blume

Eine Nasenlänge zurück

Wie uns Duftmoleküle an der Nase herumführen und uns bestimmte Gerüche ein Leben lang nicht aus dem Sinn gehen.

In meiner Erinnerung haben sich ein paar Gerüche wohl für immer niedergelassen. Altes Ölzeug bei Regen im Kattegat. Das Bouquet im Fell meiner Katze; sie schlief heimlich in einer Blumenwiese, auch im Winter – ein Wunder! Das deftige Fettaroma, wenn „Omi“ Kartoffelpuffer briet. (Bei „Großmutter“ gab es parfümiert schmeckende Zitronenomeletts – auch dies ein vitales Geruchsandenken.) Vier Meter weiße Litze, ausgeleiert vom Gummi-Twist, geparkt im Schulranzen. Pinienholzfeuer bei ungeheurer Kälte in New Mexico.

WARUM ERREICHEN UNS GERÜCHE SO UNMITTELBAR? Mich zum Beispiel unmittelbarer als jeder Anblick, jedes Geräusch. Und selbst haptische Eindrücke, die oft direttissima in meinem Stammhirn landen, werden von Düften in der Regel abgehängt. Riechen ist ein komplexer, dabei völlig alltäglicher Vorgang. Vereinfacht sieht er ungefähr so aus: Mit buchstäblich jedem Atemzug erschnuppern wir Duftmoleküle. Über die Nasenhaupthöhle gelangen diese ins Nasendach zu den Riechzellen, angesiedelt ungefähr zwischen den Augen. Dort angekommen, senden die Moleküle elektrische Signale in den so genannten Bulbus olfactorius. Unser Riechorgan gehört schon zum zentralen Gehirn und leitet die Signale weiter bis in die Riechrinde. Dort nehmen wir, verbunden mit emotionalen Zentren, das Riechen wahr. Und wegen dieser Verbindungen, mit dem limbischen System etwa und dem Hippocampus, sagen Experten, wecken Gerüche unter anderem so verlässlich Erinnerungen.

WAS AROMEN ANGEHT, war Erik für mich eine frühe Offenbarung. Er und sein Deodorant „8×4“. (Warum 32 zu einem Markennamen wurde? Ich habe die lapidare Erklärung dazu im Netz gelesen und schon wieder vergessen.) Als die Kombi aus Erik samt Deo mich verzauberte, waren wir beide 14, gerade auf Ski-Klassenfahrt in den Alpen, und während ich mich verknallte, machte er leider Sabine Frenkenfelder den Hof. Es wurde viel desodoriert in diesem Pubertäts-Labor in den Bergen, und Eriks Duftschweif fing mich ein wie ein Lasso. Ähnlich dem leicht irren Mix, der aus Parfümerien quillt, um unsere Schritte hinein zu lenken, während wir noch an … Pellkartoffeln denken. „8×4“ war, soweit ich mich erinnere, ein Geruchsüberfall mit spülmittelhafter Note. (Es wäre für mich völlig okay, falls Sie andere Erinnerungen an „8×4“ von damals haben.) Wie auch immer, der Duft nahm mich gefangen und auch Eriks Akne einen gewissen
Schrecken.

APROPOS AKNE: Erwiesen ist, dass Geschlechtshormone die olfaktorische Sensibilität entscheidend modulieren. Der Geruchssinn von Frauen zum Beispiel ist während der Ovulationsphase stark ausgeprägt und lässt während der Menstruation wieder nach. Überhaupt gilt als erwiesen, dass Frauen besser riechen können als Männer, und zwar offenkundig evolutionsbedingt. Vermutet wird, dass dies mit der seit Äonen bei den Müttern angesiedelten Aufgabe des Kleinkindfütterns zu tun hat. In Jahrmillionen des Trainings schulten die Frauen unweigerlich das Organ, das sie am effektivsten vor verdorbener Nahrung warnte.

MIT ERIK WURDE ES DANN NICHTS, Stichwort Sabine Frenkenfelder. Allerdings besorgte ich mir – und das gebe ich hier zum ersten und zum letzten Mal zu – ein Gebinde „8×4“ als Geruchstrost. Eine falsche Fährte, denn es steht zu vermuten, dass letztlich nicht das Deo meine Sinne kitzelte, sondern das hocheigene Aroma des Jungen. Neulich las ich, wie der namhafte Geruchsforscher Hanns Hatt die Partnerwahl per Nase erklärt. So senden wir Riechbotschaften aus, wo wir gehen und stehen, außerhalb jeder bewussten Einflussnahme. „Unser Körpergeruch kommt immer durch“, sagt Hatt – egal, welche Camouflage wir ausprobieren. Hat nun ein fremder Körperduft, der uns anweht, so gar nichts mit dem eigenen gemein (diesen können wir wegen lebenslanger Gewöhnung nicht mehr wahrnehmen), und eine gewisse Gestimmtheit kommt hinzu, dann signalisiert uns ein solcher Duft eine hochgradige Attraktivität. Hatts Erklärung für diese Kausalität ist evolutionsbiologisch: Wir erriechen tatsächlich das Erbgut des anderen. Je größer die Unterschiede, desto besser riecht der Träger, die Trägerin für uns – ein sehr wirksamer Schutz zum Beispiel gegen erotische Begehrlichkeiten unter Verwandten. Forschungen des Plöner Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie legen nahe, dass unterschiedliche Genome zudem lecker nach Zugewinn an Immunstärke für den potenziellen Nachwuchs duften.

 

Text von Heidi Behrens. Sie ist Journalistin und schreibt unter anderem über Bildungsthemen. Sie geht nie ohne einen Hauch von Parfüm aus dem Haus.

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