Fussmann Maler

Ein Maler sucht das Weite

Wie Klaus Fußmann Balance hält zwischen Großstadt und dem Land

Geheime Orte sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Düstnishy. Ein halbes Dutzend Häuser, knapp 20 Einwohner. Vor gut einem Jahrzehnt musste man lange suchen, um diesen Ort an der Flensburger Förde zu finden. Heute bringt das Navi einen ans Ziel.

Düstnishy – selbst den Einheimischen kommt der Name schwer über die Zunge. „Dyst“ bedeutet in der alten Sprache der Angeliter Staub, „Nis“ Landvorsprung oder Nase, und „Hy“ bezeichnete einst den Hügel. In Düstnishy lebt und arbeitet der Berliner Maler Klaus Fußmann von Ostern bis Herbst. Wer die letzten 200 Meter auf zwei schmalen Betonstein-Streifen – rechts Ackerland, links ein Knick – zum reetgedeckten Haus des Künstlers fährt, sieht nur noch Landschaft: Feld, Wald, Himmel. Hier beginnt die Verwandlung. In den 1960er und 1970er Jahren, nach dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, wurde Fußmann zum Großstadtmaler. Jetzt sagt er: „Nur Steine und Stadt hält der Mensch auf Dauer nicht aus.“ Machen wir uns auf den Weg.

„Du siehst mich zwar nackt, aber nicht ausgezogen“ – schreibt Tayfun Belgin über die Aktbilder Klaus Fußmanns. Hier: „Akt vor Spiegel“, 1977, Öl auf Leinwand.
„Du siehst mich zwar nackt, aber nicht ausgezogen“ – schreibt Tayfun Belgin über die Aktbilder Klaus Fußmanns. Hier: „Akt vor Spiegel“, 1977, Öl auf Leinwand.

Der Wagen biegt ein in ein Wäldchen. Die Steinpiste geht in Schotter über, die Schlaglöcher werden tiefer. Der Weg mündet in einen blühenden Bauerngarten. Barbara Fußmann, die aus Kalifornien stammende Frau des Malers, hegt und pflegt ihn. Es ist ihr Reich – und für ihren Mann selbst mit den schönsten Blumenbildern nicht zu fassen. Als sich Klaus Fußmann in den 1980er-Jahren langsam von der damals vom Zerfall bedrohten, weil eingekesselten Stadt Westberlin löste, aufhörte zu experimentieren und sich auch noch von Interieurs und Stillleben abwandte und sich wieder der Landschaft, der Natur näherte, da schwebte er zwischen Himmel und Erde. In seinen Landschaftsbildern ließ er einmal einen Fallschirmjäger vom Himmel stürzen, versuchte sich hier draußen sogar wieder am Mythos. Ikarus kam der Sonne zu nah. Seine Flügel aus Federn und Wachs schmolzen.

„Als ich Mitte der 1970er-Jahre erstmals hierher kam, wusste ich sofort: Das ist meine Landschaft“, erinnert sich Fußmann beim Tee in der Küche. In einem Keramikkrug hat er getrockene Kräuter aufgekocht. Jetzt füllt er die Becher, ein Sieb dazwischen. Seit 2007 wendet sich der Künstler auch der Keramik zu, bemalt im Winter in Berlin in der Wiesenstraße Vasen, Krüge, Kannen und Geschirr. Der Tee im getöpferten Becher dampft, Katze Peggi streicht um die Beine des Künstlers und des Besuchers. Auch sie lebt im Winter in der Großstadt, und wechselt zu Ostern ins Paradies.

Maler trifft Fotograf: 1976 porträtiert Klaus Fußmann in seinem Berliner Atelier in der Hardenbergstraße den US-Fotografen John Lefebre.
Maler trifft Fotograf: 1976 porträtiert Klaus Fußmann in seinem Berliner Atelier in der Hardenbergstraße den US-Fotografen John Lefebre.

„Na, ja“, sagt Klaus Fußmann, „die Landschaft ist auch nicht mehr das, was sie mal war.“ Es gäbe weniger Milchkühe hier – es lohne sich kaum noch für die Bauern, weil Milch zu billig in den Handel käme. Die Äcker würden immer großflächiger, die bäuerliche Struktur gehe verloren. „Die Proportionen von Wiesen, Feld und Bäumen geraten aus dem Lot“, sagt der Maler und zeigt durch das Sprossenfenster hinaus auf den großen Acker vor dem Wald. Doch trotz der Veränderung zur Nutzlandschaft kann er sich ein anderes Leben nicht vorstellen. Er braucht den Wechsel zwischen Berlin und dem Landstrich an der Flensburger Förde. Einige Hundert Meter hinter dem alten Haus und dem später gebauten Atelier liegt, nach kurzem Spaziergang durch den Wald, die Geltinger Bucht. Hier beginnt die Halbinsel Geltinger Birk, auf der seit 2002 wieder Wildpferde leben. Die rund 60 Koniks stammen von in den Wald- und Sumpfgebieten Ostpolens und Litauens lebenden Tarpanen ab.

„Man kann nicht nur in der Großstadt leben, man verliert die Beziehung zum Wetter, zur Natur – und vielleicht auch zur Kunst“, sagt Fußmann. Im Ferienhaus einer Freundin machte er 1972 erstmals Urlaub auf der Geltinger Birk. Die Aufenthalte in der Schäferkate wurden immer häufiger, so dass Konflikte mit den Besitzern des Hauses drohten. Ein eigenes Domizil musste her.

Können wir uns auf den Norden einlassen?“ Das war die große Frage von Barbara und Klaus Fußmann, die seit 1971 verheiratet sind. Sollten sie sich einen Zufluchtsort jenseits der Großstadt schaffen? Die Antwort fiel schnell positiv aus, wie sich der Maler erinnert: „Schauen Sie sich die verschwenderische Fülle von großen Rosen an, wenn sie nach einer langen Regenperiode vor dem Verfall stehen. Das hat etwas Paradiesisches. Das gibt es nur hier.“

Werden und Vergehen ziehen sich durch die Bilder des heute 76-Jährigen. Eine „auf den Kopf gestellte Ästhetik“ habe am Beginn seiner Arbeit gestanden, schrieb Fußmann einmal. In viel beachteten Büchern („Die Schuld der Moderne“ oder „Wahn der Malerei“) hat er sich immer wieder kritisch mit der Kunst der Gegenwart auseinandergesetzt. „Auch die bildende Kunst ist ins Trudeln geraten… Chaos auf den Bildern, Chaos herrscht auch im Formalen. Die Pinselzüge sind zwar wütend hingesetzt, aber oft schwach und zu unpräzise, die Farben meist zu schrill oder versumpft“, schreibt er in einem Essay.

Pinsel und Farben en masse. Doch Fußmann sagt: „Die Farben der Blumen sind mit nichts zu vergleichen.“
Pinsel und Farben en masse. Doch Fußmann sagt: „Die Farben der Blumen sind mit nichts zu vergleichen.“

Er dagegen hat in seinem Sommer-­Domizil an der Förde zurückgefunden zu den Schönen Künsten, die die Moderne meistens ausklammert. Seine Galeristen waren davon nicht immer begeistert. Walter Schüler hatte 1969 in seiner Galerie Fußmanns erste wichtige Ausstellung in Berlin organisiert. Als der Maler in den 1980er-Jahren dann mit Landschaftsbildern kam, war es noch okay. Aber manche Blumenbilder waren dem Galeristen dann doch zu „gefährlich“, denn sie standen ganz gegen den Zeitgeschmack.

Doch der zwei Meter große Maler ließ sich nicht beirren. Kunst habe auch die Aufgabe, die Sinne für Schönheit, für Ästhetik, für das Miteinander von Mensch und Natur zu schärfen, sagt er. Die Großstadt lauge die Menschen aus, vielen rutsche der feste Boden unter den Füßen weg. Zwischen Steinen gehe der Kontakt zur Kunst verloren, ausgeklügelte Netzwerke bestimmten, „was läuft“. „Die Moderne demontiert die Gegenstände“, sagt Fußmann. Die informelle Malerei sei nie seine Welt gewesen. „Das Abstrakte als Aufgabe anzusehen – das habe ich nie begriffen“, sagt der Malprofessor.

