Erinnerungen an eine Kindheit

Erinnerungen an eine Kindheit – Teil 1

In Teil eins von zwei unserer Serie blicken Vater und Sohn zurück auf ihre gemeinsam erlebte Zeit, die Kindheit und Jugend des Sohnes. Beide betrachten dieselben Jahre, den Zeitraum 1995 bis 2014, und doch sind es die Blicke zweier Menschen auf einen unterschiedlich erlebten Lebensabschnitt. Der Sohn, jetzt 20 Jahre alt, erinnert sich an seine Kindheit und Jugend. Daneben steht der Blick des Vaters auf diese Zeit, in der sein Sohn herangewachsen ist. Vorweg ist eines sicher: Die empfundene Dauer derselben Zeit ist fundamental unterschiedlich.Vater

Der Vater: Michael van Bürk

Zu Beginn merke ich: Die Erinnerung spielt mir einen Streich. Die positiven und angenehmen Erinnerungen drängen sich in den Vordergrund. Ich empfinde diese Verschiebung der „Wahrheit“ als eine Gnade, als einen zulässigen Trick unseres Gehirns, unser Leben in der Rück-schau als wertvoll und überwiegend gelungen zu betrachten.

Der Anfang aller Erinnerungen an meinen Sohn ist der Augenblick, in dem ich ihn kurze Zeit nach der Geburt zum ersten Mal auf dem Arm halte. Dieser Moment fassungsloser Glückseligkeit ist fast ein Kontrollverlust, der mich zweifeln lässt, ob ich auf dem Boden stehe oder schwebe, während mein Blick wechselt zwischen dem Gesicht meines Sohnes und der mondhellen Winter-nacht vor dem Krankenhausfenster. Nie zuvor war ich so vollständig überzeugt, dass die jetzt beginnende Aufgabe richtig ist und in die Welt passt. Dieses neue Lebensgefühl verschafft mir eine ungeahnt klare Identität, die mich durch die Jahre trägt.

In der ersten Zeit mache ich eine Viel-zahl von Fotos, die in dieser Fülle niemand braucht. Dazu zeige ich sie beliebigen Menschen voller Stolz, sicher nicht in jeder Situation passend. Das merke ich aber nicht, denn ich bin beseelt von diesem Stolz, etwa über die ersten Worte oder die ersten Schritte meines Sohnes, als wären es meine eigenen Leistungen. Nach dem zweiten Lebensjahr beginnt zwischen uns eine Gemeinsamkeit, die sich wie ein roter Faden bis heute durch unser Leben zieht: Wir sind gern zusammen unterwegs. Es fängt mit Radtouren durch die Natur vor unserer Haustür an. Das ermöglicht zu Beginn ein Kinder-sitz, damals noch am Fahrradlenker erlaubt, sodass mein Zweijähriger vor mir sitzt. Eine Szene hat sich mir eingeprägt: Um einen Buntspecht beim Füttern seiner Jungen an der Baumhöhle zu sehen, müssen wir in einiger Entfernung auf dem Waldweg eine Weile warten. Unsere Geduld wird belohnt, und große Augen bestaunen dieses kleine Naturschauspiel.Erinnerungen an eine Kindeit

Unsere Wohnorte am Ufer der Schlei in Schleswig-Holstein, zunächst auf einem Gutshof, später in einem Dorf in der Landschaft Angeln, bescheren uns pure Natur und eine Fülle von Möglichkeiten in der Freizeit. Meine Erinnerung geht zurück an einen Spätsommertag auf einer Wiese an der Schlei. Wir liegen im Gras, über uns schwebt unser selbst gebauter Drachen und steigt höher und höher. Zuletzt lassen wir einen zweiten Drachen an der Schnur des ersten hinaufsteigen, bis auch dieser – jetzt hoch über dem ersten – am Himmel steht. Erstaunlich: Einfachste Gebilde aus Leinen und zwei Leisten können reines Glück bedeuten. Wohnen am Wasser ermöglicht das Segeln vor der Haustür. Seit meinen eigenen Kindertagen gehört dieser Sport zu mir. Wie selbstverständlich lernt auch mein Sohn das Segeln. Doch ich erkenne: Seine Begeisterung hält sich in Grenzen. Er entwickelt eigene Interessen mit seinen Freunden und erklärt klipp und klar: „Das Wasser ist nicht mein Element“ – ein früher und wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit.

Ein verbindendes Band zwischen uns bleibt unsere gemeinsame Reiselust. Wir begründen unsere Tradition der Männertour noch in seiner Kindergartenzeit und sind, neben dem Familienurlaub im Sommer, in den Osterferien nur zu zweit auf Achse. Mit dem Wohnmobil oder mit Auto und Zelt werden aus zunächst wenigen Reise-tagen durch Schleswig-Holstein später längere Touren durch europäische Länder. Es folgen Reisen durch die USA und Kanada.Erinnerungen an eine Kindheit

Auf Reisen über Wochen auf engem Raum zusammenzuleben gelingt dann, wenn man sich für die gleichen Eindrücke begeistern kann. Für uns sind es intensive Naturerlebnisse, etwa beim Bergwandern, aber auch das Flair und die Kultur großer Städte, ob in Venedig, Prag oder Vancouver. Ein Interesse, für uns geradezu ein Bedürfnis, steht immer wieder im Vordergrund: Unterwegs zu sein, eine Straße vor uns zu haben und auf weiten Strecken die Musik zu hören, die diese Rastlosigkeit unterstreicht. Dabei haben wir beide unseren Musikgeschmack durch den anderen erweitert.

Der Rückblick auf diese 20 Jahre erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit, obwohl – das kann aus der Sicht des Vaters nicht anders sein – auch die eine oder andere pädagogische Herausforderung zu meistern war. Der oft gespürte Gleichklang mit meinem Sohn hat mich reicher gemacht. In-zwischen ist er selbstbewusst in sein von ihm gestaltetes Leben gestartet.

von Michael van Bürk

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