El Hierro Küste

El Hierro – Magisches Eiland im Atlantik

Die westlichste der Kanarischen Inseln fällt aus der Rolle: Ihre Bewohner wollen keinen Massentourismus. Wer nach El Hierro reist, reist lange. Doch dann wird er belohnt mit einem immer noch authentischen Lebensstil, mit einem faszinierenden  Kulturfestival und einer herbschönen Vulkan-Landschaft.

Exakt 1458 Kilometer vom europäischen Festland entfernt – mehr geht nicht. Die Insel El Hierro, weit draußen im Atlantik, war am Ende der Antike der westlichste Punkt der bekannten Welt. Deshalb legte der griechische Geograf Claudius Ptolemäus den Nullmeridian seiner Weltkarte auf die kleinste und westlichste Insel der Kanaren. Und auch heute noch ist der gischtumtoste Vulkanfelsen etwas sehr Spezielles. Unter den sieben Kanaren-Inseln, allesamt touristische Hot-spots, fällt El Hierro aus der Rolle.

Die herbe Schöne ganz im Westen des Archipels hat sich Eigenheiten bewahrt, auf die ihre Bewohner stolz sind, die sie pflegen und verteidigen. Zudem: Wer hierher reist, reist lange. Ohne internationalen Flughafen ist die Insel nur mit innerkanarischen Flügen oder mit der Fähre erreichbar. Schon in der Propellermaschine von Teneriffa wird deutlich: Ich reise in eine besondere, spanisch-kanarische Kultur, in der ich als Tourist die Ausnahme bin. Die ausgelassene junge Fußballmannschaft auf der Rückreise vom Spiel auf der Nachbarinsel und weitere Bewohner El Hierros füllen die Maschine. Ich fühle mich noch fremd, aber aufgehoben zugleich.

Selbstbewusster Blick: Erst lange schweigen, dann  gerne erzählen und sich sogar fotografieren lassen bei der Begegnung im Bergdorf.
Selbstbewusster Blick:
Erst lange schweigen, dann
gerne erzählen und sich sogar
fotografieren lassen bei der
Begegnung im Bergdorf.

Kaum angekommen, nimmt mich die Magie dieser Insel gefangen. Ich fahre im Mietwagen die steile Bergstraße vom Flugplatz hinauf und halte nach wenigen Hundert Höhenmetern. Ich steige aus und blicke auf den unendlich erscheinenden Atlantik. In die Stille dringt das Rauschen der Dünung in den Felsen tief unter mir. Es wird langsam dunkel. Ich sollte weiterfahren und meine Unterkunft suchen, aber ich lasse mir Zeit.

Mit gerade einmal 278 Quadratkilometern steigt El Hierro wie ein Felsen im Atlantik auf 1 500 Meter Höhe an. Über den steilen Abhängen eines riesigen Kraters, der sich als Halbkreis zum Meer öffnet, erhebt sich der Malpaso als höchster Berg. Auf seinem Gipfel, unter mir eine geschlossene Wolkendecke, erkenne ich am Horizont die Nachbarinseln La Palma und La Gomera sowie den Teide, den Dreitausender auf Teneriffa.

Auf engen Straßen gewinne ich in den ersten Tagen einen Überblick und bin überrascht von der Vielfalt der Landschaft. Auf dem Talboden des halbkreisförmigen Kraters, dem El Golfo, werden in Plantagen Bananen und Ananas angebaut. Außerhalb dieser belebten Ebene herrscht auf der Insel eine Ruhe, die zunehmend auch meinen Rhythmus bestimmt. Im östlichen Hochland zeugen alte Steinmauern von Viehhaltung und Ackerbau vergangener Zeiten. Über die gesamte Mitte der Insel breitet sich in majestätischer Schönheit ein Wald riesiger Kiefern aus, vom Sonnenlicht durchflutet. Ein dicker Teppich goldbrauner Kiefernnadeln dämpft jeden Schritt und sorgt für vollkommene Stille.

Aber El Hierro hat auch eine andere, wilde Seite. Sie zeigt sich im Westen auf der La Dehesa genannten Hochebene mit ihren uralten, auf die Erde zurückgebogenen Wachholderbäumen und auf den weitläufigen Lavafeldern an der Küste. Es gibt kaum einen Ort auf der Insel, an dem die an die Felsen brandende Atlantikdünung nicht als Grundrauschen zu hören ist. An den Klippen im Westen erlebe ich nach einem Sturm jedoch die dröhnende, elementare Gewalt dieses Schauspiels, das mich über Stunden fesselt.

El Hierro La Fronteras
Winzig vor der Steilwand: Das Wahrzeichen La Fronteras im Golftal ist der Glockenturm der Marienkirche »Nuestra Senora de la Candelaria«.

Die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Herreños entspringt ihrer Souveränität und der inneren Verbundenheit mit der Insel. Wie authentisch sie sind, erfahre ich während meiner Wochen auf El Hierro täglich. Auffallend sind der Respekt untereinander und die spürbare Wertschätzung der Älteren gerade durch die jungen Menschen. Grobheiten oder Ungeduld habe ich nicht erlebt. Ein kleiner Plausch durch das geöffnete Auto-fenster mit einem Bekannten im Straßencafé kann schon mal etwas dauern. Auch der Fahrer im zehnten Wagen der Schlange dahinter wird nicht ungeduldig hupen.