„Nur Steine und Stadt hält der  Mensch auf Dauer nicht aus.“ - Klaus Fußman, „Raps vor Ostsee bei Ohrfeldhaff“, 2001, Öl auf Leinwand (Ausschnitt).
„Nur Steine und Stadt hält der
Mensch auf Dauer nicht aus.“ – Klaus Fußman, „Raps vor Ostsee bei Ohrfeldhaff“, 2001, Öl auf Leinwand (Ausschnitt).

In Düstnishy tankt er auf. Im Winter in Berlin müsse er einen viel größeren Anlauf nehmen, um zu malen. Auf dem Lande gehe es einfacher. Der Maler schaut wieder aus dem Küchenfenster. „Haben Sie es im Garten gesehen? Die Melde ist aufgegangen“, freut er sich. Die alte Gemüse- und Heilpflanze kommt bald als Salat oder gedünstet auf den Tisch. Auch der Rübstiel auf dem Hochbeet wächst bereits kräftig. Fußmann kennt das Frühjahrsgemüse aus seiner rheinländischen Heimat. Der heimische Garten hatte ihn schon als junger Mensch angezogen.

das licht durchdringt alles – die Kunst versucht, den magischen Moment festzuhalten. So wie Erich Heckel (1883-1970) mit seinem Gemälde „Gläserner Tag“ – für Fußmann „das wohl bedeutendste Werk des Expressionismus“. Heckel hatte nicht weit von Düstnishy sein Atelier. Am Ufer der Förde entstand das Bild; die beiden mächtigen Steine am Strand stehen noch heute. Manchmal wandert Fußmann mit Besuchern zu dem Ort. Immer wieder ist das Erstaunen groß, wenn die Magie des „Gläsernen Tags“ mit der Wirklichkeit verschmilzt. Da sind sie dann plötzlich doch noch, die geheimen Orte. Kein Navigationssystem kann sie erfassen. Man muss sie sehen.

Sinfonie in Gelb und Blau: Die Themen liegen dem Maler in seinem Sommer- domizil zu Füßen.
Sinfonie in Gelb und Blau: Die Themen liegen dem Maler in seinem Sommer-
domizil zu Füßen.

Wenn der Raps im Mai blüht, ist in dem Reetdachhaus am Rande des Waldes in Düstnishy immer etwas los. Malerkollegen besuchen die Fußmanns, ehemalige Meister­schüler treffen ihren Professor und sitzen so wie einst im Berliner „Zwiebelfisch“ bis spät in der Nacht zusammen. Hans-Joachim Billib war bis zu seinem frühen Tod Anfang 2013 regelmäßig hier, Christopher Lehmpfuhl kommt oder Frank Suplie, die ihre Ateliers in Berlin behalten haben.

Im Atelier neben dem Reetdachhaus riecht es nach Farbe. Draußen liegt der Duft von blühendem Raps in der Luft. Klaus Fußmann packt seine Utensilien.

Die Suche nach dem Wesentlichen in der Malerei hat ihn verändert. Als er noch der Großstadtmaler war und seine Bilder von Leere, Anonymität und Zerstörung erzählten, da sagte er: „Malerei versöhnt Hässlichkeit.“ Heute hat er ein anderes Problem: „Es gibt einfach keine Pigmente, die mit den Farben der Natur – vor allem der Blumen – vergleichbar sind.“

Der blühende Garten vor dem Reetdachhaus ist Barbara Fußmanns Reich.
Der blühende Garten vor dem Reetdachhaus ist Barbara Fußmanns Reich.

Er wird es trotzdem immer wieder versuchen, die ma­gischen Momente festzuhalten.

Text von Stephan Richter, Fotos von Marcus Dewanger

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