Stadtplanung Helle Søholt

“Das Leben in der Stadt ist wie Blut in den Venen”

Immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Metropolen. Doch wie sehen die Städte der Zukunft aus? Ersticken sie am Autoverkehr oder an den Abgasen? Eine Stadtplanerin aus Kopenhagen arbeitet weltweit daran mit, dass die Metropolen menschenfreundlicher werden.

Helle Søholt lebt mitten in Kopenhagen. Für sie ist die Welt hier in Ordnung, seit ihr Kollege Jan Gehl vor mehr als 50 Jahren das „menschliche Maß“ propagiert hat. Entschleunigung statt immer mehr Hektik und Verkehr. Jan Gehl machte sich als Stadtplaner und Architekt gleich an die Arbeit. Die Stroget („Strich“) ist bis heute die mit 1,1 Kilometern längste Fußgängerzone der Welt. Zu den Fußgängern sind die Radfahrer hinzugekommen. Fast jeder zweite Bewohner der Innenstadt fährt mit dem Rad zur Arbeit oder zum Ausbildungsplatz. Auf vielen Straßen und Brücken Kopenhagens sind Autofahrer die Minderheit. So machen auf der vielbefahrenen Königin-Luise-Brücke im Zentrum Autos nur noch 14 Prozent des Verkehrs aus.

Auch Helle Søholt radelt. Sie gehört heute zu den einflussreichsten Städteplanerinnen der Welt. Als die junge Dänin mit 28 Jahren ihr Architekturstudium beendet hatte, traf sie Jan Gehl. Der heute 79-jährige, emeritierte Professor der Königlich Dänischen Kunstakademie propagierte den Umbau der Städte zu Orten, an denen Menschen nicht nur arbeiten und einkaufen, sondern sich auch in Parks und Grünanlagen vergnügen und in Straßen und auf Plätzen zum Gedankenaustausch und Miteinander treffen können. Das faszinierte die junge Stadtplanerin.

Im Jahr 2000 gründete Søholt gemeinsam mit Jan Gehl in Kopenhagen ein Architektenbüro, das heute weltweit zu den ersten Adressen gehört. Es betreut Stadtentwicklungsprojekte auf allen Kontinenten. Aus der Jungarchitektin ist die Chefin einer internationalen „Denkfabrik“ geworden. Kernfrage: Wie kann angesichts der rapide anwachsenden Weltbevölkerung das Leben in Mega-Städten so gestaltet werden, dass der Mensch Mensch bleibt?

Kapstadt, Sao Paulo, Mexico City, New York, Vancouver, London, Oslo, Kopenhagen, Stockholm, Peking, Kuala Lumpur oder Melbourne – in all diesen Metropolen war Helle Søholt schon als Stadtplanerin tätig. Städte lassen sich wie Bücher lesen, sagt sie. Am Rande des Interws verrät sie, dass sie zur Entspannung gern im eigenen Garten arbeitet. Allerdings bleibt dafür wenig Zeit, da sie auch noch als Professorin an den Universitäten in Kopenhagen und Seattle lehrt.

Frau Søholt, warum zieht es weltweit immer mehr Menschen vom Land in die Städte?

Viele Aktivitäten, die einst Menschen zusammenführten, sind in den vergangenen Jahrzehnten zu privaten Angelegenheiten geworden. Wir waschen die Wäsche zu Hause in der eigenen Waschma-schine, kochen und essen daheim, fahren allein im Auto zur Arbeit, schauen ganz privat zu Hause einen Film, tauschen unsere Meinungen in Internetforen aus statt in persönlichen Gesprächsrunden und verbringen auch viele Freizeitaktivitäten in den eigenen vier Wänden. Das wird im digitalen Zeitalter noch zunehmen: Termine mit dem Arzt, Gesundheitscheck, Einkaufen – all das wird immer mehr vom häuslichen Computer aus erledigt.

Für all’ das braucht man keine Stadt, sondern einen schnellen Internetanschluss.

Stimmt nur zum Teil. Denn wir Menschen bleiben soziale Wesen. Wir möchten Zeit mit anderen verbringen – uns sei es nur, dass wir anderen Menschen beim Spazierengehen zuschauen, dass wir bei einer öffentlichen Veranstaltung gemeinsam mit anderen lachen, dass wir in der Gruppe kulturelle Angebote erleben. Diese sozialen Bedürfnisse sind mit ein Grund, warum es Menschen in die Städte zieht.

Aber die großen Städte werden immer voller.

Ja, und trotzdem – oder gerade deshalb – suchen viele Menschen das urbane, pulsierende Leben. Diesen „Kick“ kann das Internet nicht bieten, auch wenn es tatsächlich Menschen an fast jedem Ort der Welt zusammenbringt.

Wo leben Sie persönlich lieber: in einer kleinen Stadt oder in einer Millionen-Metropole?

Mega-Städte faszinieren mich; Plätze, die vibrieren und pulsieren, ziehen mich an. Als ich Anfang 20 war, lebte ich zum Beispiel in London und liebte das Straßenleben und sogar die stets volle, aber sehr effiziente Untergrundbahn. Dann zog und arbeitete ich in anderen Metropolen. Trotzdem bevor- zuge ich Kopenhagen. Die Stadt ist mit 1,5 Millionen Einwohner in der Großregion und 500.000 Menschen im Zentrum nicht ganz so groß.

Die neue Oase: Fast 400 000 Menschen halten sich täglich auf dem New Yorker Times Square auf. Auf dem Broadway, der einst Autos vorbehalten war, ...
Die neue Oase: Fast 400 000 Menschen halten sich täglich auf dem New Yorker Times Square auf. Auf dem Broadway, der einst Autos vorbehalten war, …

Ist die Größe entscheidend?

Nein, nein. Aber hier in Kopenhagen wird Nachbarschaft noch groß geschrieben. Das gibt mir Geborgenheit. Es gibt wunderbare öffentliche Plätze und Parkanlagen hier. Und man kann vieles zu Fuß, mit dem Fahrrand oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen. Wir wohnen in der Innenstadt – und trotzdem können mein 12-jähriger Sohn und meine neunjährige Tochter zur Schule laufen und am Nachmittag sicher mit dem Fahrrad Freunde besuchen fahren.

Ist Kopenhagen für Sie Vorbild für eine Stadt mit Zukunft?
Sie hat jedenfalls vier wichtige Schlüsselqualitäten: Sicherheit, Erreichbarkeit zu Fuß, Nachbarschaft und eine hohe Lebensqualität.

Vor 43 Jahren schrieb Jan Gehl ein Buch, das bis heute fast wie eine Bibel für Stadtentwickler ist. „Leben zwischen Häusern“ heißt der deutsche Titel. Hat sich seit Erscheinen des Buches etwas verändert? Steht der Mensch, wie Jan Gehl fordert, bei der Planung im Vordergrund – und nicht das Auto?

Als Jans Buch 1972 erschien, konzentrierten sich fast alle Städteplaner auf das städtische Umland. Neue Vororte mit vorfabrizierten Einfamilienhäusern entstanden; kaum einer betrachtete die Innenstädte als attraktive Orte, an denen Menschen leben. Das hat sich in den letzten 20 Jahren geändert. Viele Innenstädte wie hier in Kopenhagen sind wieder attraktiver, lebenswerter geworden – gerade auch für junge Berufstätige mit Familien und Kindern.

... entspannen heute Menschen in Straßencafes, flanieren Fußgänger. „Städte sind für Menschen da“, sagt Helle Søholt.
… entspannen heute Menschen in Straßencafes, flanieren Fußgänger. „Städte sind für Menschen da“, sagt Helle Søholt.

Wie gewinnen Innenstädte an Lebensqualität? Mehr Grün, weniger Autos?

Nehmen Sie Kopenhagen. Auch diese Stadt litt darunter, dass immer weniger Menschen in der City lebten. Abends und nachts war sie tot. Dann wurden Parkplätze in öffentliche Räume verwandelt, Parkanlagen wurden verschönert, Wege entlang des Wassers geschaffen. Und statt der Konzentration auf den Bau neuer Straßen für Autos entstand ein Netz von Fahrradwegen. Zugleich wurden die öffentlichen Verkehrsmittel verbessert. Eine höhere Lebensqualität macht sich an vielen Punkten fest.

