweithaus, oder gleich Investor werden.

Geld ist zwar durchaus eine Möglichkeit, Ungerechtigkeit in die Welt zu streuen. Es stellt aber ein halbwegs faires Übel dar: Man kann den Grad der Abweichung messen. Für den einen verzehnfachte sich der Schätzwert der eigenen kleinen Immobilie sofort, für den anderen begann nun die Zeit der permanenten Mieterhöhungen. Die Einführung der D-Mark zeigte, was Geld bedeuten kann: den wirklichen Systemwechsel. Eine ersehnte Utopie – endlich Westgeld pur – wurde zur einfachen Realität. Die Verwirklichung einer Utopie zu erleben ist nicht vielen Menschen gegeben. Sie bezahlten dafür mit dem Verlust just dieser Utopie: Man kann sich nicht mehr in den Westen wünschen, wenn man dessen Teil geworden ist.

Sommer in der Stadt:  Schwitzender Arbeiter mit Karren in der Tucholsky- straße (1987).
Sommer in der Stadt:
Schwitzender Arbeiter mit Karren in der Tucholsky-
straße (1987).

1987 machte ich mit dem Fotografen Harald Hauswald ein Buch über Ostberlin, das von der speziellen Nähe zum Westteil berichtete und auch weil es 1987 erstmals in München erschien, ein deutsch-deutsches Projekt war. Es sollte unsere Art der Liebeserklärung an eine Stadt sein, die wir zugleich als Hälfte einer geteilten Stadt und doch als neues Ganzes wahrnahmen. Der Kalte Krieg zwischen Osten und Westen hatte in Berlin seinen Hauptschauplatz, und dieses Buch wurde zu seinem Bestandteil. Der führende DDR-Politiker für kulturelle Fragen, Kurt Hager, schrieb einen – natürlich geheimen – zweiseitigen Brief an den Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, in dem es nur um dieses 1987 nur im Westen erschienene Buch geht. Hager zu Mielke: „Der Vorschlag, dass das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in geeigneter Weise Bonner Stellen darauf hinweist, dass die Veröffentlichung des Buches von Rathenow und Hauswald im Piper Verlag ein unfreundlicher Akt gegen den im Kulturabkommen vereinbarten Kulturaustausch DDR-BRD ist, findet meine Zustimmung. Ich werde veranlassen, dass das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten den Genossen Moldt entsprechend beauftragt“.

Harald Hauswald kam als Überlebenskünstler aus der sächsischen Provinz und knipste sich binnen kurzer Zeit zu einem profilierten Fotografen der DDR heran. Sein sozial interessierter Blick mit künstlerischer Ambition ließ ihn an der Schnittstelle von Fotojournalismus und Fotokunst agieren. Den Zufall in dem Moment festhalten, in dem er zwangsläufig zu sein scheint – das könnte als sein Motto beschrieben werden.

Eines, das für die Gegenwart gleichermaßen gilt. Gerade in dieser Stadt, die eine Art Laboratorium für Deutschland ist: mit wechselnden Resultaten der Versuche. Zum Beispiel in meinem kleinen Hochhaus – die Erbauer dürften nicht abergläubisch gewesen sein, sonst hätten sie es nicht bei dreizehn Stockwerken belassen – glauben die meisten an die Kraft der Bilder, die sie verbreiten und herstellen. Die dritte oder vierte Film- oder Castingfirma residiert hier oder wandert gerade mit Kameras plus Stativen durch die Stadt auf der Suche nach unverbrauchten Aufnahmen. Zum Beispiel vom multikulturellen Leben in einer Stadt, die einfach zu groß für eine Religion zu sein scheint. Ich brauche nur von meinem Wohnpunkt aus in die vier Himmelrichtungen ca. zwei Kilometer zu gehen, da bin ich in vier verschiedenen Städten. Richtung Spree und über sie hinweg komme ich sehr rasch nach Kreuzberg. Vielleicht vorher mit einem Abstecher über den Alexanderplatz, um sich von den Bibeltreuen Christen noch mit ein paar Flugblättern inspirieren, aber sicher nicht bekehren zu lassen.

