Tischler

Mein Projekt

Messen, zeichnen, sägen, stemmen, bohren, schleifen: Ein Tablett entsteht

Tischler
Geschafft! Das Tablett als stolze Kopfbedeckung.

Das Paradies ist in Ottensen zu finden, in einem der kleinen Hinterhöfe in der Erzbergerstraße. Da gibt es neben einer Autowerkstatt auch gleich noch eine „Tischler-Akademie“ – die einzige in Norddeutschland. Hier kann man das fachmännische Arbeiten mit Holz erlernen und am Ende vielleicht sein eigenes Möbelstück selber bauen. Zum Grundkursus habe ich mich angemeldet. Denn ich mag Holz. Und ich möchte zur Abwechslung etwas Handfestes machen, nicht nur am Schreibtisch sitzen und tippen.

Mir ist mulmig, als ich die Treppe zur Werkstatt emporsteige. Es riecht nach Holz. Ich versuche mich abzulenken, scrolle noch schnell durch meine E-Mails. Aber ich finde nichts Neues, nicht einmal einen Termin für heute Abend. Vielleicht auch besser, denke ich und lege das Handy in die Tasche.

Zehn sind wir in diesem Kursus, zwei Frauen und acht Männer mit aufgekrempelten Ärmeln. Wir stehen zwischen Werkbänken und Kisten voller Hobel und Sägen. Jochen Lichtenberg, der Kursleiter, ermuntert uns, von unseren Erfahrungen mit Holz zu berichten. Einer erzählt, dass er einmal ein Gehäuse für eine Uhr gebaut hat. Mein Nebenmann sagt, dass er seinem Sohn am liebsten ein Kletterspielzeug bauen würde. Und ich mit meinen zwei linken Händen? Was sage ich? Vom Esstisch aus Eiche, den ich mir wünsche, erzähle ich lieber nichts: „Vielleicht wird ein Projekt daraus“, sage ich vage.

Das Holz braucht meine ganze Aufmerksamkeit.
Das Holz braucht meine ganze Aufmerksamkeit.

Vor zig Jahren habe ich einmal 16 Qua­dratmeter kanadische Kiefer geschliffen – mit einem kleinen Exzenterschleifer. Ein simples, aber verrücktes Projekt! Ganze zwei Tage hat es gedauert, bis ich halbwegs zufrieden war. Ich musste husten, manchmal wurde mir schlecht von dem Staub – aber es hat enormen Spaß gemacht. Und ich hatte den alten Holzboden freigelegt! Ich bin ein Freund der Holzmaserung geworden. Einmal zu fest gedrückt, und schon stimmte der Verlauf der Jahresringe nicht mehr. Irgendwie bin ich noch heute stolz darauf, dass ich es gepackt habe, obwohl ich längst woanders wohne.

Ganz so ahnungslos möchte ich nicht bleiben. Deswegen der Kursus. Ich möchte die Platten und Latten für „meinen Tisch“ nicht mithilfe von Winkeln zusammenschrauben. Wie sähe das aus? Es gibt viel bessere und elegantere Lösungen, Holzteile zu verbinden. Eine davon werden wir kennenlernen und üben: die einfache Zinkung, ähnlich verschränkten Fingern. Gerne benutzt bei Schubladen. Wie diese Zinkung entsteht, erklärt Jochen Lichtenberg, als er uns mit dem Projekt der nächsten beiden Tage vertraut macht: Ein Tablett sollen wir bauen.

Was einmal abgehobelt ist, bleibt für immer abgehobelt.
Was einmal abgehobelt ist, bleibt für immer abgehobelt.

Messen, zeichnen und sägen, stemmen und hobeln, bohren und schleifen erfordern viel Konzentration. Bitte kein Handy-Klingeln jetzt! Das Holz braucht meine ganze Aufmerksamkeit. Denn was einmal abgehobelt ist, das ist ja für immer abgehobelt. Also gehe ich extra vorsichtig ans Werk, ich gebe wirklich mein Bestes und versuche, so genau wie möglich zu arbeiten. Lieber nochmal messen! Und sitzt die Säge richtig? Stunden vergehen. Zwischendurch hilft Jochen Lichtenberg mit Tipps weiter. Abends bin ich müde. Am nächsten Tag geht es weiter. Nach und nach nimmt das Holz Formen an. Und dann der Glücksmoment: Mein Tablett hält, die Seiten passen, auch wenn zwischen einigen Zinken und Schwalben ein bisschen Luft ist. Ich denke an meinen Tisch: Vielleicht wird ja doch noch ein Projekt daraus.

Text von Sven Kriszio, Fotos von Michael Staudt

«
»

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht *