Kalligraphie

Wer schön schreibt, hat mehr von der Sprache

Hauptsache lesbar, so lautet das Credo im E-Mail-Zeitalter. Doch Buchstaben können ein Eigenleben entwickeln – zu Papier gebracht mit Federkiel oder Pinsel.

Sie ist herrlich anzusehen, gibt den Worten Gewicht und bietet dem Schreiber auch noch wunderbare Entspannung. Ganze Bücher wurden im Mittelalter mit ihr verziert und versetzen noch heute den Betrachter in Erstaunen. Kalligraphie, wörtlich „Schönschrift“, bedeutet viel.

War es früher unabdingbar, selbst Hand anzulegen, wollte man Bücher vervielfältigen, so ging die schöne alte Kunst der Verzierung der Buchstaben und des Spielens mit der Schrift schon seit der Erfindung des Buchdrucks allmählich zurück. Doch es gibt bis heute immer wieder Menschen, die die alte Kunstform erforschen, pflegen, entwickeln und ihre Freude daran haben.

„Stundenbuch des Duc de Berry“, „Bamberger Apokalypse“, „Darmstädter Pessach“ und „Lorscher Evangeliar“ heißen die Werke, die die besten Kalligraphen der damaligen westlichen Welt hervorbrachten. Dabei geht es neben der Verzierung der Schrift vor allem auch um eine reiche Bebilderung und Illustration des Textes. Vor der Erfindung des Papiers schrieb man auf handgeschöpften Pergamenten oder Leder. Die Schreibwerkzeuge waren Gänsefedern, Rohrfedern oder Pinsel. Doch nicht nur im mittelalterlichen Abendland erlebte die Schreibkunst ihre Blüte.

Kalligraphie
Schreibkünstlerin Sabine Kalicki beim Überprüfen ihrer Monotypie zum Thema “Partituren zwischen Himmel und Erde” (2014)

Auch die Asiaten verzierten auf verschiedenste Weise ihre Schriftzeichen. Es gibt die chinesische, koreanische, japanische, arabische und hebräische Kalligraphie. Noch heute hat diese Kunst in den asiatischen Ländern einen hohen Stellenwert im gesellschaftlichen und künstlerischen Leben. Man verwendet Pinsel, Tuschestange, Tuschestein und Papier. Der Schreibakt ist oftmals impulsiv, erschwert die Lesbarkeit der Schriftzeichen, aber macht sie dadurch ausdrucksstärker. Oft bleibt sogar der eigentliche Text hinter der kalligraphischen Gestaltung zurück. Lange Zeit galt die Kalligraphie in den islamischen Ländern als einzige Kunstform und bildete deshalb das Hauptschmuckelement in der Architektur. Seit der Neuzeit verlor die Kalligraphie zwar in Europa stark an Prestige, hielt sich aber als Kunstform lebendig und erlebte mit dem Aufkommen der heimischen Computer eine gewisse Renaissance.

Doch Kalligraphie im umfassenden Sinn ist weit mehr als schön anzusehende Schrift. Sie verleiht dem Geschriebenen, wie Urkunden und Einladungen, Bedeutsamkeit und Wert, wirkt inspirierend, zielt auf perfekte ästhetische Ausgewogenheit und lässt Emotionen sichtbar werden. Die Arbeit selbst bietet dem Schreiber die Möglichkeit zur Ruhe und Versenkung, ja hat fast meditativen Charakter. Klassische Hintergrundmusik hilft bei der rhythmischen Ausgestaltung der Schriftzüge, denn jeder Strich ist eine wohlüberlegte Handlung.

Kalligraphie
Vom Text zur künstlerischen Interpretation: Sabine Kalicki kombiniert Schrift und Malerei, wie hier bei ihrer Interpretation zu Rose Ausländers Gedicht “Nicht fertig werden” (2014)

Der Kalligraph Andreas Schenk bringt es auf den Punkt: „Die Ruhe dieser Arbeit erfüllt das ganze Wesen mit einer umfassenden Zufriedenheit, wo Zeit und Raum, für kurze Zeit wie weggewischt, uns nicht mehr kümmern noch belasten.“ Doch der gekonnte Umgang mit den Schönschriften fällt dem Schreiber nicht in den Schoß. Es gibt Unmengen von Schriftarten, die sich in Schriften mit Majuskeln (Großbuchstaben), Minuskeln (Klein-buchstaben) sowie deren Kombination einteilen. Beispiele sind Capitalis Monumentalis, Karolingische Minuskel oder Fraktur. Um Buchstaben und Worte mit spezieller Stahlfeder oder Pinsel und mit Tinte oder Tusche exakt wiedergeben zu können und dennoch ein rhythmisch fließendes Schriftbild zu erzeugen, bedarf es ziemlich viel Übung. Am Ende steht die hohe Kunst der Formauflösung. Der Künstler verlässt die vorgegebene Struktur, sprengt den formalen Rahmen, stellt diesem die freie Form gegenüber und erzeugt damit Spannung. Das erfordert ein hohes Maß an Ausdauer, Hartnäckigkeit, Geduld, auch das Ertragen von Misserfolgen. Es ist ähnlich wie beim Erlernen eines Musikinstruments. Erst wenn man ein Musikstück verinnerlicht hat, beginnt man, es selbst zu gestalten.

