Wertschätzung

Über Wertschätzung

„Nicht gemeckert ist genug gelobt“ – nach diesem Magerkost-Konzept wurden ganze Generationen erzogen. Hinzu kommt die wachsende Lust am Niedermachen. Plädoyer für eine Umkehr.

Ich hatte mal einen Chef, den ich über eine lange Zeit für sehr wertschätzend hielt. Er kleidete seine Aufträge mir gegenüber stets in besonders anerkennende Worte. Lächelnd bog er um die Ecke in mein Büro, und schon tanzten wir unsere kleine Choreografie – der Manipulation auf seiner und der Selbsthypnose auf meiner Seite. Seine Lobesworte gefielen mir; hörte ich sie, waren meine Belastungsgrenzen augenblicklich kein Thema mehr. Und er bekam, was er wollte. Erst Jahre später – ich hatte eifrig Berufserfahrung sowie Kenntnisse der menschlichen Psyche gesammelt, meist zeitgleich – wurde mir klar, warum ich diesem „wertschätzenden“ Chef dann doch eines Tages die Kündigung rüberschob: weil ich das Prinzip der Wertschätzung nun umfassend verstanden hatte. Lobhudelei mit dem verdeckten Ziel der Beeinflussung gehörte nicht dazu.

An dieser Stelle gebe ich zu bedenken, dass ich in den 1960er, 1970er Jahren umfassend nach dem damals sehr etablierten Konzept „Nicht gemeckert ist genug gelobt“ erzogen und auch durchs Schulsystem geschleust worden war. Magerkost, angesichts derer mein Hunger nach Anerkennung derart anschwoll, dass er, einem knochigen Wolf ähnlich, jedes Lob meilenweit witterte, herbeischleppte und verschlang, ungeachtet seiner Bekömmlichkeit. Reflektieren konnte ich das damals noch nicht. Immerhin, so viel weiß ich heute, befand ich mich in einem illuster ausgeleuchteten Erkenntnisraum: Laut Molière gehen „auch die Klügsten der Schmeichelei auf den Leim“, und Freud nannte Menschen zwar wehrhaft gegen Angriffe, aber „machtlos“ gegenüber Lob.

Echte Wertschätzung ist so eine Sache. Nur auf der Zunge getragenes Lob stellt sie nicht her. Wertschätzung zielt immer auf die ganze Person ab, auf ihr pures Sein, nicht auf irgendwelche Merkmale oder Leistungen, diese unter Umständen flüchtigen Phänomene. Wir haben alle mal einen schlechten Tag, im Beruf, im Privaten, und wir alle, ausnahmslos, besitzen neben unseren Stärken Schwächen. Treten letztere zutage, wird echte Wertschätzung nicht leiden, denn unsere Person als Ganzes ist davon unbenommen. „Schön, dass es Dich gibt“ – an meiner Seite, in diesem Team, in diesem Unternehmen: Das ist in Worte gegossene Wertschätzung.

Übrigens gilt all dies sowohl für die Beziehungsgestaltung zu einem Gegenüber als auch in der Beziehung zu uns selbst. Das lässt sich so leicht dahinsagen, wie es schwer umzusetzen ist. Das Streben nach Perfektion etwa steht dagegen, und einen die gesamte Lebensführung umfassenden Perfektionismus bezeichnen kanadische Forscher um Gordon L. Flett mittlerweile als „in der westlichen Welt endemisch“ – eine um sich greifende Krankheit. Von sich selbst in jeder Hinsicht makellose Vortrefflichkeit zu fordern (und sich sogleich schlecht zu fühlen, denn schließlich ist makellose Vortrefflichkeit unmöglich), ist für mich eines der lebensfeindlichsten Gebote, die die Menschheit je erdacht hat.

Die Verwandtschaft des wertschätzenden Prinzips mit dem biblischen Gebot, „sich selbst wie den Nächsten zu lieben“, ist unübersehbar. Beides ist nicht einfach umzusetzen. Mir stehen zum Beispiel Menschen aus der vorangegangenen Hart-wie-Kruppstahl-Generation nahe, die, sonst gläubig, längst wohlwollend und gefestigt, sich bei Erwähnung dieses Bibelwortes abwehrend straffen: Selbstliebe? Bewahre! Sie wird als unbotmäßig und dekadent empfunden. Dabei geht es nicht ohne.

Wertschätzung
Geborgen und wertgeschätzt – so kann das Selbstwertgefühl wachsen.