Treffpunkt Lottumstraße: „Make love, not war“  in Ostberlin (1986).
Treffpunkt Lottumstraße: „Make love, not war“
in Ostberlin (1986).

Schade, dass die tanzenden Krishna-Jünger nur noch selten auftreten oder offenbar an anderen Punkten der Stadt ein dankbareres Publikum haben. Oder sind sie konvertiert? Dieser indisch angehauchte Ton fehlt ein wenig im transparenten Labyrinth der Sinndeutungs-angebote. Und kann auch nicht wettgemacht werden durch abgespielte Arbeiterkampflieder einer vierten oder schon von ihr abgesprengten fünften Internationale. Erst aus einiger Entfernung bekommen sie den blechernen, vernuschelten Klang, der sie ähnlich den Weckgesängen auf der Insel Bali vor den Staatsfeiertagen klingen lässt. Und eigentlich schon in Kreuzberg gibt dir noch ein Zeuge Jehovas seinen Wachturm in die Hand, dessen dröge moralisierender Inhalt dich beruhigt: jemand will etwas von Dir, ohne sich die Mühe zu geben, Dich wirklich kennen lernen zu wollen. Da in dieser Stadt die Mehrheit der Menschen an gar keinen Gott zu glauben vorgibt, regen sie viele missionierungswillige Menschen zu Bekehrungsversuchen an. Es riecht endlich nach türkischen Speisen und Süßigkeiten, und eine Klangwolke orientalisch inspirierter Schlager umgibt dein Ohr – auf Dauer würde Dich das genauso nerven wie deutsche Schlager oder Marschmusik jeglicher Nationalität. Im Sommer kannst Du mit halbgeschlossenen Augen eine Verlängerung Deines letzten Istanbul-Aufenthaltes träumen. Aber auch die Stadt am Bosporus ist zu groß und kontrastreich, um in einem Begriff wirklich treffend gespiegelt zu sein. Und so prächtig sind Kreuzberg und seine Verlängerungen nach Neukölln hinein dann doch nicht wie Istanbul an seinen schönsten Stellen. An denen hörst du in der Türkei wiederum mehr deutsche (Touristen-)Stimmen als hier in Berlin, wo sich Kurdisch, Türkisch, Arabisch, Persisch, Englisch, Polnisch, Spanisch, Chinesisch, Englisch und Russisch mischen – aber Russisch gab es in Istanbul auch sehr oft.

Und du gehst einer russisch geprägten Gruppe hinterher und wärest fast in einem orthodoxen Gottesdienst gelandet. Nein, der dauert dir zu lange und Du triffst einen Bekannten, der als Lehrer an der Europa-Schule in Kreuzberg arbeitet, die nach dem türkischen Satiriker benannt ist, der sich gern mit dem türkischen Staat und Militär anlegte, was lange Zeit ja fast eins war. Aber auch das stimmt heute nicht mehr ganz, und die deutsch-türkischen Schule, die Kinder bis zum Abitur zweisprachig unterrichtet, bietet ein Beispiel für funktionierendes Neben- und Miteinander.

Haben Sie mal Feuer? Raucher am Schönhauser Tor (1986).
Haben Sie mal Feuer? Raucher am Schönhauser Tor (1986).

Anders die anderen, die sich und ihrer Umwelt und ihren Freunden und vielleicht sogar ihrer Gang zeigen wollen und müssen, wie cool und unabhängig sie sind. Einmal in der U-Bahn auf einer der Kreuzberg-Linien die junge, sehr reizvolle Türkin, die sehr laut vom Bruch erzählte, den sie heute noch machen wolle. Er zischelte ihr auf Türkisch etwas zu – sie konterte „Sprich deutsch. Ich will, dass Du Deutsch mit mir sprichst. Wenn Du mich meinem Vater abkaufen willst, musst Du schon noch 50 000 zusammenklauen. Darunter gibt es mich nicht.“ Es hätte ein Stück sein können, wenn es ein Stück gewesen wäre.

Also, ich erlebe alles Mögliche hier – außer islamischen Fundamentalismus. Ein Handwerker reparierte eine Heizung an einer islamischen Grundschule und ließ sich extra Zeit. Der Unterricht schien ihm wie überall zu sein – nur in den Koran-Stunden (Religionsunterricht) waren Disziplin und Aufmerksamkeit schlecht. Die Schüler quasselten miteinander, intensiv zu glauben heißt, längst nicht über die Fähigkeit zu verfügen, diesen Glauben zu vermitteln.

Die Stadt verführt doch eher zur Toleranz, und Fundamentalisten haben hoffentlich Mühe, es zu bleiben. Alles Misstrauen baut sich versehentlich ab und eher ungeplant. Ein Problem löst sich manchmal dadurch, indem es bei näherer Betrachtung in zwei ganz andere Probleme zerfällt. Berlin, ein Babel, das nicht in die Höhe wachsen will? Der Turm ist längst gefallen und hat sich als Stadt verbreitet. Irgendwie sind hier alle infiziert vom Fundamentalismus der allgegenwärtigen und ansteckenden Toleranz. Anders kann man sich in dieser Stadt gar nicht bewegen. Das wäre doch eine schöne Vision auch für das ganze Land, wenn Visionen nicht langweilten, und es eben verschiedene Willkommenskulturen auf die aktuellen Flucht- und Vertreibungsrealitäten geben sollte.

Deutschland heute? Ich arbeite in Dresden als Sächsischer Landesbeauftragter und fühle mich da und in Leipzig sehr wohl. Das ist erklärungsbedürftig. In der Prager Straße in Dresden, es ist ein Shopping-Freitag in einer jenen großen Einkaufsgalerien, dichtes Gedränge, weniger Russen (die Rubelkrise), mehr andere Menschen in weit mehr Sprachen als vor drei, vier Jahren. Eine Frau mit Kopftuch und Coladose in der Hand schaut sich auf einem Tisch um und spricht lachend mit ihrem Begleiter. Daneben in einem Geschäft des sehr gehobenen Preissegments vier verschleierte Frauen, sie lassen sich Kleidungs-assesoirces zeigen und diese dann einpacken. Es schaut das Familienoberhaupt vorbei, trägt die dicken Tüten aber nicht selbst weg. Die Emirate und Saudi-Arabien werden als Käufer-Klientel wichtiger werden. Ein Problem für die Menschen hier? Eher nein. Dresden hat seit Wochen einen neuen Bürgermeister, der nicht trotz, sondern auch wegen seiner südkoreanischen Frau gewählt worden ist. Aber in der besonders bunten Prager Straße entstand auch die Idee für diese Bewegung mit dem gut sprechbaren und merkbaren EIA als Vokalabfolge im Wort. Die sich im ersten Impuls gegen den Islamismus und (laut einer Mitgründerin) als Protest gegen die Bewaffnung der Kurden für den Kampf gegen den Terrorismus verstand. Das passt nicht zusammen.

Ausgedient nach der Wende: Ausgeschlachteter Trabbi (1990).
Ausgedient nach der Wende: Ausgeschlachteter Trabbi (1990).

