Zeit

Leider keine Zeit

Die Journalistin Ulrike Wilhelm hat schmerzlich erlebt, was passiert, wenn man anfängt, sich selbst zu überholen

Leistung. Pflichtbewusstsein. Einsatz. Daran habe ich immer geglaubt. Aufgewachsen in einem protestantischen Pfarrhaus, war ich mit diesen Werten großgeworden. Bestimmt sind sie wichtig. Aber inzwischen habe ich erkannt, dass es noch mehr gibt, was noch bedeutsamer ist. Sehr schmerzlich habe ich erfahren müssen, worum es sich dabei handelt: Zeit! Zeit für meine Familie, meine Freunde, meine Kollegen, Zeit für Menschen.

Bis zum 15. Oktober 2003 hatte ich in einer unfassbaren Tretmühle gestrampelt. Ich hastete von einem Job zum nächsten, als Redakteurin, stellvertretende Ressortleiterin, Reporterin, Textchefin. Parallel schrieb ich Bücher, war gehetzt von Ab­gabeterminen und stand unter Erfolgsdruck vonseiten meiner Verlage: Wie viel Presse würde ich bekommen? Wie würden sich meine Bücher verkaufen? Mein Standardspruch gegenüber meinen Mitmenschen lautete: „Leider keine Zeit, ich habe eine terminierte Abgabe.“ Damit lag ich voll im Trend: Gilt es nicht als schick, gestresst zu sein? Eher wird doch schief angeschaut, wer es nicht ist. Und mir schien ganz normal, dass es immer so weiter­gehen würde. Ich würde immer mehr arbeiten, immer mehr Erfolg haben.

Es war im September 2003, als mein kleiner Bruder Knut mich anflehte, ihn be­suchen zu kommen. Er stand vor einer Prüfung, hatte Angst davor und wollte mit mir reden. Ich aber musste einen Roman abgeben und hatte – wieder einmal keine Zeit. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich mit Knut gesprochen hatte. Am 15. Oktober 2003 nahm er, der unter Schizophrenie litt, sich das Leben, indem er vor einen Zug sprang. Meinem Vater hatte er zuvor lapidar gesagt: „Ich gehe Zigaretten holen.“

Als ich davon erfuhr, vereiste ich innerlich. Knut, warum hast du das getan? fragte ich mich immer wieder. Aber in den nächsten Tagen wurde die andere Frage immer drängender: Warum hatte ich seine flehentlichen Bitten, ihn besuchen zu kommen, nicht erhört, warum war mir Arbeit wichtiger gewesen als die kostbare Lebenszeit mit einem geliebten Menschen?

Natürlich wird fast jeder sagen: „Es ist ganz normal, dass die Arbeit das Leben bestimmt.“ Wir stehen ja alle unter immer mehr Leistungsdruck. Immer weniger Angestellte haben immer mehr Arbeit auf dem Tisch, und natürlich finden wir es super, uns unersetzlich zu fühlen.

Ich habe das teuer bezahlt. Denn statt mir nach Knuts Tod wenigstens Zeit zum Trauern zu nehmen, stürzte ich mich wie eine Besessene in die Arbeit. Ich weinte nicht, ich funktionierte. Romanabgabe, Job als Textchef, Reportagen für eine große Frauenzeitschrift, Entwicklung eines neuen Romanprojekts.

Und: Wird uns in den Medien nicht genau das vorgegaukelt? Dass es ganz normal sei, überlastet zu sein, Arbeit vor Zeit, Funktionieren vor Gefühle, Erfolg vor Privatleben zu stellen? Ich bin ja ein Medien­mensch. In meiner ganzen Umgebung gab es nur Leute, die ständig neuen Erfolgen hinterherjagten – und davon auch genüsslich berichteten. Also schien mir mein Verhalten völlig normal.

Es begann im Frühling 2004, dass ich anfing, vollkommen durchzudrehen. Ich schlief fast überhaupt nicht mehr, arbeitete fast nur noch – und hatte mir keine Zeit zum Trauern genommen. Die Folge war, dass ich abdriftete. Ich fing an, Selbstgespräche zu führen, tanzte auf der Straße, schmetterte Arien. Ich, für die zu funktionieren immer Prinzip gewesen war, funktionierte nun überhaupt nicht mehr. Ich war ein nur noch emotional ausgetickter Total-Ausfall.

Trotzdem, man wird es kaum glauben, arbeitete ich immer noch weiter, wollte ich mir immer noch keine Zeit für mich selbst nehmen, Zeit für die Trauer um meinen kleinen Bruder. Das alles endete damit, dass ich 2007 in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Dort kam ich erstmals wieder zu mir. Dort fand ich den Ruheraum, den ich brauchte und konnte endlich um Knut weinen.

Heute arbeite ich als Redakteurin, ohne ständig neuen Posten hinterherzuhetzen. Ich habe Stunden reduziert, nehme mir mehr Zeit für Freunde, für Gespräche, zum Spazierengehen, Klavier spielen, Musik hören oder einfach nur nachdenken. Ich schreibe Tagebuch, und wenn ich merke, dass ich wieder in die Bedeutsamkeitsfalle hineinzugeraten drohe, ziehe ich die Notbremse.

Es ist richtig, das Tempo aus dem ­eigenen Leben rauszunehmen, wenn man anfängt sich selbst zu überholen. Und wenn nun ein Roman weniger erscheint, wird die Welt sich dennoch weiterdrehen! Was ich gewonnen habe, ist mehr Ruhe. Und ein Bewusstsein dessen, wie kostbar Zeit für einen selbst und andere ist. Eine Erkenntnis, die ich nicht mehr missen will.

Ulrike Wilhelm ist Buchautorin und Redakteurin beim Heinrich Bauer Verlag in Hamburg.
Ulrike Wilhelm ist Buchautorin und Redakteurin beim Heinrich Bauer Verlag in Hamburg.

Text von Ulrike Wilhelm

«
»

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht *