Paradies

Tagebuch aus dem Paradies (I)

Es war damals, vor fünfzehn Jahren, am fantastischsten Strand der Welt.  Thies Matzen und Kicki Ericson waren erstmals auf Südgeorgien, aber was vor ihnen geschah, geschieht seit Urzeiten.  Für paradiso öffnet das außergewöhnliche Paar sein Tagebuch.  

Drei Geburtstage

12. Februar 1999

Wie eine Schürze hob die Königspinguinin laufend ihre Bauchfalte und inspizierte das auf ihren Füßen balancierte Ei. Sie war sichtlich erregt, aber nicht wegen mir. Neben ihr verteilten sich mehr als Hunderttausend Königspinguine über die malerische Ebene St Andrew Bays. Solange ich mich am Rand der Kolonie hielt, mich langsam bewegte oder still saß wie jetzt, schien ich allen völlig gleichgültig – auch ihr, der Königspinguinin.

Immer wieder neigte sie sich hin-ab und stierte – ohne es mit dem Schnabel zu berühren – auf’s reglose Ei. Zwischendurch behauptete sie sich mit Picken gegenüber den Nachbarn – die es erwiderten. Denn jeder Königspinguin ist präzise platziert: kaum mehr als die Breite einer Feder trennt die Reichweite ihrer Schnäbel.

Ich saß, wie alle, ruhig und wartend – nur ein weiteres warmblütiges Wesen am Rande des goldbetupften Teppichs der Kings. Plötzlich sah ich ihn: den winzigen, schwarzen Riss in der hellen Schale des großen Eies. Sie muss es gewusst haben. Die allmähliche Öffnung dieses Risses, dieses Zeitlupenerscheinen von Leben, zog sich über eine Stunde. Und wann immer sie ihr Küken der antarktischen Luft auszusetzen wagte, ließ sie mich teilhaben. Denn neugierig waren wir beide.

Weltenbummler: Kicki Ericson und Thies Matzen an Bord ihrer „Wanderer III“.
Weltenbummler: Kicki Ericson und Thies Matzen an Bord ihrer „Wanderer III“.

Schließlich wurden sie und ich mit einem grau-samtenen Küken belohnt. Noch in seine Halbschale gerollt, winkte der neugeborene King mit einem winzigen Flügel zaghaft in die sonnige Welt.

Heute war nicht nur sein, sondern auch mein Geburtstag. Ich wurde 35. Wenn ich an die Vorbereitungen dieser Reise während der vergangenen zwei Jahre zurückdenke, begreife ich, dass meine beiden vorherigen Geburtstage nichts anderes als unumgängliche Bausteine dieses magischen Moments waren.

Vor genau zwei Jahren stand Wanderer III in Südafrika an Land – und unsere Tage und Köpfe waren gefüllt von endlosen Listen: Was zu reparieren, zu verstärken, zu kaufen war.

Vor genau einem Jahr rangen wir in den Falkland Inseln nicht nur mit Windstärke acht, um Bull Cove noch vor Nachteinfall zu erreichen, sondern kämpften auch mit dem Motor und ich mit meiner Angst.

Beide diese Geburtstage sind im heutigen enthalten. Von einem Geburtstag der Vorbereitung über einen der Schulung erreichte ich endlich den Geburtstag der Belohnung.

Tagebuch-Eintrag von Kicki Ericson

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