FranzSchubert

“Es geht um Tiefe, das wirklich Wichtige”

Ian Bostridge ist ein Phänomen. Der 1964 in London geborene Arbeitersohn hat in Oxford und Cambridge studiert und promoviert. Zugleich gilt er als einer der besten Tenöre der Jetzt-Zeit, insbesondere bei der Darbietung von Liedern. Und nun hat er noch ein Buch geschrieben, »Schuberts Winterreise – Lieder von Liebe und Schmerz«. Aber was für ein Buch! Es ist eine Wunderkammer der Erkenntnisse, kommt ohne jeden Jargon aus und macht neugierig auf Musik und Kultur überhaupt. Star-Pianist Alfred Brendel nannte die Beschäftigung mit dem, entsprechend der »Winterreise« in 24 Partien eingeteilten 396-Seiten-Werk ein »erregendes Abenteuer«.  

Das war es auch für Ian Bostridge. Zwei Jahre lang hat er nach eigenem Bekunden recherchiert und geschrieben. Herausgekommen ist ein Husarenritt durch die Welt der Geschichte, der Romantik, der Musik, des beginnenden 19. Jahrhunderts –
mit seinen vielen Bezügen zu den Erschütterungen und Brüchen unserer Tage. Mit der Zeile »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus« beginnt der Zyklus. 

Mr. Bostridge singt, er gibt nur selten Interviews. Zu paradiso-Autor Detlef Vetten war er beim Treffen in München ausgesprochen freundlich und formulierungsfreudig. 

Melancholisch: Darin fühlt sich Ian Bostridge dem Komponisten verwandt. Doch mit Schubert älter werden, heißt auch: »Den Wert der Freude verstehen«.
Melancholisch:
Darin fühlt sich Ian
Bostridge dem
Komponisten verwandt.
Doch mit Schubert
älter werden, heißt
auch: »Den Wert
der Freude verstehen«.

Sie sind mit Schubert zusammengekommen, da waren Sie 14.

Das kommt hin.

 

Jetzt sind Sie ein erwachsener Mann. Mit Frau und zwei Kindern. Beruflich ist alles mehr als okay. Nicht mehr lang, und Sie sind 50.

Auch das kommt hin.

 

Mit niemandem haben Sie mehr zu tun gehabt als mit Schubert.

Das dürfen Sie mit Fug sagen.

Herr Bostridge, wie oft haben Sie Krach mit Franz?

Wie meinen Sie das?

 

Naja, wenn man in einer so intimen Partnerschaft ist, kommt es auch mal zu Krisen.

Nein, definitiv nein. Ich habe noch nie mit Franz Schubert gestritten. Ich kann mich an kein Schubert-Lied entsinnen, das ich nicht mag und gemocht habe. Ich denke zum Beispiel an ein Mayrhofer-Lied*, das echt lang ist. 25 Minuten, da brauchst Du als Sänger eine große Liebe. Zumal das Schubert-Lied nie ein großer Erfolg war. Selbst Schubert war am Ende nicht überzeugt. Aber ich habe es dann doch einstudiert und in Australien zum ersten Mal vorgetragen. Der Erfolg war berauschend, die Erfahrung überwältigend.

* Schubert vertonte 47 Gedichte seines Freundes Johann Mayrhofer (1787–1836)

Reagieren die Menschen unterschiedlich auf Schuberts Lieder? Müssen Sie sich auf das jeweilige Publikum einstellen?

Nein. Ich mache da keine Unterschiede. Ich tue, wie ich es gerade empfinde. Was daraus wird, entscheidet sich während des Abends.

 

24 Lieder, das ist ein langer, harter Abend. Gibt es Problem-Lieder für Sie?

Eigentlich nicht. Ich bin technisch gut präpariert. Früher gab es da manchmal Probleme, weil ich sehr emotional war und die schwierigen Stellen sehr angestrengt angegangen bin. Das war manchmal zuviel. Ich musste mit den Jahren lernen, gelassener zu werden. Bei der »Winterreise« habe ich nach der »Post« (das ist das 13. Lied) das Gefühl, dass ich das Härteste hinter mir habe. Dann geht alles sehr schnell. Bis zum letzten Lied, bis zum »Leiermann«.

 

Im »Leiermann« müssen Sie am Schluss noch einmal ans Limit … 

Ja, das kommt schon hin. Du warst sehr, sehr verhalten – und dann musst du dein Singen noch einmal aufwallen lassen. Ehrlich gesagt, ich habe 30 Jahre den »Leiermann«* gesungen, aber über dieses Phänomen habe ich nicht richtig ausführlich nachgedacht. Ich habe es immer genossen, dass das ein wundervoller Ausklang des Zyklus ist. Da macht Schubert aus so Wenigem so viel.

* Das letzte der 24 Lieder in der »Winterreise« heißt »Der Leiermann«.

