House of One

Das Haus of One

In der historischen Mitte von Berlin ist etwas wohl weltweit Einmaliges geplant: Hier wollen Juden, Christen und Muslime ein Haus errichten, unter dessen Dach eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee vereint sind. Ein Zentrum des Friedens zwischen den drei monotheistischen Religionen.

Der Petriplatz im Winter 2016: ein trostloser Ort. Hier betrieb vor dem Ersten Weltkrieg die Familie Hertzog das größte Kaufhaus Berlins. 2 000 Angestellte. Hier steppte der Berliner Bär. Das »Hertzog« heute: eine Rest-Ruine, Türen und Fensterhöhlen sind vernagelt. Ein Gebäude ohne Zukunft. Der Petriplatz ist ein Ort zum Depressiv-Werden. Wirklich?

Nein, hier baut sich Großes auf. Nur zu sehen ist noch nichts. Das Große hat einen Namen: »House of One«. Es wächst und wächst und wächst. Unsichtbar macht es sich breit in Berlins Mitte. Dazu kann Roland Stolte eine Menge erzählen. Er hat ja die Entwicklung seit den ersten Diskussionen begleitet. »Wir sind sehr optimistisch angetreten. Aber was jetzt passiert, haben wir nicht geahnt.«

Kirche, neu gedacht: 2012 wurde ein Architekten- Wettbewerb für das »House of One« ausgeschrieben. 220 Büros aus  der ganzen Welt bewarben sich, 40 gelangten in die engere Wahl. Sieger wurden junge Städtebauer aus Berlin.
Kirche, neu gedacht:
2012 wurde ein Architekten-
Wettbewerb für das »House of One«
ausgeschrieben. 220 Büros aus
der ganzen Welt bewarben sich,
40 gelangten in die engere
Wahl. Sieger wurden junge
Städtebauer aus Berlin.

Im Juni 2014 trafen sich ein Rabbiner, ein Imam und ein evangelischer Geistlicher. Sie erklärten, der Petriplatz habe das Potenzial, zu einem Zentrum des Miteinanders zu werden. Jeder der Geistlichen hielt den Fotografen und Kameraleuten einen Ziegelstein vor die Linsen und erklärte, das sei die Zukunft. Schon bald pflockten Arbeiter eine Schautafel in den märkischen Boden, der alle entnehmen konnten, an dieser Stelle würde etwas weltweit Einmaliges entstehen: Juden, Christen und Muslime wollen hier ein Haus errichten, unter dessen Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee vereint sind. Es werde einen zentralen Raum der Begegnung geben. Ein Haus des Gebets und des Austauschs über die Religionen – offen für alle.

»Es gehört viel Gottvertrauen dazu sich vorzustellen, dass schon in einigen Jahren das wundersamste Gebäude, einmalig in der Welt, auf diesem Boden stehen soll«, sagte Gregor Hohberg, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien. Rabbiner Tovia Ben-Chorin rief ermunternd in die Runde: »Wer kauft den ersten Stein?« Und Imam Kadir Sanci sprach davon, dass mit dem Bau »bewusst der gewaltfreie und offene Dialog der Religionen und Kulturen gefördert werde«. Man brauche dringend diesen Ort, an dem alle miteinander reden. »Religiös motivierte Gewalt – sie ist präsent im Alltag, aber sie macht weniger als 0,1 Prozent der Straftaten aus. Diese 0,1 Prozent prägen die Wahrnehmung in der Gesellschaft und stellen die Muslime unter Generalverdacht.« Durch den Dialog müsse dieses Vorurteil zurechtgerückt werden.

Der Rabbiner Tovia Ben-Chorin konnte da nur ernst nicken. Für ihn war es eine Sache der Logik, dass gerade an der Spree über ein »House of One« nachgedacht worden ist. »Berlin ist die Stadt der Wunden und des Wunders. Hier wurde die Ausrottung der Juden geplant. Jetzt entsteht ein Zentrum des Friedens unter den drei monotheistischen Religionen. Es wird strahlen: auf der ganzen Welt –
und ganz besonders von Berlin bis Jerusalem.« Das war an einem heiteren Junitag 2014.

