Cafe Heldt

Eine Institution der ganz besonderen Art

Die Kaffeehäuser in Paris, in Wien, Prag oder Berlin waren viel mehr als Cafés nach heutigem Verständnis. Sie waren zugleich der Mittelpunkt für den Austausch unter Autoren und  Intellektuellen. Das Café Heldt in Eckernförde atmet immer noch diese kreative Atmosphäre.

Kürzlich musste ich im Feuilleton einer bedeutenden Tageszeitung lesen, dass es offenbar kaum noch Dichter und Schriftsteller von Rang gäbe. Die Verfasserin dieser aufrüttelnden Zeilen belegte ihre Aussage mit dem schlichten Hinweis, dass eine neue »Coffee-to-go«-Mentalität, verstärkt ausgelöst durch ausufernde Bäckerei-Ketten, den alten, ehrwürdigen Kaffeehäusern den Garaus gemacht habe. Und in der Tat hatten sich genau dort viele Jahrzehnte lang Kulturschaffende aus allen Nationalitäten ihr Refugium errichtet. Sie trotzten Umstürzen, Kriegen, Diktaturen – oder auch nur ihrem schmalen Geldbeutel.

Im Prager »Café Union«, im Pariser »Café du Dôme«, im Berliner »Romanischen Café«, vor allem aber in den legendären Wiener Kaffeehäusern sah man sie, »au fin de siècle« und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zeitungsblätternd der eine und still versonnen im Kaffee rührend der andere: große Namen wie Alfred Adler, Stefan Zweig oder Hugo v. Hofmannsthal, Erich Kästner, Max Brod, Karl Kraus und Joachim Ringelnatz. Natürlich auch Oskar Kokoschka oder die Komponisten Franz Lehár und Alban Berg.

Legendäres Kaffeehaus: Das Café du Dôme in Paris, Ecke Rue Delambre /  Boulevard Montparnasse,  in den 1920er Jahren.
Legendäres Kaffeehaus: Das Café du Dôme in Paris, Ecke Rue Delambre /
Boulevard Montparnasse,
in den 1920er Jahren.

Bei ihrer Aufzählung fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich, wie soll jemand mit einem »Kopenhagener« in der linken und einem Coffee-to-go in der rechten Hand lesen, schreiben und obendrein auch noch dichten können. Unvorstellbar, dass einen in diesem Zustand die Muse küssen könnte. Atemlos verfolge ich die Ausführungen über die Wiener Kaffeehauskultur aus der Feder von Stefan Zweig. Eine Institution besonderer Art sei das Kaffeehaus gewesen, schreibt er, eine Art demokratischer, für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Ort, wo jeder Gast dank eines kleinen Obolus, stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben und eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren konnte. »So wussten wir alles, was in der Welt vorging, aus erster Hand, wir erfuhren von jedem Buch, das erschien, von jeder Aufführung und verglichen in allen Zeitungen die Kritik.«

Während ich meinen Träumen von einer längst vergangenen Zeit nachhänge, rufen mich Telefonate und Kindergeschrei ins Heute zurück. Ich lege Buch und Schreibblock beiseite. Meine Ruhe ist dahin. Kein Gedanke, der sich fassen lässt. Vielleicht sollte ich es einmal mit unserem »Café Heldt« am Rathausmarkt in Eckernförde versuchen. Es atmet immer noch den Charme der vorletzten Jahrhundertwende, schließlich
stammt das Gebäude aus der Zeit um 1600, seit 1880 ist es Kaffeehaus – eines der ältesten in Deutschland. Heute dient »das Heldt«, so genannt nach der aktuellen Besitzerfamilie, als Treffpunkt für jedermann, vom allgemeinen Stammtisch über literarische Zirkel, musikalische Abende bis hin zum Trauercafé. Es ist ein Ort vielfältiger geistiger Begegnungen, auch Multi-Künstler Armin Müller-Stahl suchte es wegen seiner besonderen Atmosphäre auf. Besonders einladend ist die vor kurzem erneuerte Fassade aus dem Jahr 1925 im Stil der Weserrenaissance sowie die Inneneinrichtung, die dem berühmten Budapester Museumscafé Ruszwurm nachgebildet wurde. Katharina und Armin Heldt: »Die Idee dafür ist auf unserer Hochzeitsreise entstanden.«

In der äußersten Ecke ihres Cafés, am Fenster zur Nikolaistraße, werden die freundlichen Wirtsleute mir sicherlich eine kleine Dichterklause einräumen können: Eine Ecke für die Muße zum Nachdenken, ohne störende Smartphones, eine Nische zum Lesen mit allen Sinnen und zum Gedankenaustausch darüber mit Freunden und Gleichgesinnten, kurzum zum Entschleunigen in einer turbulenten Welt. Mit einem leichten Anflug von Ironie illustriert Karl Kraus, einer der großen deutschen Satiriker und Apologeten der Wiener Kaffeehauskultur, liebevoll verpackt in seinen »Sprüchen und Widersprüchen« meine erträumte Idylle: »Ein Dichter, der liest: ein Anblick wie ein Koch, der isst.«

Text von Karl-Heinz Groth

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