Diese Menschen haben den entscheidenden Schritt zum Verständnis von Wertschätzung noch nicht gemacht. Der Schluss liegt nahe, dass sie in ihren prägenden Jahren nicht einmal Magerkost vorgesetzt bekamen so wie ich, sondern Nulldiät. Die Forschung hat auf eindrückliche Weise belegt, wie wesentlich Wertschätzung auf eine günstige Entwicklung wirkt. In welchem Ausmaß unser Selbstwert ausgeprägt ist, hängt auch davon ab, ob und wie häufig wir Wertschätzung erfahren haben. Bringt jemand ein geringes Selbstwertgefühl mit, wird er meistens auch Schwierigkeiten haben, einen anderen wertzuschätzen. Das eine ist, wie gesagt, mit dem anderen korrespondierend verknüpft. Selbstwertgefühl ist übrigens nicht zu verwechseln mit Selbstbewusstsein. Wären wir ein Haus, wäre unser Selbstwert – die Wertschätzung, die wir für uns selbst empfinden – dessen Fundament, und unser Selbstbewusstsein das darauf errichtete Gebäude – im besten Falle einigermaßen schmuck und solide. Wertschätzendes Verhalten kann man einüben. Aus der Praxis erwächst mit der Zeit die innere Haltung – tatsächlich. Man bedenke, dass unsere Haltung der jederzeitigen Kritikfreude auch nicht vom Himmel fiel (oder: aus der Hölle emporkroch). Vielmehr ist sie Resultat unzähliger dem Kritisieren, Nörgeln und Triezen gewidmeter Biografien. Und in Anbetracht dieser übergroßen Lust am Niedermachen nimmt es wirklich Wunder, dass uns dabei die Auswirkungen auf den Niedergemachten egal zu sein scheinen – wo wir doch in der nächsten Sekunde, wenn die Kritik plötzlich uns trifft, verwundbar sind wie Neugeborene. Mir fällt ein Interview mit Wolfgang Schmidbauer ein, den die Neue Zürcher Zeitung vor einigen Jahren zu seinem Spezialthema Ängste befragte. Tenor des Psychoanalytikers: Der rundumversicherte, rentenversorgte, wohlgenährte Westler von heute fürchtet kaum etwas mehr als die Kränkung, und unsere aktuellen Ängste drehen sich vor allem um eines: Wie sollen wir bloß auf tatsächliche sowie drohende Kränkungen reagieren?!

Zurück zur Lobhudelei. Nette Floskeln qualifizieren nicht als Wertschätzung. Anbiedern z. B. vermittelt vor allem Botschaften, die der andere hören will, es soll Sympathien wecken, verstärken und bitte sehr eine bestimmte Reaktionen hervorrufen. Loben steht da schon auf einem anderen Blatt: Ein ehrliches „Das war klasse!“ transportiert etliches an Werten und Zielen des Lobenden, und seine Auswirkung auf das gewünschte Verhalten bleibt somit indirekt. Unser Gespür für „ehrlich gemeint“ vs. manipulativ ist übrigens weit entwickelt, auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind. Bei Martin Seligman, amerikanischer Psychologe und Experte für Positives Denken, kann man Interessantes zur sogenannten Losada-Rate nachlesen. Die bezeichnet das Verhältnis von positiven zu negativen Aussagen – eine Rate, die im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen u. a. in Unternehmen erhoben wurde. Das Bemerkenswerte: Es lassen sich Zusammenhänge zwischen einer günstigen Losada-Rate (relativ viele Positiv-aussagen) und einer ebenfalls erfreulichen Unternehmensentwicklung herstellen. Nur Nettigkeiten bedeuten aber keineswegs mehr Erfolg, im Gegenteil: Bei völliger Weichspülung der Unternehmenskommunikation beobachteten die Forscher negative Effekte. Eine gute Losada-Rate liegt demnach bei 3:1 – drei positive Aussagen auf eine negative.

Eine meiner Freundinnen, im Sattel sicher, aber zurückhaltend, hatte sich vor bald 20 Jahren allein auf eine Reiterreise nach Irland getraut. Die ersten Tage war sie stolz auf ihren Wagemut. Doch als dann der wilde „Beach Blast“ anstand – Renngalopp bis zur Erschöpfung am endlosen Strand –, wurde ihr mulmig. Am Abend vor dem Ritt, sie hatte gerade erwähnt, dass sie recht ordentlich die Oboe spielte, suchte der Guide ihren Blick. „Oboe? Dann bist Du ja eine ganz lyrische Person. Weißt Du was? Vielleicht lässt Du den Beach Blast morgen einfach aus und abends machen wir zusammen Musik.“ An die Erleichterung, die sie damals fühlte, erinnert sich meine Freundin noch heute, an das Gespür des Guides für ihre Beklemmung – und für ihre zartere Seite. „Dieser Ire hat mir eine Urszene zur wertschätzenden Haltung geschenkt“, sagt sie. „Er hat eine wertschätzende Lösung für mein Selbstabwertungs-Dilemma gefunden. Er hat mich gesehen.

Von Heidi Behrens

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