Kalligraphie Die Malerin mit einem Schwerpunkt Kalligraphie, Sabine Kalicki aus Grünz, am Rande Mecklenburg-Vorpommerns, beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Schreibkunst und hat sie in hohem Maße für sich entwickelt. Ihr Anspruch geht dabei weit über die Kalligraphie im engeren Sinn hinaus. Was sie pflegt, ist eine Art der Schriftgrafik, basierend auf der lateinischen Ausgangsschrift, die auch von der Handschrift beeinflusst ist. Sie bewegt sich dabei im Spannungsfeld zwischen expressivem Schreiben, freier Schriftgrafik und interpretativem Schreiben. Man könnte von einem ganzheitlichen Prozess sprechen. „Ich lasse mich von einem Satz oder einem Text, der mich anspricht, inspirieren“, erklärt sie ihr Vorgehen. „Dabei durchdringe ich den Text und finde mit Hilfe von Text und Malerei in höchstmöglicher Weise eine eigene künstlerische Interpretation.“

So spiegelt das Ergebnis nicht nur den literarischen Text und das, was der Schriftsteller ausdrücken wollte, sondern vor allem auch die eigenen Gedanken, Assoziationen und Empfindungen. Die Techniken, die Sabine Kalicki dabei verwendet, sind sehr verschieden. Sie arbeitet mit Collagen, Drucken, Stahlfedern, Gänsefedern, aber auch Materialien, die sie in der Natur findet, wie Rohr, aus dem sie Federn anfertigt, Chinagras, Liebstöckelhalmen, kleinen Hölzchen und Zweigen. Je nach Text experimentiert die Naturliebhaberin mit ihren Materialien und Techniken und erzielt immer wieder neue Ergebnisse. Die Eigenwilligkeit der Naturmaterialien gibt den Bildern dabei eine besondere Lebendigkeit. So sind ihre Werke auch Ausdruck von Lebensart.

Wichtiges Prinzip ist für Sabine Kalicki, dass der Text selbst lesbar, erfassbar bleibt. Ist der Text im Bild stark verfremdet, was oftmals geschieht, gibt sie Hinweise zum Nachlesen.

Kalligraphie
Kalickis Umsetzung des Gedichtes “Nicht fertig werden” von Rose Ausländer.

Im Laufe der Jahre gestaltete sie die unterschiedlichsten Texte, beispielsweise „Nicht fertig werden“ von Rose Ausländer oder kurze Texte von Christoph Meckel. Vielfach hat sie sich auch von dem Zenspruch „fumi wa hito na ri“ – „Das Geschriebene entspricht dem Schreibenden“ inspirieren lassen und dazu großformatig gestaltet. Oft sind es ganze Serien, die sie zu einem Schriftsatz anfertigt. Da lässt sie zunächst die Schrift als solche wirken, unterlegt sie dann mit Malerei oder Grafik und schafft in einem nächsten Schritt noch weitere Gestaltungselemente.

Vor einiger Zeit hat es sich die Künstlerin zur Aufgabe gemacht, ein „Malerisches Tagebuch“, wie sie es nennt, zu schaffen. Darin gestaltet sie in einem Abstand von zehn Tagen jeweils zwei Seiten eines großformatigen selbstangelegten Buches. Eine Seite davon widmet sie mit den Mitteln der Schriftgestaltung dem Text in Form eines fragmentartigen Tagebuches. Dort finden sich all ihre Gedanken, Empfindungen und Erfahrungen, Alltägliches und Außergewöhnliches über den 10-Tage-Zeitraum. Auf der anderen Seite bringt sie diese Eindrücke in malerischer oder grafischer Form zum Ausdruck. Es zeugt von einer beachtlichen Kontinuität und einem hohen Maß an Gestaltungswillen sowie Mut zur Auseinandersetzung, das Projekt über fast zwei Jahre durchgehalten zu haben. Entstanden ist eine höchst individuelle Aufzeichnung, die, nach ihren Worten, nicht nur immer wiederkehrende Herausforderung, sondern auch hohe Befriedigung brachte.

Für Sabine Kalicki ist die Beschäftigung mit Kalligraphie ein Eintauchen in eine andere Welt, ein Sich-Versenken-Können und Meditieren. Das mehrmalige Schreiben und damit starke Verinnerlichen eines Textes auf der Suche nach Schönheit, Sinn und Form erfüllt sie mit höchster Freude.

Von Gabriele A. Prodöhl

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