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Durch Afrika mit Jeep und Familie

Das große Afrika-Experiment

paradiso-Autor Holger Schulz ist mit seiner Familie drei Wochen lang im Geländewagen durch Afrika getourt. Es gab gefährliche Szenen. Aber wichtiger war die Frage: Würde man zusammenhalten?

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Afrika – faszinierende Tierwelt, großartige Landschaften und fremde Kulturen. Immer wieder habe ich in den vergangenen Jahrzehnten diesen Kontinent bereist. Beruflich, als Biologe und Tierfilmer. Jetzt sollte es mal ein Privaturlaub werden. Im Expeditionsstil, mit meiner Frau Maria, ein gemeinsames Abenteuer zu zweit. Doch dann erfuhren unsere erwachsenen Kinder Stefanie und Patrick von der Planung der Reise. Vor vielen Jahren hatte ich ihnen versprochen, auch sie einmal mit nach Afrika zu nehmen. Vergessen haben die beiden das nie: »Was ist mit uns? Mit Deinem Versprechen?«.
Kalt erwischt. Aber geht das überhaupt? Mit den Kindern, die längst ihr eigenes Leben führen. Die tagtäglich eigene Entscheidungen treffen. Und deren Sichtweise nicht immer mit der ihrer Eltern übereinstimmt. Zu Viert im Jeep, drei Wochen lang. Auf engstem Raum zusammengepfercht, bei schwüler Hitze, auf holprigen Straßen? Und in Situationen, die manchmal nicht spaßig sind? Egal – wir buchten die Flüge. Wir mieteten den größten Geländewagen, mit zwei Dachzelten für vier Personen. Dann fieberten wir alle dieser Reise entgegen, die auch ein spannendes Familienexperiment werden sollte.
Ein paar Monate später. Wir sind im Süden Afrikas unterwegs. In Botswana kämpfen wir uns über eine holprige Piste. Regenzeit. Riesige Pfützen, grundloser Schlamm, manche Wege sind unbefahrbar. Elefanten stehen am Wegesrand, Giraffen blicken hochnäsig auf uns herunter. Durch die Bäume toben ganze Horden von Affen. Afrikafeeling pur. Plötzlich endet die Piste in einem Fluss. Weit entfernt, am anderen Ufer, kommt sie wieder zum Vorschein. Kommen wir da durch? Keine Ahnung. »Sollen wir es wagen?«. Ratloses Schulterzucken, dann das OK. Allrad rein, langsam rollt unser Geländewagen ins Wasser. Schnell wird es tief, sehr tief sogar. Erste Zweifel werden laut: »Ich hab Angst«, höre ich, und »Vielleicht ist das doch keine gute Idee!«
Zu spät. Das Wasser schlägt bereits über die Kühlerhaube. Im Auto ist es inzwischen totenstill. Sekunden später reicht der Fluss bis zu den Scheibenwischern. Bald darauf sind die Seitenspiegel untergetaucht. Durch die Windschutzscheibe blicken wir in ein Aquarium. Genau in diesem Moment kippelt der Wagen. Verdammt, der Pistenrand, jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Endlich greifen die Räder. Widerwillig wühlt sich der schwere Wagen voran. Noch immer kein Mucks im Auto. Nach einer gefühlten Ewigkeit geht der Wasserstand zurück. 30 Meter noch, 10 Meter – und dann stehen wir im Trockenen. Stefanies schüchterner Kommentar: »Papa, ich mach mal die Tür auf, das Wasser steht mir bis zum Hintern.« Schlagartig löst sich die Anspannung. Hysterisches Lachen und Kichern, während die trübe Brühe aus dem Auto rauscht. Unsere Klamotten, unsere Ausrüstung, alles ist nass. Trotzdem: Wir hatten Glück. Abgesehen von einem verbogenen Nummernschild ist alles OK.
Zugegeben, das Abenteuer hätte böse ausgehen können. Kommen jetzt die Vorwürfe? Nach dem Motto: Das war leichtsinnig, das hättest Du wissen müssen? Nichts von alledem. Wir alle saßen im gleichen Boot, wir alle hatten Angst. Aber gemeinsam haben wir ein Abenteuer gemeistert, das keiner von uns vergessen wird. Irgendwie war das die Feuerprobe für unseren Urlaub. Die kritische Situation hat uns nicht belastet, sondern eher zusammengeschweißt. Trotzdem: Wir gehen auf Nummer sicher. Maria testet von jetzt an jede längere Furt zu Fuß, bevor wir sie mit dem Auto durchfahren.