Nun schreiben wir das Jahr 2016. Im ausgehenden Winter sieht der Platz nicht so aus, als würde bald gebaut. Es ist ein scheinbar endloser
Leerstand – wie in den vielen Jahren, seit die letzte Petrikirche 1964 in der DDR plattgemacht worden ist. Wenn in Berlin Mitte das Wetter mies ist, dann wirkt der Stadtteil hier besonders trist. Auf der Leipziger Straße rauscht unablässig der Verkehr, die Autos kämpfen sich in einem Gischtnebel voran. Ungastlich duckt sich ein weitläufiges Zelt der Archäologen. Still liegt der Baugrund im grauen Winter 2016. Die wenigen Passanten haben es eilig. Das Leben der City pulsiert anderswo.

Kaum einer liest die verwaschenen Inschriften auf dem Trottoir. Zum Beispiel, dass hier mal einer zum Tode durch Rädern verurteilt worden war, nach einer Begnadigung aber »nur« enthauptet worden ist. Oder den Hinweis, man latsche gerade über den ältesten Friedhof der Stadt, auf dem 3 000 Ur-Berliner bestattet worden sind. Oder die Bemerkung, hier hätten Archäologen 2006 die Reste von vier Kirchen gefunden. Die habe man an dieser Stelle hochgezogen, weil der Untergrund nicht sumpfig war. Die Kirchen standen auf Sandhügeln.

Ein vermummter palästinen- sischer Jugendlicher bei Protesten auf dem Tempelberg. Im Hinter- grund die al-Aksa-Moschee.
Ein vermummter palästinen-
sischer Jugendlicher bei Protesten
auf dem Tempelberg. Im Hinter-
grund die al-Aksa-Moschee.

Was  also tun mit dem Areal? Ein Hotel, schicke Bürogebäude, wunderbare Wohnwelten, das war klar. Eine neue Kirche? Nein, das wollte die Gemeinde nicht. Aber ein Zeichen setzen. Warum nicht die drei großen Religionen in einem Gebäude zusammenführen?

Die Jüdische Gemeinde in Berlin war schnell überzeugt. Der Dialog mit den Islam-Vertretern kam nach zähem Beginn erst in Gang, als die »House-of-One«-Initiatoren das Forum für Interkulturellen Dialog (FID) auftaten. Der Verein gehört zur Bewegung des türkischen Predigers Fethullah Gülen, der von den USA aus ein weltweit wachsendes Netzwerk von Schulen und Universitäten unterhält und von Premierminister Erdogan gerade zum Hauptfeind der Türkei erklärt wurde. Gülen wirbt für den Dialog mit anderen Religionen und für die Versöhnung von Religion und Moderne. Das kommt vor allem bei jungen Männern und Frauen an, die gesellschaftlich aufsteigen wollen. Die meisten Mitglieder des FID haben einen Hochschulabschluss. Vertreter der drei Religionen hatten sich gefunden, die Idee war überzeugend.

2012 wurde der Architekten-Wettbewerb aus-
geschrieben: »Es geht um ein gegenseitiges ‚redliches Kennenlernen’, das Differenzen nicht überspielt, um neue Formen der Gemeinschaft in vielen möglichen Facetten, aber auch um ein Forum des Erinnerns an den Umgang der Religionen miteinander in der Geschichte dieser Stadt und des Landes.« Roland Stolte, kaufmännischer Geschäftsführer und theologischer Referent der Sankt-Petri-Gemeinde Berlin, erinnert sich an die spannenden Erfahrungen.

220 Büros aus der ganzen Welt bewarben sich, 40 Büros gelangten in die engere Wahl –
und der Sieger kommt aus Berlin. Es sind die jungen Städtebauer von Kühn Malvezzi, die mit ihrem Entwurf am meisten überzeugten. Drei Bet-Räume in einem Haus – das ist schließlich eine Herausforderung. Moschee und Synagoge müssen nach Osten ausgerichtet sein. Muslime benötigen einen quadratischen Raum, damit möglichst viele Schulter an Schulter beten können. Die Juden brauchen Platz auf dem Dach, für die Hütte beim Laubhüttenfest. Nach außen soll sich das Gebäude nicht wie eine der vielen anderen Kirchen der Stadt präsentieren.

