Landenteigung

Landräuber

Nicht nur in Afrika sichern sich Konzerne riesige Flächen.

Quinoa?“, fragt die Kollegin scharf- äugig über den Mensa-Tisch und deutet auf mein selbst gekochtes Mittagessen in der Warmhaltebox. Ich nicke. „Böse“, sagt sie. „Nee“, sage ich, „das ist aus dem Bioladen”. „Klar“, antwortet sie, „das gibt’s doch auch nur im Bioladen“. Ich sage „Hä?“. Ausgerechnet das im Bioladen für teuer Geld erworbene „Wunderkorn der Inka“ soll böse sein? „Naja“, erklärt mir die Kollegin, die als Soziologin zu nachhaltigen Lebensformen forscht, „die internationale Nachfrage nach Quinoa hat dazu geführt, dass mehr als 50 Prozent der Produktion Boliviens exportiert wird. Das wiederum hat einen Preisanstieg auf dem inländischen Markt verursacht. Aus diesem Grund ist die Quinoa für die ärmsten Bevölkerungsschichten nicht mehr bezahlbar“. Ihre Gabel zeigt auf mich. „Die einheimische Bevölkerung isst stattdessen Nudeln und wird dick und krank.“ Die Gabel senkt sich und spießt eine Nudel auf. „Aber noch Besorgniserregender ist die Auswirkung auf die Bodennutzung – die Agrarindustrie interessiert sich für das Land, das bisher die Kleinbauern bewirtschaftet haben. Umweltzerstörung und Armut sind die Folge.“ Sie lächelt mich an. „Same procedure as everywhere“. Ich starre schweigend auf mein unerwartet inkriminiertes Bio-Quinoa. „Kaffee?“ fragt sie aufmunternd.

„Die Neumann Kaffee Gruppe beliefert knapp 3 000 Röster, darunter auch Großkunden wie Tchibo, Lavazza und Nestlé“, erzählt mir ein anderer Kollege bei einem anderen Kaffee, ebenfalls in der Mensa, nachdem ich ihm von meinem Quinoa-Schock berichtet hatte. „Im August 2001 vertrieb die ugandische Armee Menschen aus vier Dörfern mitten im Buschland. Vertreiben heißt: Hütten anzünden, Tiere erschießen, Hirse-, Kaffee- und Bananenfelder zerstören. Hintergrund: Die Regierung in Uganda hat das Land der Dorfbewohner an eine Tochterfirma der Neumann Kaffee Gruppe in Hamburg verpachtet.“

Er pustet auf seinen heißen Cappuccino. „Die Neumann Kaffee Gruppe sagt, sie habe von der Vertreibung nichts gewusst. Sie habe das Land legal gepachtet und der Staat habe ihr garantiert, dass es frei von Drittansprüchen sei.“ Mein Kollege, ebenfalls ein Soziologe, nippt an seinem Kaffee: „Was wahr ist, weiß man nicht. Klar ist, dass das afrikanische Gewohnheitsrecht kein individuelles Landeigentum kennt. Weil viele afrikanischen Kleinbauern das Land seit Jahrhunderten gemeinschaftlich nutzen, wird nun eben dieses Land von ihren Regierungen als angebliche Brache an reiche Geldgeber verkauft oder verpachtet. Das nennt man Landgrabbing.“

Landgrabbing, das ist die illegitime oder illegale Aneignung von Land. Zu Deutsch: Landnahme. Im Februar 2009 habe ich erstmals davon gelesen. Da gingen die blutigen Unruhen auf Madagaskar durch die internationale Presse. Wenige Monate zuvor hatte sich das südkoreanische Unternehmen Daewoo im bitterarmen Inselstaat die Rechte an 1,3 Millionen Hektar Land gesichert – etwa die Hälfte der fruchtbaren Fläche der Insel. Daewoo wollte Mais und Palmöl anbauen und die Ernte nach Südkorea exportieren, obwohl über eine halbe Million Madagassen von Uno-Nahrungsmittelhilfe abhängig sind und die meisten der 20 Millionen Inselbewohner sich von Feldfrüchten ernähren, die sie selbst anbauen. Die Bevölkerung rebellierte, die Regierung trat zurück, das Projekt wurde gestoppt.

Damals erschien mir das Phänomen wie einer dieser bedauerlichen, aber erwartbaren Irrtümer des kapitalistischen Systems, von denen man sich getrost distanzieren kann, weil man sie nicht selbst begeht. Nach den Gesprächen über Quinoa und Kaffee änderte sich das, die Irrtümer waren in mein Leben gerückt, und ich begann zu lesen: In Kenia hat sich der Golfstaat Katar 40 000 Hektar Land gesichert. Im Kongo baut China auf 2,8 Millionen Hektar die weltgrößte Palmöl-Plantage auf.