Die meisten Städte sind pleite. Einen großen Umbau kann sich kaum noch eine Kommune leisten.

Das „menschliche Maß“ ist für die Stadtentwicklung entscheidend. Die Veränderung beginnt im Kleinen. Man muss nur wollen und die Menschen in den Wandel einbeziehen.

Wo würden Sie den Hebel ansetzen?

Es gibt nicht das eine Rezept. Jeder Ort ist anders. Das Wichtigste ist aber immer das Leben zwischen den Gebäuden. Wenn sich dort Menschen nur zum Arbeiten oder Einkaufen aufhalten, dann stimmt etwas nicht. Das Le- ben in einer Stadt ist wie Blut in den Venen. Es erzeugt einen Pulsschlag, den alle spüren.

Aber manche Megastädte wachsen so schnell, dass aus dem Pulsschlag, von dem Sie sprechen, ein Verkehrsinfarkt wird.

Deswegen muss ein Umdenken erfolgen. Die meisten Wege, die Bewohner innerhalb eines Zentrums zurücklegen, sind nicht weiter als acht Kilometer. Das lässt sich mit einem alternativen Fahrrad-System erledigen, das die Verkehrsinfrastruktur für Pendler ergänzt. Außerdem muss der öffentliche Personennah- verkehr verbessert werden. In New York versu- chen wir derzeit, in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung Manhattan zu verwandeln. Auf Straßen und Plätzen, die gestern noch von Autos verstopft wurden, laufen heute Fußgänger, gibt es Cafés und Plätze zum Verweilen.

Welches sind die häufigsten Fehler bei der Stadtplanung?

Man konzentriert sich auf die Gebäude und auf die Autos, statt an die Menschen und die Lebensqualität zu denken. Die schnelle ökonomische Rendite zählt. Investitionen in soziales Leben und in die Umwelt zahlen sich langsamer aus – sind aber nachhaltiger.

2011 wurde die neuseeländische Stadt Christchurch durch ein Erdbeben zerstört. Ihr Team wurde beauftragt, die Stadt neu aufzubauen. Wie vermeiden Sie, dass bei der Planung neue Fehler entstehen?

Städteplanung besteht nicht darin, keine Fehler zu machen. Und es ist auch nicht unsere Planung.

Moment mal. Ihr Büro hat den Auftrag be-kommen, oder nicht?

Ja, aber wir geben nur einen Rahmen vor, der Menschen in der Region erlaubt, ihre Stadt wiederzuerrichten. Unser Ziel ist es, dass die Bewohner von Christchurch am Ende sagen: Das ist unsere Stadt, die haben wir geplant.

Jetzt untertreiben Sie. Auch Architekten sind eitel.

Das unterscheidet uns von „Stararchitekten“. Wir leben nicht von unserer Unterschrift unter ein Bauwerk. Unsere Arbeit soll Städten ermöglichen, gemeinsam mit den Bewohnern einen eigenen Weg zu finden.

In welcher Stadt möchten Sie ganz und gar nicht leben?

Was für eine unmögliche Frage an eine Stadtplanerin. Aber gut: Die schlechte Luftqualität in Peking, die Erdbebengefahr in Bangladesh oder die schlechte Wasserqualität in São Paulo würden mir schon Sorgen machen, wenn ich dort leben müsste. Aber deshalb bin ich ja Städteplanerin geworden, um auch diese Städte lebenswerter zu machen. Der Stadtraum muss mit der Geschwindigkeit eines Fußgängers erlebt werden, ist Jan Gehls wichtigster Grundsatz.

Das klingt nach Entschleunigung.
Genau richtig. Die Stadt ist ein Ort der Be- gegnung, ein gesellschaftliches Forum. Der Mensch steht im Mittelpunkt – nicht das Auto.

Text von Stephan Richter und Joachim Reppmann

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