Vogelflug

Gefahr für viele Vögel

Jetzt kehren sie wieder zurück: Wie seit Urzeiten wiederholt sich das Naturwunder des Vogelzugs. Die Kraniche haben eine gute Chance, ihre heimatlichen Gefilde zu erreichen. Viele der Winter-Flüchtlinge jedoch wurden in riesigen Netzen gefangen und später getötet. Am östlichen Mittelmeer spielt sich das Drama einer der größten Tierwanderungen der Welt ab.

Backhofenhitze in der Türkei. 48 Grad zeigt das Thermometer. Direkt vor uns ein brennendes Stoppelfeld. Durch die dürre Vegetation fressen sich lodernde Flammen. Knatternd schießen sie in die Höhe, wenn sie dichtes Gestrüpp erreichen. Hunderte Störche schreiten über das verkohlte Land oder jagen vor der Feuerwalze nach Nahrung. Für sie ist der Tisch hier reich gedeckt: Mit Heuschrecken und Mäusen, Schlangen und Eidechsen. Gründlich gegart in der heißen Asche oder als leicht zu erbeutendes Frischfleisch: Die panisch vor den Flammen fliehenden Beutetiere springen den Störchen regelrecht in die Schnäbel. Ein wahres Schlaraffenland für die hungrigen Vögel, die hier auf ihrer langen Reise rasten. Die Völlerei kommt ihnen gerade recht, um sich für den Weiterflug nach Afrika zu stärken.

Seit Tagen bin ich den Zugvögeln auf der Spur. Gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen, dem Tierfilmer Jens-Uwe Heins vom Bayerischen Rundfunk. Störche und Kraniche, Adler und Singvögel, zu Millionen ziehen die Gefiederten all- jährlich durch den Mittelmeerraum. Ihre gefahrvolle Reise zwischen Europa und Afrika ist eine der größten Tierwanderungen der Welt. Mit der Kamera wollen wir dieses einzigartige Naturphänomen dokumentieren: Seine Schönheit, aber auch die Gefahren, denen die Vögel auf ihrer Reise begegnen. Die Nahrungssuche der Störche ist im Kasten. Nun hoffen wir, die Langschnäbel beim Zug über den Bosporus zu erwischen. Das Bild haben wir schon im Kopf: Tausende Störche, die bei bestem Licht die Meerenge inmitten der Millionenstadt Istanbul überfliegen. Unter sich die Minarette der Blauen Moschee und der berühmten Hagia Sofia.

Störche im Sturm über Istanbul

Aber dann kommt alles ganz anders: Von wegen bestes Licht und schönes Wetter. Aus heiterem Himmel bricht ein heftiger Orkan über uns herein. Der starke Wind wirft Bäume und Verkehrsschilder um, es gießt wie aus Eimern. Nur mit Mühe schaffen wir es, an dem Storchentrupp dranzubleiben. Als wir Istanbul schließlich erreichen, wird die Situation für die Vögel bedrohlich: Gepeitscht vom Sturm, wirbeln die Störche wie trockenes Herbstlaub durch die Häuserschluchten. Der Naturgewalt hilflos ausgeliefert, kippen sie unkontrolliert ab, stürzen zu Boden und kämpfen sich panisch wieder empor. Nur knapp entkommen sie der Kollision mit Mauern und Freileitungen. Endlich die Rettung: Auf dem Flughafen Atatürk, mit seinen offenen Grünflächen, landen die Störche zwischen den Hangars der Kampfjets. Mehr als 2 000 stehen schließlich im Gras, mit hängenden Flügeln, durchnässt und erschöpft. Als der Sturm sich endlich legt, sind die Störche im Nu wieder unterwegs. Viel schneller als wir – bis das Verkehrschaos in Istanbul hinter uns liegt, haben die Vögel den Bosporus längst überquert.