Hunderte ländliche Dorfgemeinschaften in Afrika – sowie in Teilen Asiens und Lateinamerikas – sind mit Leib und Leben von Räumung, Vertreibung oder schlicht und einfach vom Entzug ihres Lebensunterhaltes und ihres Bodens bedroht, den sie gemäß Gewohnheitsrecht als ihr eigen vermuten“, schreibt die neuseeländische Wissenschaftlerin Liz Alden Wily in ihrem Aufsatz: „Globaler Landraub. Die neue Einhegung“. Und weiter: „Insbesondere seit 2007 vergeben Regierungen bereitwillig riesige Flächen, bisher 220 Millionen Hektar, an vorwiegend ausländische Investoren. Zwei Drittel des Landes, das verkauft oder langfristig verpachtet wird, liegt im verarmten und investitionshungrigen Afrika.“

Reiche Investoren oder ausländische Regierungen kaufen oder pachten dort Land aus unterschiedlichen Gründen. Die Scheich- tümer am Golf etwa schwimmen zwar in Ölmilliarden, können jedoch ihre stark wachsenden Bevölkerungen nicht ernähren und kaufen daher Äcker, wo es geht. Die saudische Firma Adco etwa fährt im Sudan auf 10 000 Hektar die Weizenernte ein, während im Anbaugebiet die Menschen hungern. Die Bewässerung der großen Plantagen zehrt im Übrigen auch an den Wasservorräten. Die Folgen sind bestürzend, denn gerade dort, wo verheerende Hungersnöte herrschen, können die Menschen selbst nichts mehr zur Linderung ihrer Not beitragen.

Bei sinkenden Ackerflächen und wachsender Weltbevölkerung spekulieren Investoren auf steigende Preise für Lebensmittel und Agrarflächen. Die Renditen von bis zu zehn Prozent und mehr nehmen Pensionskassen, private Anleger und Fondsgesellschaften gerne mit. Wie etwa die DWS. Die Investmentfondstochter der Deutschen Bank hatte sich an dem thailändischen Unternehmen KSL beteiligt, das in Kambodscha Land für den Anbau von Zuckerrohr gepachtet hatte. Nachdem die Menschenrechtsorganisation Fian aufgezeigt hatte, dass KSL einheimische Bauernfamilien teilweise mit Gewalt von ihren Feldern vertrieben hatte, entschloss sich DWS 2011, sämtliche Anteile von KSL zu verkaufen. Nun sind ihre Analysten ge- halten, Firmen, an denen sich die Investoren beteiligen wollen, auch auf ethische und ökologische Aspekte hin zu überprüfen. Ob das gelingt, ist fraglich. In der Theorie sollen die „Agrarinvestitionen“ in den betroffenen Ländern zwar Technologietransfer, Infrastruktur, Arbeitsplätze und damit Wohlstand bringen, die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Ausgerechnet die sieben ärmsten afrikanischen Länder sind am meisten von Landgrabbing betroffen. Jacques Diouf, Chef der UN-Ernährungsorganisation, brandmarkt solche Geschäfte daher als „eine Form von Neokolonialismus“.

Der findet übrigens nicht nur in den so genannten Entwicklungsländern statt. Sondern auch in Europa. Laut einer Untersuchung, die das Amsterdamer Transnational Institute 2013 für den EU-Agrarausschuss erstellt hat, ist die Hälfte des Agrarlandes in Europa im Besitz von drei Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe. „Wenige große Privatunternehmen haben die Kontrolle über immer größere Flächen von Land gewonnen“, schreiben die Autoren der Studie. In Rumänien sollen laut der Studie bereits rund 40 Prozent des Ackerlandes von ausländischen Investoren bewirtschaftet werden. Der größte Investor dort stammt aus dem Libanon.

Ähnliche Konzentrationen sind auch in anderen osteuropäischen Staaten zu beobachten, zum Beispiel in Bulgarien, Estland, Litauen oder Ungarn. Viele der neuen Landnehmer kommen aus der Finanzwelt und werden durch EU-Subventionen nicht selten öffentlich bezuschusst. Auch in Deutschland sinkt die Zahl der Bauernhöfe kontinuierlich. In Ostdeutschland geraten Landwirte zunehmend in Konkurrenz zu Investoren, die Ackerland als interessante Geldanlage entdeckt haben. Besonders aktive ist hier die KTG Agrar SE, der wohl größte Agrarkonzern Deutschlands. Im Jahr 104 stieg dessen Umsatz nach eigenen Angaben um 42 Prozent auf 234,1 Millionen Euro.

Der Boden unter unseren Füßen wird zurzeit also weitgehend unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit ausverkauft. Irgendwann gehört die gesamte Erde anderen, und zwar reichen Leuten. Dann wird es sehr ungemütlich werden, man denke an die Hungerrevolten in 15 Ländern im Jahr 2008. Kann man etwas dagegen tun? „Keine Fonds kaufen, die im Agrobusiness investieren“, sagt der Kollege, „Keine Schnittblumen aus Äthiopien kaufen, keinen Biosprit tanken, weniger Schweineschnitzel und Hühnerbrust essen und am allerbesten: nur regionale Produkte.“ „Sich informieren“, sagt die Kollegin, und: „Politisch sein“. Denn: Es braucht politische Regulierung. Im Januar 2015 verfasste der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss, der die EU berät, seine Stellungnahme „Jagd nach Agrarland – ein Alarmsignal für Europa und eine Bedrohung für bäuerliche Familienbetriebe“. Eine der Empfehlungen darin: „Land ist eine endliche Ressource, weswegen hier nicht die üblichen Regeln des Markts gelten sollten. Die Eigentumsverhältnisse in Bezug auf Land und die Flächennutzung müssen stärker als bisher reguliert werden.

Text von Kathrin Fischer

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