Licht

Schreiber des Lichts

Mit 18 hatte er sein erstes Fotostudio. Jahrelang war er Society-Star. Doch dann ging Hans-Günther Kaufmann ein Licht auf. Er wurde zum Sinn-Sucher.

Eigentlich ist Leben etwas Einfaches.“ Dem Mann, der das sagt, würde man solche Erkenntnis bei einem raschen Blick auf seine Vita nicht ohne Weiteres zutrauen. Hans-Günther Kaufmann ist ein höchst erfolgreicher Fotograf mit Firmensitz in Oberbayern und einem Porträt-Studio in der Münchner Innenstadt. Im Alter von 15 Jahren brachte er sein erstes Motiv in der legendären Zeitschrift „twen“ unter. Seither hat der Bruder der Schauspielerin Christine Kaufmann an die 60 Bücher zu unterschiedlichen Themen publiziert. Jerusalem, Frankreich oder Santiago de Compostela gehören zu den Themen; er macht Fernsehen und er experimentiert, auch für die Fotografie, mit dem zukunftsträchtigen hochauflösenden Format Ultra-HD – in seiner „digitalen Hauskapelle“.

Ein genauerer Blick auf Kaufmanns beruflichen Weg offenbart jedoch ein Verständnis von sich und der Welt, das weit über diesen Erfolgshorizont hinausgeht. Vor allem aber einen Bruch oder, besser, eine Wende im Leben des heute 72-Jährigen, die neugierig macht: die Wende vom Society-Star zum spirituell gegründeten Menschen. Manchmal, so erzählt er auf seine zurückhaltende Art, geschieht die Arbeit am Motiv ganz anders als üblich. Kaufmann stellt sich dann, etwa in einer Kirche, still in eine Ecke. Und wartet. „Ich lasse mich entdecken“, nennt er diese Methode, „bis ich spüre, was mich ruft“.

Aber beginnen wir von vorne. Kaufmann wurde in Tours geboren, Mutter Französin, Vater Luftwaffenoffizier. Das war damals eine brisante Mischung, die Einquartierung im konservativen Oberbayern machte die Sache nicht einfacher. Doch manchmal hilft solch ein Bad im Drachenblut ja auch. In München musste sich Kaufmann ziemlich allein durchbeißen; er fing an, für die Schülerzeitung zu fotografieren; sein bester Freund hieß Andreas Baader. Da hatte sich die Mutter bereits ihrer aparten Tochter Christine angenommen, deren Karriere sich von Harald Reinls „Rosen-Resli“ (1954) in internationale Sphären beschleunigte. Rom, New York, Hollywood, die Hochzeit mit US-Star Tony Curtis. Bruder Hans-Günther, häufig in der Nähe, fotografierte, was die Rollei hergab. „Das Paradies“, so erinnert sich Kaufmann heute, „lag ziemlich nah“.

Anfang der 1960er Jahre war er zurück in München – und wollte es wissen. Alleine. Tatsächlich funktionierte die Wundertüte. Mit 18 Jahren hatte er sein erstes Fotostudio in München. Mit 19 fuhr er, helle Ledersitze, einen dunkelgrünen Jaguar MX10. Innerhalb kurzer Zeit stieg Kaufmann zum viel gefragten Werbe- und Modefotografen auf, er produzierte Titelbilder für die großen Zeitschriften, Kampagnen für Marken wie Coca-Cola. Gute 10 Jahre und satte 11 Porsches lang.

Irgendwann stand er wieder an einem Strand in der Karibik, den Finger auf dem Auslöser der Kamera, das Model – „wunderbar, bestens, gleich noch einmal!“ – warf gerade die feuchten, langen Haare nach oben in die glitzernde Sonne, „da begann das Rumoren“. Kaufmann fragte sich: „Wie lange willst du den Schmarrn eigentlich noch machen?“ Das klingt ein bißchen nach der Stimme, die Saulus auf dem Weg nach Damaskus ereilt haben soll, doch Kaufmann betont: „Bei mir war das kein Blitz“, keine Bekehrung im Handumdrehen.

Vielmehr war einiges zusammengekommen. Schon wahr, das „Leben im Überfluss“ hatte ihn „ausgelaugt“, wie er sogar auf seiner Website gesteht, aber dann waren da noch: die Heirat (Kaufmann: „für mich ein Sakrament“), ein erstes Kind („mehr Verantwortung“) und der Umzug auf’s Land, die schön aufgeklärte, aber doch emotionale „Heimatliebe“, die Nähe „zu einem Lebensgefühl, das man ‚bayerisch‘ nennt“. Nicht zuletzt: ein starkes künstlerisches Verlangen, die „Sehnsucht nach dem, was bleibt“. Auch der enge Umgang mit dem so hochgescheiten wie empathischen Benediktinerabt Odilo Lechner wird Kaufmann in seinem neuen Selbstverständnis bestätigt haben. 1984 haben sie ein immer noch bewegendes Buch zusammen gemacht: „Mit den Augen der Seele“.

Seither blickt Hans-Günther Kaufmann anders auf seine Zeit und Zeitgenossen. Er hat in Spanien ein Haus am Jakobsweg, über den er gerade einen sehr speziellen Film („Ich lasse den Weg sprechen“) fertigt. Es gibt viele Projekte, die Entwicklung der Technik fasziniert den „Licht-Schreiber“, den „Photo-Graphen“, wie er sich nennt, und dann ist da dieses Studio in München, in das er zu Porträtaufnahmen bittet. Er mag das Tageslicht, und er studiert bei dieser unromantischen Beleuchtung mit dem Radar der Augen sein Gegenüber sehr genau. Nicht jeder mag das, ein bekannter Manager brach die Sitzung ab. Kaufmann: „Da wusste ich, ich war an das Wesentliche gekommen.“

Hans-Günther Kaufmann
Hans-Günther Kaufmann

Von Michael Radtke, Fotos von Hans-Günther Kaufmann, der 72-Jährige lebt und arbeitet als Fotograf in Bayern und Spanien. Er hat an die 60 Bücher publiziert.

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