Betrachtung der Ringe: So hat der Maler Moritz Daniel Oppenheim (1800–1882) sein Ölbild genannt, das die Ringparabel in Lessings »Nathan der Weise« widerspiegelt.
Betrachtung der Ringe:
So hat der Maler Moritz Daniel
Oppenheim (1800–1882) sein Ölbild
genannt, das die Ringparabel in
Lessings »Nathan der Weise«
widerspiegelt.

Nun steht er also seit zwei Jahren, der Entwurf. Millionen Mal ist er schon im Internet angeklickt und auf Apps geladen worden. Die Unterstützer werden mehr und mehr. Und trotzdem wird noch nicht gebaut. Woran liegt’s, Herr Stolte? Der Theologe antwortet in großer Entspanntheit. »Wir haben viel lernen müssen in den letzten Jahren. Zum Beispiel, dass wir mit dem reinen Spendensammeln nicht zum Ziel kommen.« Im Augenblick  haben die »House-of-One«-Missionare Ziegel für rund 1,1 Millionen Euro an fast 2 000 Menschen in 40 Ländern verkauft. Ist das viel – oder doch enttäuschend? »Wunderbar ist das. Aber uns wurde schnell klar, dass wir uns geschäftlich noch anders aufstellen müssen. Es laufen vielversprechende Gespräche mit Sponsoren und Mäzenen, der Senat steht voll hinter uns. Wir kommen voran.«

Stolte, ein eloquenter Gesprächspartner, der weiß, wovon er redet, macht eine kleine Pause. Dann sagt er: »Wir peilen jetzt als Baubeginn Ende 2018 an. Und wir sind nicht unfroh über diesen Aufschub. Es gibt noch so vieles zu tun.« Die Statiker müssen noch einmal ran und in den Sand unterm Platz bohren, die Künstler für die einzelnen Räume reißen sich um die Aufträge. »Und eine Aufgabe, die wir so nicht auf der Agenda hatten, ist die Beschäftigung mit den Social Media.«

Das »House of One« steht schon wolkenkratzerhoch im virtuellen Raum. Im vergangenen Jahr stellte der arabische Nachrichtensender Al Jazeera einen kurzen Film ins Netz – der wurde in kurzer Zeit fünf Millionen Mal angeklickt und mit 2 000 Einträgen kommentiert. Nun macht sich eine neu gegründete Social-Media-Abteilung des »Vereins Bet- und Lehrhaus« daran, die Daten auszuwerten, neue Bewegungen im Netz zu planen, Anfragen zu beantworten.

Da kommt eine Flut auf die »House-of-One«-Macher zu. Vor kurzem suchte eine Pfarrerin aus Mühlhausen Rat: Man habe in der Gemeinde 800 Flüchtlinge. Wie solle man die unter ein Dach bringen? Wie könne man eine friedliche Kommunikation herstellen? Wie funktioniere ein Haus, in dem das geschehen könne?

Sie werden in Zukunft viele solche Anfragen haben, das wissen sie in Berlin. Das Projekt spricht sich rasend schnell herum. Anfang Februar hatte Stolte eine Klasse des Bochumer Lessing-Gymnasiums zu Gast. Die jungen Leute hatten wegen eines Projekts über »Nathan der Weise« und vor allem die »Ringparabel« in Berlin angefragt, ob sie sich der »House-of-One«-Entwürfe bedienen durften.

Das Projekt gelang dann auch trefflich. Als Belohnung gab’s einen Ausflug an die Spree. Dort nahmen die Schüler die Modelle in die Hand und waren gleichermaßen nachdenklich und beglückt. Das würde schon wachsen, dieses geile House auf dem Petriplatz. Und vielleicht wäre es der exemplarische Ort, an dem sich die Menschen echt cool zusammenzuraufen lernen.

Text von Detlef VettenHouse of One

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