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Jenseits des Sichtbaren

Venedig ist einer der am häufigsten fotografierten Orte der Welt. Doch der Meisterfotograf Heinz Teufel hat es geschafft, die »grandiose Serenissima« neu zu entdecken. Seine Methoden der ungewöhnlichen
Interpretation eines Motivs propagiert er in einer »Schule des Sehens«.

Alle Fotografie-Kenner kennen auch Heinz Teufel – meinen sie jedenfalls. Den Fotografen aus Eckernförde, der weltweit zur Spitzenklasse gehört, der für GEO, »Zeit Magazin« und »Time Life« unterwegs war. Der 50 großformatige Fotokalender und rund 25 Fotobücher publiziert hat sowie mehrfach ausgezeichnet wurde. In paradiso präsentiert Teufel eine Auswahl der Fotomotive, die auf seinen letzten Venedig-Reisen entstanden sind und die kürzlich auch beim 4. »Oberstdorfer Fotogipfel«, einem der wichtigsten deutschen Fotofestivals, zu sehen waren.

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»Eh mir in’s Nichts die letzten Stunden rinnen, Will ich noch einmal auf und nieder wallen, Venedigs Meer, Venedigs Marmorhallen, Beschaun mit sehnsuchtsvoll erstaunten Sinnen.« August Graf Platen unternahm 1824 seine erste Venedigreise. Ein Jahr darauf entstanden die »Sonette aus Venedig«

Sobald die Philosophie hinter seiner Fotografie zur Sprache kommt, und auf Workshops, dieser »Schule des Sehens«, ist das natürlich der Fall, wird aus dem bedächtigen, eher wortkargen, dabei genau beobachtenden Norddeutschen ein Energiebündel. »Spontan, sehr kreativ und schlecht zu bändigen« war er nach eigenem Bekunden schon auf der Schule. Entsprechend dürfte er auch das Studium an der heutigen Kieler Muthesius Kunsthochschule in den Fächern Bildhauerei, Grafik und Malerei mit dem Abschluss »Diplomdesigner Freie Kunst« gemeistert haben.

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»Kennen Sie eine gewaltigere Verführerin?« Der Dichter Gabriele D’Annunzio (1863-1938) über Venedig

Heute braucht Heinz Teufel diese Eigenschaften, um mit den Mitteln der Fotografie »die Welt neu zu erfinden«, um »das Bild, diese Einheit von Intellekt und Sinnlichkeit, neu zu entdecken«. Das ist ein richtig, richtig anspruchsvolles Programm, doch Teufel scheut davor nicht zurück. Was er meint: Dass Fotografie erst durch Gestaltung zur Sprache kommt. Nur so können »statt Abbildungen, Bilder, die über das Sichtbare hinausgehen, geschaffen werden«. Bilder, die in der Realität gar nicht vorhanden sind und die somit die »Relativität der Realität« (ja, Einstein lugt um die Ecke) betonen. Da liegt der Bezug auf das gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische Umfeld nicht mehr fern. Teufel sagt: »Ich lehne (nicht nur: fotografische – Red.) Werke ab, die im kapitalistischen Kontext zu Ikonen erklärt werden.« Statt Erstarrung will er Bewegung, Spiel, Geistiges, letztendlich »die synergetische Einheit von Kultur und Natur«. Zivilisationsgeschichtlich gesehen ein zutiefst romantisches Verlangen, aber jenseits aller Süßlichkeit, die ja ein modernes Missverständnis des originalen romantischen Impulses ist. Um zu dokumentieren, dass und wie dieses wie gesagt höchst anspruchsvolle Programm funktioniert, hat sich Heinz Teufel eines der schwierigsten Motive vorgenommen, die auf dem Kontinent Europa zu haben sind: das über-fotografierte, vom Versinken in Klischees und Kloake bedrohte Venedig. La Serenissima Repubblica di San Marco umgarnt er mit den für seine »Schule des Sehens« typischen Methoden, dem Blick für das Skurrile, für das Krasse, für die vehementen Farben – besonders gerne was mit »Rot«, der Ur-Farbe. Aber, Achtung: Nur bei den Venezianern selbst fixiert er das menschliche Gesicht, Touristen sind eher für den Hinterkopf gut. Vom Bildautor gestisch gestaltete Motive oder doch zumindest ungewöhnliche Ausschnitte, die sind Teufels Ding. So wird die Phantasie des Betrachters angekurbelt, damit schafft er Bilderwelten jenseits der realistischen Abbildung, also in der Tat »komplexe raumzeitliche Dimensionen«.

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Fotograf Heinz Teufel

Heinz Teufel kann das natürlich auch einfacher ausdrücken. Dann sagt er: »Nie gesehene Bilder entstehen, wenn man es beherrscht nicht zu denken. Nicht zu denken öffnet die Seele und die Bilder kommen zu einem.« Jetzt kommen sie aus der »ins Wasser gebauten unfassbaren Pracht« zu den Lesern von paradiso.

TEXT: MICHAEL RADTKE FOTOS: HEINZ TEUFEL

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