Auf den anderen Kanareninseln gilt El Hierro als rückständig, dem Geschäft mit dem Tourismus nicht aufgeschlossen. Das Selbstverständnis der Herreños ist eben anders, bisweilen durchaus elitär. Eine politische Mehrheit setzt durch, dass Massentourismus nicht stattfindet. Das Energiekonzept ist, nach einigen Auseinandersetzungen, überzeugend nachhaltig realisiert: Sechs Windräder, ohne optische und akustische Belästigung platziert, versorgen die Insel. Überschüssige Energie füllt das Becken eines Pumpspeicherwerks für windstille Tage. Freundlich, entschleunigt und umweltbewusst – El Hierro als Vorzeigekommune für einen neuen Lebensstil in unserer Zeit?

Zum Selbstverständnis von El Hierro passt auch das jährliche »Bimbache openART Festival«; es wird seit 2005 von der Deutschen Sabine Willmann und ihrem Lebensgefährten, dem in zahlreichen Ländern auftretenden Jazzgitarristen Torsten de Winkel, durchgeführt. Bimbache: Der Name verweist auf die Ureinwohner El Hierros, die in vorspanischer Zeit überwiegend an den Südhängen der Insel siedelten. Das von Musikern, bildenden Künstlern, Philosophen und Studenten aus aller Welt besuchte Festival schafft mit seinen Foren und Musikevents eine Atmosphäre kreativer Gemeinschaft. Sabine Willmann kam 1979 zum ersten Mal auf die Insel. Sie weiß: »Um eine friedliche Welt zu erreichen, müssen wir zunächst unseren eigenen, inneren Frieden schaffen.«

Von den Vorzügen El Hierros und ihrem milden Klima überzeugt war auch Uwe Urbach aus Murnau in Bayern – schon vor 25 Jahren. Auf vier Hektar betreibt er heute am steilen Hang des El Golfo ökologischen Weinbau. Nach dem Verkauf seiner Firma in Deutschland baute er auf El Hierro zunächst einen Maschinenverleih für Bauunternehmen auf. Winzer wurde der Weinliebhaber, als er dem Angebot, einen Weinberg zu kaufen, nicht widerstehen konnte. Als Autodidakt sammelte er über Jahre Erfahrungen. »Noch ist die Winzerei mein Luxus, aber der Betrieb soll sich tragen«, so der selbstbewusste Selfmademan. »El Hierro war für mich bestimmt. Dieses Leben ohne Statussymbole macht mich zufrieden«, sagt Urbach und blickt über seine Reben und das Golftal auf den Atlantik. Etwas Entscheidendes hat er hier gelernt: Wer die Anerkennung der Herreños erwerben will, muss aktiv und produktiv sein und gemeinsam mit ihnen leben.

Uwe Urbach aus Bayern betreibt auf einem steilen Hang Öko-Weinbau.
Uwe Urbach aus Bayern betreibt auf einem steilen Hang Öko-Weinbau.

Der Hafenort La Restinga an der Südspitze bietet mit einer Promenade und Appartements einige der wenigen touristischen Strukturen der Insel. Die Unterwasserwelt vor dieser Küste gilt unter Kennern als bestes Tauchrevier der Kanaren. Ein Vulkanausbruch unter Wasser stoppte 2011 alle Aktivitäten. Der Ort musste für einige Tage evakuiert werden. Inzwischen tun sich durch den Ausbruch besonders faszinierende Unterwasserlandschaften auf. »Unterschiedliche Formationen mit Lava, Fels und Algen auf engstem Raum bilden die Grundlage für eine sehr artenreiche Vielfalt«, erklärt Günter Baumgartl und freut sich: »Das Leben ist mit großem Tempo zurückgekehrt.«

El Hierro ist die westlichste der Kanarischen Inseln
El Hierro ist die westlichste der Kanarischen Inseln

Jutta und Günter Baumgartl gehören zu den wenigen Deutschen, die sich auf El Hierro eine Existenz aufgebaut haben. In kleinen Gruppen fährt Günter Baumgartl Hobbytaucher täglich von seiner Tauchbasis in La Restinga zu den Tauchgebieten. Lernen kann man bei ihm auch das Fotografieren und Filmen unter Wasser. Seine atemberaubenden Bilder und Beiträge für Naturfilme weisen ihn als exzellenten Fachmann aus.

Mein letzter Tag auf der Insel gehört dem kleinen Bergdorf Sabinosa. Ich schlendere durch den Ort, mache ein paar Fotos. In der Dorfmitte sitzt ein alter Mann an einer Mauer, gestützt auf seinen Gehstock. Er ruht ganz in sich und doch beobachtet er mich. Was mag er denken? Wieder mal ein Tourist, der fotografiert und weiterfährt? Sein Blick ist freundlich und ernst zugleich. Ich beherrsche kaum ein Wort Spanisch, und doch habe ich den Wunsch, mich neben ihn zu setzen.

Wir schweigen eine Weile, dann hebt er seinen Stock und beschreibt einen Bogen über das Tal und den Atlantik und fängt an zu erzählen. Ich vermute, von der Landschaft und dem Meer. Es wird eine längere Geschichte, ich vermute, über sein Leben, das bestimmt war von harter Arbeit und dem Rückhalt einer großen Familie. Am Schluss schaut er mich freundlich lächelnd an. Ich möchte diesen Moment festhalten. Jetzt ein Foto von ihm? Passt das? Er stimmt sofort zu. Als wir das Ergebnis auf dem Display betrachten, nickt er zufrieden. Intensiver ausgetauscht habe ich mich selten.

Text von Michael van Bürk

Klima-Vorzüge: Das »Meer der Stille« vor der Südküste von El Hierro
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