Flusspferd (Hippopotamus amphibius), Chobe NP, Kasane, Botswana
Am späten Abend: Um das Camp brüllen die Löwen. Abertausende Insekten zirpen ihr endloses Lied. Das Lagerfeuer knistert, auf dem Grill brutzeln die Steaks. Ein paar Pullen Bier lösen die Zungen. Die besondere Atmosphäre, die Nähe hier draußen: Probleme, die teils Jahre zurückliegen, werden jetzt erstmals diskutiert. Nicht im Gespräch von Eltern zu Kindern, sondern auf Augenhöhe. Gerade für mich, den Vater, der viel zu oft unterwegs war, ist das nicht immer schmeichelhaft. Zu Hause hätte ich wohl protestiert. Hier, in der Wildnis, fällt es leichter, einsichtig zu sein.
In den folgenden Tagen macht die Regenzeit ihrem Namen alle Ehre. Dunkle Gewitterwolken ballen sich am Horizont, Blitze zucken. Dann öffnet der Himmel seine Schleusen. 80 Kilometer liegen vor uns, bevor wir im Savuti-Reservat unser nächstes Etappenziel erreichen. Eine Strecke, die es in sich hat: Im feuchten Grund sind halbmetertiefe LKW-Spuren eingegraben. Der Boden ist glatt wie Schmierseife. Ein endloser Schlingerkurs, ständig in der Angst, im tückischen Modder hängen zu bleiben. Unsere Harmonie wird hier auf die Probe gestellt. Als Fahrer steht man voll unter Strom, fährt immer am Limit, und wird irgendwann auch mal müde. Dass ich mich trotzdem weigere, das Steuer aus der Hand zu geben, stößt bei meinen Mitreisenden auf Unverständnis. Aber als einziger an Bord habe ich Erfahrung auf solchen Strecken – da muss die Demokratie mal zurückstehen. Nach 10-stündiger Fahrt, kurz vor unserem Ziel, stoppt uns eine riesige Herde Kaffernbüffel. Gemächlich überqueren die schwarzen Kolosse nur wenige Meter vor uns die Piste.
Es ist stockdunkel, als wir endlich das Camp Savuti erreichen. Die Pforte ist längst geschlossen. Nicht weit entfernt leuchten die Augen der um unseren Lagerplatz stromernden Hyänen. Mit flauem Gefühl im Magen bauen wir unsere Dachzelte auf. Erstaunlich, wie schnell sich jeder für bestimmte Handgriffe verantwortlich fühlt, obwohl niemand die Arbeit eingeteilt hat. Patrick kümmert sich um den Knochenjob auf dem Dach, die anderen arbeiten am Aufbau unseres Camps. Aus der Familie ist ein gut funktionierendes Team geworden. Dann stellen wir fest, dass die Abdeckungen der Dachzelte nicht wasserdicht sind. Matratzen, Kopfkissen und Schlafsäcke sind feucht, dazu das Summen Tausender Stechmücken. Egal, es ist wie es ist. Todmüde fallen wir in den Schlaf, begleitet vom Keckern der Hyänen und vom Grummeln der Elefanten. Wir sind endgültig angekommen in dieser ganz anderen Welt. Das Abenteuer Afrika hat uns im Griff.

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Drei Wochen, drei Länder: Namibia, Botswana und Zimbabwe. Täglich neue Eindrücke und Herausforderungen. Grandiose Landschaften, wie die weltberühmten Victoriafälle und die riesigen Sanddünen des Sossusvlei. Den Farben, der bizarren Topographie kann sich keiner von uns entziehen. Und die Begegnungen mit der Tierwelt, im Kleinen wie auch im Großen? Patrick als angehender Logistiker, Stefanie als Heilpädagogin, da liegen die Schwerpunkte nicht gerade in der Zoologie. Und doch: Auch sie sind immer wieder von der afrikanischen Wildnis begeistert. Dass der Vater als Biologe fast jede Frage beantworten kann, macht nicht nur den Kindern Freude.
Allen anfänglichen Bedenken zum Trotz: Das Fazit unseres Familienexperiments fällt durchweg positiv aus. Was hat die Reise mit uns gemacht? Wir alle haben von dem gemeinsamen Abenteuer profitiert. Wir haben näher zusammen gefunden und viel voneinander gelernt. Wie selbstverständlich hat sich ergeben, auch kritische Situationen als Team zu meistern. Die ständige Nähe hat jedem von uns gut getan, auch wenn nicht alles nur eitel Sonnenschein war. Drei wertvolle Wochen liegen hinter uns, viel intensiver als das »normale« Leben. Mit einer großartigen Umwelt und spannenden Erlebnissen als ständigen Taktgebern. Eine Zeit, die keiner von uns missen möchte.

Text und Fotos: Dr. Holger Schulz

DER AUTOR: Dr. Holger Schulz, Jg. 1954, studierte Biologe/Zoologie. Der promovierte Ornithologe arbeitete im internationalen Naturschutz, in der Forschung und für Tierfilmproduktionen vor allem in Afrika, Saudi-Arabien und Südeuropa. Seit 2000 ist Schulz freiberuflicher Wildlife Consultant, Journalist und Autor; er lebt in Bergenhusen/Schleswig-Holstein.

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Kommentare

  • Ich möchte nach Südafrika, meine Tochter will gern die Führung übernehmen mit Ihrem Freund. Meinen
    Mann konnten wir noch nicht dafür gewinnen. Ich habe Hoffnung, dass wir es noch hinkriegen.
    Dieser Artikel zeigt mir, dass es nicht nur um Urlaub geht, sondern um viel mehr. Sehr gut beschrieben.
    Auch wenn man Angst hat, wird man es schaffen. Das Erlebte kann einem keiner mehr nehmen.

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