Die Losungen bei Pegida richten sich gegen Brüssel, Einheimische essen einheimische Lebensmittel, die Politiker lassen uns allein – eine Empörungskultur, die menschliche Anteilnahme leicht auf der Strecke bleiben lässt. Was da beim Aufbau des Zeltlagers in Dresden passierte (Rote-Kreuz-Helfer wurden tätlich angegangen) ist widerlich. Die einfache Erklärung: Aus dem Landtag herausgewählte NPD-Aktivisten hetzten Menschen auf, um im Empörungswettbewerb wieder die Wuterzeugungshoheit zu erlangen. Zuvor soll ein Redner in Leipzig sich über das NEIN bei der Volksabstimmung zu den Reformen in Griechenland sehr gefreut haben, eine Frau forderte unterdessen alle auf, am Mittwoch nie mehr einzukaufen, um die Konsumtempel zu boykottieren.

Man kämpft gegen die Fernseh- und Rundfunkgebühren. Aus unpolitischen, antipolitischen, argumentativ verständlichen, argumentativ dümmlichen, ausländerskeptischen bis feindlichen, linkspopulistisch antiwestlichen, pro-russischen, neutralitäts- und verschwörungssüchtigen Komponenten hervorgehend, hat Pegida mehrere Metamorphosen durchlaufen und zwei relevante Orte gefunden: Dresden und Leipzig. Sicher ist sie ein ostdeutscher Frustreflex mit gesamtdeutschen Unterstützern: bei den Themen und personell. Zum Glück fallen die allermeisten Dresdner auf solche von tiefer Demokratieskepsis und gelegentlicher Pluralismusfeindlichkeit gespeisten Haltungen nicht herein. Realismus gegen Populismus, das ist auch hier der einzige Weg. Und wer sich in seinen Empörungslabyrinthen verirrte, dem muss der Rechtsstaat seine Handlungsgrenzen aufzeigen. In Dresden wie an jedem anderen Ort in Deutschland.

Das neu vereinigte Deutschland ist ein Laboratorium für die Verwandlung von nebeneinander existierenden Vergangenheiten in Gegenwart, die unaufhörlich an einer Zukunft arbeitet. Ostdeutschland bildet da eine spezifische Brücke zu den osteuropäischen Nachbarn. Das Interesse am unmittelbaren Nachbarn scheint immer die erste Voraussetzung für jede Art der Freundlichkeit am Fremden und den Fremden. Trotz aller Detailprobleme hat sich das Neben- und Miteinander mit Tschechien und Polen sehr positiv entwickelt. Es ist gut, wenn aus Görlitz oder Dresden besondere mitteleuropäische Integrationsimpulse ausgehen, die Prag, Warschau und Wien ganz intensiv im Blick haben. Die deutsche Vereinigung ermöglichte erst diese Integrationsbeschleunigung Richtung Osten.

Das Resümee: In einer Zeit, in dem fast jede kleine Nation um ihren eigenen Staat kämpft, in der es von Separatistenbewegungen nur so wimmelt, hat die DDR-Bevölkerung 1990 Ansätze einer eigenen staatlichen Identität zugunsten der Deutschen Einheit aufgegeben. Um sich in Bundesdeutsche zu verwandeln und keine nationalen Egoismen um jeden Preis auszuleben.

Berlin heute: In der  Friedrichstraße wird auf  allen Kanälen kommuniziert.
Berlin heute: In der
Friedrichstraße wird auf
allen Kanälen kommuniziert.

1987 gab es in meinem Ostberlinbuch eine Frage: „Der Tag, an dem die Mauer unbemerkt abgebaut worden ist. Die Posten sind abgezogen. Grenzpfähle stehen noch – ein Zaun mit Pforten, die jedermann öffnen und durchschreiten könnte. Nur gibt das niemand bekannt. Wie lange dauert es, bis die Menschen ihre neuen Möglichkeiten begreifen?“ Die Antwort erfolgte am 9.11.1989 mit der von den Ostdeutschen ernötigten Maueröffnung. Diese Neugier auf Neues und den Versuch, es intelligent und engagiert zu gestalten, sollten wir uns erhalten. Für Deutschland, Europa und die Welt.

Text von Lutz Rathenow, Fotos von Harald Hauswald

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