Rettung aus der Not: Am Bosporus gerät ein großer Trupp ziehender Störche in einen Sturm. Den rettenden Landeplatz finden die Vögel auf dem Flughafen Atatürk in Istanbul.
Rettung aus der Not:
Am Bosporus gerät ein großer Trupp ziehender Störche in einen Sturm. Den rettenden Landeplatz finden die Vögel auf dem Flughafen Atatürk in Istanbul.
Sichere Rast im Kranichparadies

Unser nächstes Ziel: Israel. Durch das kleine Land verläuft einer der wichtigsten Zugkorridore für thermiksegelnde Vögel. Im äußersten Norden Israels, einem schmalen Stück Land zwischen Libanon und Syrien, hat jeder Kindergarten seinen Luftschutzbunker. Immer wieder knattern MG-Salven von den Bergen und wummern die Einschläge von Hisbollah-Granaten. Und doch ist gerade dieser unruhige Landstrich im Jordantal vielleicht der wichtigste Zugvogel-Rastplatz im Mittleren Osten. Am Agamon See leuchtet am Abend der Himmel in warmen Farben. Von den Golan-Höhen hallen trompetende Rufe durch die Dämmerung. In typischer Keilformation treffen die ersten Kraniche ein, jeweils 20 bis 50 Vögel. Minuten später klingt das Konzert aus allen Richtungen. Die Rufe verschmelzen zu einem ohrenbetäubenden Chor. Wie gigantische Mückenschwärme ziehen die Kraniche heran und landen im flachen Wasser. 50000 stehen schließlich dicht gedrängt, wie ein riesiger, grauer Teppich, in dem kleinen See zwischen Golan und galiläischen Bergen. Zutiefst beeindruckt von dem gigantischen Schauspiel, haben wir unsere Kameras längst ausgeschaltet.

Tödliche Sackgasse für Störche im Sinai

Im Sinai, unserem nächsten Drehort, erwartet uns eine Tragödie. Bis zu 3000 Störche driften zu weit nach Süden und verpassen deshalb den Zug ins Niltal. Sie folgen der Küste des Suezgolfs in die Südspitze der Sinai-Halbinsel. Dort, nahe der Retortenstadt Sharm El-Sheikh, sitzen sie in der Falle. Das Rote Meer versperrt den Weg nach Süden – und das einzige Trinkwasser gibt es in einer Kläranlage. Der Anblick, der sich dort bietet, ist schier unerträglich: Aus den Klärteichen dringt infernalischer Gestank. In der trüben Brühe stehen die durstigen Vögel und trinken. Tausende Störche rasten auf den Dämmen. Apokalyptische Szenen spielen sich ab: Am Boden und im flachen Wasser hocken sterbende Störche, verklebt vom Unrat, geschwächt und unfähig, sich zu bewegen. Manche haben schwere Verletzungen. Andere scheinen zwar unversehrt, dämmern aber dem Tod entgegen. Die Wege sind übersät von verwesenden Störchen. Horden von verwilderten Haushunden streunen über die Anlage und reißen knurrend die Kadaver in Stücke. Wir errechnen, dass bis zu hundert Störche am Tag verenden. Aber woran sterben die Vögel? Giftige Abwässer oder Botulismus? Blaualgentoxine oder Vogelgrippe? Mit einem Team aus Wissenschaftlern und Veterinären wollten wir den Ursachen auf den Grund gehen. Die Sicherheitslage im Sinai lässt das derzeit leider nicht zu.

Die größte Vogelfanganlage der Welt

Über die Sinai-Halbinsel machen wir uns auf den Weg nach Port Said. Mit flauem Gefühl im Magen, denn in den vergangenen Tagen haben Terroristen mehrfach Überfälle verübt. Die Armee gewährt uns deshalb Begleitschutz. Richtig wohl ist uns erst wieder, als wir an der Mündung des Suez-Kanals das Mittelmeer erreichen. Unser erster Weg führt uns zum Strand. Dort überrascht uns eine Reihe von Netzen. Mehr als drei Meter hoch und befestigt an langen Stangen. Der erste Gedanke: Hier trocknen die Fischer ihr Fanggerät. Wir folgen der Netz-Barriere nach Westen. 10km weit fahren wir, 50 Kilometer, und noch immer ist kein Ende in Sicht. Längst ist uns klar: Das sind keine Fischernetze. Fast lückenlos lauert hier der Tod auf die Singvögel. In der Nacht überfliegen sie das Mittelmeer. Am frühen Morgen erreichen sie die Küste. Um zu rasten, wollen sie landen – und verheddern sich in den tödlichen Maschen. Wir haben die größte Vogelfanganlage der Welt entdeckt. 700 Kilometer weit erstreckt sie sich an der Mittelmeerküste, von der israelischen zur libyschen Grenze. Und nicht nur das: Auch weiter landeinwärts stehen tödliche Fallen. Riesige Netze sind als Reusen über Bäume und Büsche gespannt und werden den Vögeln zum Verhängnis.

Den Reusennetzen fallen hauptsächlich Singvögel, wie dieser Neuntöter,  zum Opfer.
Den Reusennetzen fallen hauptsächlich Singvögel,
wie dieser Neuntöter, zum Opfer.

Überall im Nildelta werden am Straßenrand Vögel zum Kauf angeboten. In El Rasheed, Alexandria und anderen Küstenstädten fragen wir nach Vogelmärkten und werden bald fündig: Eng zusammengepfercht in kleinen Holzkäfigen warten Tausende Singvögel auf den Tod. Vom Zilpzalp bis zum Pirol, vom Kuckuck bis zum Bienenfresser. Die Schlächter haben ihr Handwerk bereits begonnen: Ein kurzer Schnitt mit der scharfen Klinge, und die Kehle des Vögelchens ist durchtrennt. Ein paar Jungs entfernen mit flinken Fingern die Federn. Ein weiterer schneller Schnitt öffnet die winzigen Körper. Jetzt noch ein Stück Chilischote rein, ein paar Gewürze drauf, und der klägliche Rest eines kleinen Vogels endet in der Truhe. Fertig verpackt, als teure Delikatesse für die Restaurants in Kairo oder irgendwo sonst.

Wir recherchieren weiter, zählen Märkte und gefangene Vögel, Käfige und Transportfahrzeuge. Nicht überall sind wir bei unserer Arbeit willkommen. Wir werden wüst beschimpft und mit dem Tod bedroht, aber am Ende steht unsere Schätzung: Mindestens 10 bis 15 Millionen Singvögel werden alljährlich an der ägyptischen Küste gefangen. Nicht etwa von armen Bauern zum eigenen Verzehr. Sondern von straff organisierten Banden, die den Transport und Verkauf professionell betreiben. Ein Aderlass, der ohne Zweifel Auswirkungen auf die Vogelbestände in Mitteleuropa hat.

Hoffnung für die Zugvögel

Unsere »Expedition Mittelmeer« geht zu Ende. Angesichts der Tragödie an der ägyptischen Küste sind wir ratlos. Wie geht man vor, um gegen- zusteuern? Eigentlich hilft nur eins: das Land an seiner Achillesferse zu treffen: Boykott des Tourismus: »Kein Urlaubsort, wo Vogelmord« – schon in den 1980er Jahren zeigte dieser Slogan seine Wirkung. Zurück in Deutschland haben jetzt, im Frühjahr, die Weißstörche längst wieder ihre Nester besetzt. Jeden Tag kann ich nun im Storchendorf Bergenhusen ihr Klappern auf den Dächern hören. Gedanken an das Storchen- sterben in Sharm-el-Sheikh werden wach. Und das Bewusstsein, dass der Schutz der ziehenden Vögel jeder Mühe wert ist.

Text und Fotos von Dr. Holger Schulz

Zugvögel
Glück gehabt: Ein Storchenpaar ist unbeschadet von der langen Reise zurückgekehrt. Klappernd begrüßen sich die Vögel am Nest

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