Posthume Ehrung: 1872 errichtete man zum Andenken  Schuberts im Wiener Stadtpark  ein von Carl Kundmann gestaltetes  Denkmal. Allein in Wien wurden vier Straßen nach ihm benannt.
Posthume Ehrung:
1872 errichtete man zum Andenken
Schuberts im Wiener Stadtpark
ein von Carl Kundmann gestaltetes
Denkmal. Allein in Wien wurden
vier Straßen nach ihm benannt.

 

Sie kennen den Mann ja nun sattsam. Wie würden Sie Franz Schubert beschreiben? War er ein glücklicher Mensch?

Viele haben versucht, ihn in eine Schublade zu stecken. Das geht nicht. Irgendwie, verzeihen Sie die Anmaßung, ist er ein wenig wie ich. Da ist die melancholische Ader. Da gibt es aber auch den Künstler und Menschen, der sich an seinem Leben und seiner Arbeit sehr unschuldig freuen kann. Und dann gibt es da diesen großen Einschnitt …

Schubert bekommt Syphilis.

Ja, das hat sein Leben verändert. Er war da 22. Diese Schmerzen, diese höllischen Versuche, gesund zu werden. Er muss sehr gelitten haben.

Den Künstler Schubert stoppt aber die Krankheit nicht.

Im Gegenteil. Er schreibt die besten Stücke nach dem Ausbruch der Krankheit. Die Musik ist oft heiter und immer von großer Schönheit. Doch natürlich entsteht nun auch Musik voller Schmerz und Tiefe.

Gehört Schmerz zur großen Kunst?

Ich glaube, ja. Warum, weiß ich nicht. Das ist ja überhaupt etwas, was auch den Künstler permanent beschäftigt: Was immer er anfängt, was immer ihm gelingt – am Ende gehen die Dinge fürs Individuum schlecht aus.

Man stirbt.

Ja. Wir sind alle endlich. Da können wir noch so viel drüber nachdenken: Wenn das Finale ansteht, sind wir nicht toll drauf vorbereitet. Das Thema Tod ist denn auch ein wichtiges Thema in der Musik. Da hast Du keine Wörter, Du brauchst sie aber auch nicht. Hier geht es ums Fühlen.

Schubert starb mit 31. War er da ein alter Mann?

Das kann man wohl so sehen. Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, was er noch geschrieben hätte, wenn er länger gelebt hätte. Das kann sich niemand vorstellen, was da noch hätte kommen können. Ich glaube, er hat in den letzten fünf Jahren vor seinem Tod alles aus sich herausgeholt. Vor allem in den letzten eineinhalb Jahren hat er alle Ketten gesprengt.

War er mutig?

Ja. Es war der Mut, die Musik neu zu erfinden. Und es war der Mut eines todkranken Mannes, weiterzumachen.

Er musste – um die Musik neu zu erfinden – seine Kollegen hinter sich lassen. Schubert war als Komponist allein.

Das war seine Bestimmung. Der Mann, an dem er sich noch am meisten orientierte, war Beethoven. Aber Beethoven machte an bestimmten Punkten Halt. Schubert ging seinen Weg ohne Kompromisse. Seine guten Lieder kommen aus dem Nirgendwo. So etwas hatte man noch nicht gehört und nicht zu denken gewagt. Schubert setzt sich mit den Texten auseinander und bringt sie in ein neues Umfeld.

Das heißt?

Er schreibt auf seine Weise ein Gedicht über ein Gedicht.

Franz Schubert hat 1824 in einem Brief an einen Freund geschrieben: »Ich bin Freude- und Freund-los.«

Ja. Schrecklich, nicht wahr. Da beschreibt er die Situation, die durch die Krankheit entstanden ist. Schubert ist nicht mehr gesellschaftsfähig. Er war ja ohnehin nicht der geselligste Typ. Manchmal hat er sich, wenn man so zusammenkam, hinter dem Piano verkrochen und für sich gespielt. Er hat sich hinter seiner Musik versteckt. Aber vor dem Ausbruch der Krankheit hat er viel Zeit mit Freunden verbracht.

Nun hatte er nur noch das Komponieren?

Exakt. Für die Nachwelt ein Glücksfall, für den Menschen ein fürchterlicher Zustand. Es gibt ein Foto des letzten Zimmers, in dem er lebte und das erhalten wurde. Da sieht man einen Tisch mit Schreibutensilien und einem Notenblatt, ein Bett, kahle Wände, ein Fenster. Nichts außer dem Notenpapier. Das war Schuberts Leben.

Auch Albert Einstein hat sich mal über Schubert und dessen neunmalkluge Zeitgenossen Gedanken gemacht. Er raunzte: »Ihr müsst seine Musik machen, Ihr müsst ihm zuhören. Und dann haltet einfach das Maul.«

Wie Recht er hat. Sehen Sie, ich habe versucht, über Schubert zu schreiben. Aber kann ich ihn dadurch erklären?

Hätten Sie gerne in seiner Zeit gelebt?

Gehen Sie mir weg! Das Leben war kurz und voller körperlicher Schmerzen. Die Armut war groß. Ich liebe es, mich als Historiker mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Aber deswegen muss ich noch nicht in einer Vergangenheit leben wollen, die so viel härter war als unsere Zeit.

