03_Image

„Ich bleibe ein armer Stackel“

Wie sagte Großmutter immer? Familientypische Redewendungen geben uns ein Gefühl der Vertrautheit

Wenn ich an meine Großmutter denke, eine herbe und strenge Frau, fallen mir sofort zwei oft von ihr gebrauchte Redewendungen ein. Ein typischer Anlass dafür war eine Schramme am Knie, ein verletzter Finger, mit denen ich klagend zu ihr kam. „Du arme Stackel!“ (Du armer Kerl) – diese drei Worte von ihr klingen bis heute nach. Hatte ich etwas Dummes angestellt, pflegte sie – begütigend und kritisch zugleich – zu sagen: „Du lüttje Teeputt!“ (Du kleiner Teepott). Mit diesen beiden Sätzen tritt mir das reetgedeckte Haus, umgeben von hohen Bäumen, vor Augen mit meiner schwarzgekleideten Großmutter und ihrem immer ernsten Gesicht. Ich habe keine anderen Äußerungen von ihr in der Erinnerung behalten; diese beiden niederdeutschen Redewendungen aber haben für alle Zeiten mein Bild von der Großmutter bestimmt. Schwer ertragen konnte ich die Bezeichnung als „lüttje Teeputt“. Dennoch gehören diese Wendungen zu meinem mit Zuneigung empfundenen sprachlichen niederdeutschen Zuhause.

SPRACHE DER KINDHEIT ist in erster Linie der Sprachgebrauch in der Familie, der vielfach durch eigenartige Veränderungen gegenüber der Norm geprägt ist. Oft ist der frühe, nicht normgerechte Sprachgebrauch kleiner Kinder die Quelle familientypischer Wendungen, so z. B. eigene Regelentwürfe: abgeleitet von Harke – der Mann harkt, Besen – der Mann best. In der Familie – außerhalb ist diese Sprache nicht erlaubt – werden kindgerechte Verdeutlichungen gebraucht; etwa: der Müller mahlt, der Maler aber „malert“. Wundersame Versprecher von Kindern bleiben gemeinsamer familiärer Wortschatz. So entfuhr einem kleinen Jungen die Wendung: „Abuzideleit“. Gemeint war „Ach, du liebe Zeit!“. Die Familie nahm das Wort in ihre Sprache auf. Viele Menschen kennen auch das „Familiengrummeln“, eine knappe, von Abkürzungen geprägte Sprache. Der Gebrauch dieser Sprachelemente führt in das Gefühl des Familienzusammenhalts, des Erinnerns an die familiäre Vertrautheit zurück. Mit tiefem Vergnügen denken wir an Zeiten des Entstehens dieses Sprachgebrauchs zurück.

Fest verankert in der Erinnerung sind zum Beispiel auch Lieder und Sprüche zu bestimmten Anlässen, bei mir im Norden die niederdeutschen Lieder zum Laternelaufen oder zum Rummelpott. Es sind diese Lieder, diese Texte, die wir als Kinder gesungen haben und die wir wieder mit den Kindern und Enkeln singen werden – Träger des Gefühls von Generation zu Generation. Wir rufen mit diesen Texten die an die Situation gebundenen Empfindungen und Erlebnisse wach, die uns als Kindern begegnet sind. Ähnlich wirken die mit großen Erwartungen verbundenen, immer wiederholten Rituale zum Weihnachtsfest. Sprache ist ein einzigartiger Träger der Erinnerungen an die Kindheit.

WENN AUCH IN DEN LETZTEN JAHREN die Bedeutung des Begriffs Muttersprache – zum Teil berechtigt – in die Kritik gekommen ist, bleibt doch die Wirkung, die die Sprache für die Entstehung des kindlichen Verständnisses von Welt hat, unvergleichlich wichtig. Die Sprache der frühen Jahre hat bei aller späteren regelhaften Aufarbeitung von Grammatik und Lexikon ihre besondere Kraft. Sie führt zu den Mundarten und persönlichen Sprachen von Geschwistern, Eltern und Großeltern. Wir kennen alle den Satz: „Vater (Mutter, Onkel Hans) sagte dann immer …“

WALTER KEMPOWSKIS fiktiver Familienroman „Tadellöser und Wolf“ zeigt beispielhaft diesen genau erinnerten familiären Sprachgebrauch. Die Romanfiguren erhalten dadurch geradezu ihren eigenen Charakter. Ernst Elitz, früherer Programmdirektor des Deutschlandfunks, schreibt zum Verhältnis von Kindheitserinnerung und Sprache: „Sein Leben lang trägt der Mensch Kindheitserinnerungen mit sich herum. Auch in der Fremde träumt er in der Sprache der Heimat. Er bewahrt einen Schatz. Denn nur wer die eigene Sprache liebt, hat Achtung vor den Sprachen der anderen und sieht in ihnen mehr als nur ein Verständigungsmittel. Er erlebt den Reichtum anderer Kulturen.“

Es ist diese Verklammerung von Sprache mit dem Leben im vertrauten Umfeld der Familie, die diese positiven Voraussetzungen schaffen hilft. Meine heutige Sprache ist auch meine seit meiner Kindheit erworbene, geliebte Sprache.

 

Text von Prof. Dr. Willy Diercks . Er hat seine geliebte Sprache nicht nur gepflegt, er hat sie zur Profession gemacht. Als Sprachwissenschaftler lehrt er heute an der Europa-Universität in Flensburg.

«
»

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht *