Richard Wester

Der Saxophonist mit dem langen Atem

Richard Wester tourte mit Rockbands durch ganz Europa, bis nach Nordafrika und China. Einen Führerschein besitzt er bis heute nicht. Stattdessen kaufte er sich auf dem Land eine stillgelegte Gärtnerei und machte aus
dem Gewächshaus eine Experimentalbühne. Sein Terminkalender ist voll. Trotzdem sieht er alles ganz entspannt.

Wer den Musiker Richard Wester auf dem Weg zu einem Konzert treffen möchte, sollte am besten mit der Bahn fahren. Einst tourte der Saxophonist mit Rockmusikgrößen wie Ulla Meinecke und Stefan Waggershausen durch Europa, mit BAP ging es sogar bis nach China. Udo Lindenberg oder Joe Cocker begleitete er auf Konzerten oder bei Studioaufnahmen mit seinem Instrument. Doch egal, wo es hinging – er kam ohne Auto. »Ich habe nie einen Führerschein besessen und brauche ihn auch nicht«, sagt er. Dabei hat er sich nach seinem Musikstudium in Berlin ausgerechnet ins entlegene Schleswig-Holstein zurückgezogen. Klingt nach Ausstieg, ist es aber nicht. Der Künstler, der im Rheinland geboren wurde und in diesem Jahr 60 wird, ist seit vier Jahrzehnten bundesweit präsent und bestens in der Musikerszene vernetzt. Nur vereinnahmen lassen will er sich nicht. »Entschleunigung« lautete schon sein Motto, als es dieses gesellschaftliche Wort noch gar nicht gab.

Nachdem sich Wester 1982 an der Flensburger Förde niedergelassen hatte, komponierte er erst einmal eine musikalische Liebeserklärung an seine neue Heimat. Das Saxophon-Stück trägt den Namen des Ortes, den man nicht kennen muss, aber auf den jeder neugierig wird, der das Stück hört: »Steinbergholz«.

Mit verklärter Landlust hat dies nichts zu tun. Wester, der als Leidenschaften »Garten, Reisen, Kajak, Rotwein, Kochen und Komposition« nennt, machte immer wieder mit Multimedia-Projekten auf sich aufmerksam. So gehörten die »Rheinfels-Saga« und der »Burgenzauber Rheinland-Pfalz« ebenso zu seinen künstlerischen Produktionen wie Radiofeature für den NDR, WDR und für den Deutschlandfunk. Einmal im Jahr produziert er die »Nacht der Lieder« – Konzerte, bei denen er Sänger und Musiker wie Anne Haigis, Hannes Wader, Ulla Meinecke, Knut Kiesewetter, Ina Deter oder Klaus Lage zusammenbringt. Als Theatermusiker und -komponist gehörte er zum Ensemble des Berliner Grips Theaters und des Hamburger Schauspielhauses. Bis heute entstanden 22 eigene Instrumental-CDs, aufgenommen im heimischen Studio ebenso wie in den berühmten Hansa-Tonstudios in Berlin.

Porträt aus frühen Jahren: Einst tourte Richard Wester, der aus dem Rheinland stammt, mit Rockmusikgrößen bis nach China. Doch 1982 zog er ins nördliche Schleswig-Holstein, längst ist  ihm die Landschaft Angeln zur  zweiten Heimat geworden.
Porträt aus frühen Jahren:
Einst tourte Richard Wester, der
aus dem Rheinland stammt,
mit Rockmusikgrößen bis nach
China. Doch 1982 zog er ins nördliche
Schleswig-Holstein, längst ist
ihm die Landschaft Angeln zur
zweiten Heimat geworden.

Inzwischen ist der ungewöhnliche Musiker von Steinbergholz in den Nachbarort gezogen. Dass er sich auf dem abgelegenen Landstrich nahe der deutsch-dänischen Grenze noch einmal ein wenig fortbewegte, liegt auch an dem großen Glashaus, das zu seinem heutigen Domizil gehört. Die stillgelegte Gärtnerei war genau das Richtige. Das große Gewächshaus wurde zu seiner Experimentalbühne. Hier treffen sich schon mal Musiker aus der Oase Figuig in Marokko und trommeln um die Wette. Zuvor war Wester dort gewesen und hatte etwas zustande gebracht, was wohl nur Musiker vermögen. Der Saxophonist aus dem christlichen Abendland spielte beim Aufgang der Sonne zum Ruf des Muezzins. »Was verbindet die Religionen denn mehr als die Musik?«, fragt Wester und freut sich über den Brückenschlag. Das Experiment in der marokkanischen Oase hatte ein Gegenstück: Auf dem großen Marktplatz in Flensburg begleitete er mit seinem Saxophon auf einer Bühne das Glockengeläut der mächtigen Hauptkirche St. Nikolai.

1991 erhielt Richard Wester den Deutschen Kleinkunstpreis; zahlreiche Auszeichnungen kamen seitdem dazu. Eine Philosophie macht der Musiker, der das legendäre Musical »Linie 1« mitkomponiert hat, aus seinem Leben nicht. Nur so viel vielleicht: Man muss nicht mit dem Wölfen heulen – auch nicht in der immer kurzlebigeren Rock- und Popmusik-Szene. »Die Kraft liegt in der Ruhe«, lacht er beim Treffen auf der Bahnfahrt zu einem Studio-Termin

Text von Stephan Richter

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