Auf der Probe: Bostridge und sein Begleiter auf dem Klavier benutzen eine Pause, um sich dann wieder ganz auf Schuberts Musik zu konzentrieren.
Auf der Probe: Bostridge und sein Begleiter auf dem Klavier benutzen eine Pause, um sich dann wieder ganz auf Schuberts Musik zu konzentrieren.

 

Haben Sie das Gefühl, Sie werden ihm gerecht?

Es ist ein ständiges Ringen. Ich empfinde eine große Befriedigung darin, mich mit Schuberts Kompositionen auseinanderzusetzen. Wie hat er das alles gemeint, als er es aufschrieb? Komme ich ihm nahe?

Wo stehen Sie da gerade?

Das Verständnis für seine Musik wächst ständig weiter. In seinem Werk gibt es das Nebeneinander von Gewalttätigkeit und Gemütlichkeit. Es ist ein großer Aufmarsch der Gefühle.

Wie kommen Sie den Liedern nahe?

Singen ist eine Variante der Schauspielerei. Eine Menge wichtiger Sänger waren auch großartig beseelte Schauspieler. Wenn ich ein sehr schwieriges Stück auf der Agenda habe – viele Sachen aus dem 20. Jahrhunderts sind in der Tat sehr anspruchsvoll –, dann würde ich mich wohl leichter tun, wenn ich mich in mathematischer Form ans Werk mache

Ihr Buch ist eine dialektische, rationale Auseinandersetzung mit dem Objekt Ihrer Begierde. Aber Sie sind nicht der distanzierte Wissenschaftler – Schubert ist doch für Sie vor allem Emotion.

Definitiv. Mein größtes Talent ist es, Gefühle wiederzugeben. Ich bin kein Opernsänger der absoluten Weltklasse. Meine Stimme ist nett. Aber einzigartig? Wissen Sie, ich kann mit meiner Stimme Stimmungen zum Leben erwecken. Ich spüre die Emotionen, die in der Musik stecken, und ich kann sie zum Klingen bringen.

War das immer so? Was hat sich in der Beziehung Bostridge / Schubert in den letzten 30 Jahren geändert?

Angefangen hat alles wie eine Teenager-Liebelei. Die »Schöne Müllerin«.* Die Faszination der Romantik. Ich habe das auf der Straße gesungen und mich nicht drum gekümmert, wenn sich die Leute erstaunt umdrehten. Ich habe mich in ein Mädchen verliebt und gemeint, ich kriege sie mit Schubert rum. Die ist aber mit dem Sports-Typen und »Stones«-Fan ausgegangen. Das waren die Anfänge, unreflektiert und unschuldig.

* Den Gedichte-Zyklus »Die schöne Müllerin« hat Franz Schubert 1823 vertont. Die Texte stammen, wie bei der »Winterreise«, von Wilhelm Müller (1794–1827).

Dann wurden Sie erwachsen.

Ja. Bleiben wir bei der »Schönen Müllerin«. Anfangs habe ich das wie ein romantischer Teenager gesungen. Und heute? Heute klingt es wie Strindberg.

Mit Schubert erwachsen werden bedeutet also …

… warten Sie, lassen Sie mich kurz nachdenken. Ja: Mit Schubert älter werden, das heißt »Begreifen«. Das Leben verstehen. Die Freuden im Leben. Den Wert der Freude.

Klingt etwas erklärungsbedürftig. Gerade noch haben wir über Schubert und den Schmerz geredet und jetzt …

Nichts schließt sich aus. Es geht um Tiefe, um das wirklich Wichtige. Als junger Mann lebte ich eine selbst erklärte Melancholie aus. Mit der Zeit habe ich realisiert, wie erfüllend es ist, sich einfach nur zu freuen.

Selbstkritisch: Bostridge hält sich nicht für einen »Opernsänger der absoluten Weltklasse«.  Dafür kann er aber die »Emotionen zum Klingen bringen«.
Selbstkritisch:
Bostridge hält sich nicht für
einen »Opernsänger der
absoluten Weltklasse«.
Dafür kann er aber die
»Emotionen zum Klingen bringen«.

Auch, weil Sie – vom Alter her – den Franz Schubert überlebt haben?

Ich bin mir des Glücks sehr bewusst. Familie. Gesundheit. Beruf. Alles gut. Ich bin ein Mensch mit Privilegien. Das Leben ist gut mit mir.

Wo bleibt dann der gebührende Ernst?

Der ist immer da. Es ist ja nicht so, dass ich nicht sehe, wie viel in der Kunst gelogen wird. Hemingway hat sich selbst belogen, viele seine Kollegen taten und tun es ihm gleich.

Und Schubert?

Das ist etwas, was ich 100-prozentig weiß und weswegen mein Vertrauen und meine Zuneigung so immens sind: Franz Schubert lügt nicht. Ein Lügner war er nie.

Das Interview führte Detlev Vetten

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