Depression

“Wie eine Lähmung im Kopf”

Interview mit Deutschlands Top-Mediziner Prof. Dr. Fritz Hohagen

Herr Hohagen, es heißt, dass psychische Erkrankungen statistisch gesehen zunehmen. Stimmt das?

Es gibt ja verschiedene Statistiken. So gehen zum Beispiel die Krankschreibungen auf Grund psychischer Störungen in Deutschland sehr steil nach oben. Und nach dem Zahlenwerk der Weltgesundheitsorganisation liegt die Depression – was die in Krankheit verbrachten Lebensjahre betrifft – neben den koronaren Herzerkrankungen auf Platz 1. Die Depression ist zu einer Volkskrankheit geworden. Das spricht dafür, dass zumindest die Bedeutung psychischer Erkrankungen massiv zugenommen hat.

Kann es nicht trotzdem so sein, dass statt der wirklichen Erkrankungen besonders die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe zugenommen hat?

In der Tat waren solche Erkrankungen lange Zeit stark tabuisiert; deswegen haben viele Patienten keine Hilfen in Anspruch genommen. Durch Anti-Stigma-Kampagnen und andere öffentliche Diskussionen sehen heute immer mehr Menschen „Depression“ und „Burn-out“ als eine Erkrankung wie andere auch an – entsprechend stärker wird ärztliche Hilfe nachgefragt. Parallel dazu gehen die Suizid-Statistiken deutlich herunter. Dennoch ist das Thema sicherlich gesellschaftspolitisch von herausragender Bedeutung.

Welche gesellschaftlichen Schichten und -Altersgruppen sind besonders betroffen?

Die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe kommt aus allen Schichten und von allen Lebensaltern. Sie ist auch geschlechtsunabhängig, aber Frauen tun sich leichter, da­rüber zu sprechen.

Haben die Deutschen eine Lust am Unglücklichsein?

Wir sollten den gerne vermuteten deutschen Nationalcharakter abgrenzen gegenüber einer Erkrankung, etwa der Depression. In Deutschland gibt es nicht mehr psychische Erkrankungen als in anderen Ländern.

Gibt es einen dominanten Grund für solche -Erkrankungen?

Nein, psychische Erkrankungen haben immer mehrere Ursachen. Sie haben eine biologische Ebene, eine genetische Mitverursachung. Dass unser Gehirn – das komplexeste Organ, das wir haben – nicht krank werden dürfte, ist schon mal sehr unrealistisch. Damit verknüpft ist der psychologische Faktor. So verändern zum Beispiel Separationen in frühen Entwicklungsphasen dessen Stressstabilität. Daneben tritt dann, zum Dritten, das psychosoziale Umfeld, also: welche Lebens- und Lernerfahrungen ich mache.

Noch einmal nachgefragt: Welcher der drei Faktoren ist am wichtigsten?

Man muss alle drei Faktoren grundsätzlich gleich gewichten. Entscheidend ist das Zusammenwirken der genannten drei Aspekte.

Gibt es Anlässe, die als Auslöser einer depressiven Erkrankung besonders in Frage kommen?

Ja, manche Lebenssituationen sind besonders gefährlich. Zum Beispiel Rollenwechsel. Oder interpersonelle Konflikte, langanhaltende Kontrollverluste, Trennungen, auch der Tod von Angehörigen. Kurzum: Alle Situationen, die ich nicht steuern kann.

Trägt auch die zunehmende Schnelligkeit der digitalen Welt dazu bei?

Das würde ich nicht ausschließen. Aber damit sind wir im 19. Jahrhundert. Damals wurde der Begriff der „Neurasthenie“ geprägt. Das also, was wir heute als Burn-out bezeichnen. Schon damals dachte man, die Welt wird immer schneller. Heute ist das nicht viel anders.

Viele können mit dieser Beschleunigung nicht umgehen.

Das Aufheben der Grenzen, dass keine Muße mehr da ist, die permanente Verfügbarkeit – das kann dazu beitragen, dass Menschen in eine Überlastungssituation kommen. Und damit empfindlich werden für psychische Erkrankungen. Burn-out ist also durchaus etwas, was ernst zu nehmen ist, und nicht etwa eine Modeerscheinung. Aber das Problem gab es schon im 19. Jahrhundert. Früher dachte man, dass der Mensch ernsthaften Schaden nimmt, wenn er schneller als 30 Stundenkilometer fährt. Der Mensch ist jedoch von einer enormen Anpassungsfähigkeit. Er wird sich auch der Digitalisierung anpassen.

Dennoch wird es immer wieder eine Gruppe von Menschen geben, die das nicht schafft …

Ja, die Beschleunigung ist in ihrer Bedeutung noch gar nicht richtig begriffen. Wir werden erst in zehn, zwanzig Jahren wissen, was das für Konsequenzen hat.

Wie merkt man eigentlich, dass man krank wird?

Burn-out ist keine Erkrankung, sondern eine Reaktion auf Überbelastung. Da wird man gereizter, man versucht, durch erhöhten Arbeitseinsatz zu kompensieren. Schnell wird man darüber ungerecht und zynisch.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wenn man merkt, dass die Lebensqualität ganz entscheidend beeinträchtigt wird. Also bei einer Depression. Die ist ja so etwas wie eine Lähmung vom Kopf her. Ich kann mich nicht mehr freuen, nicht mehr konzentrieren. Der Appetit wird schlechter, ich nehme Gewicht ab. Schließlich regiert mich der Lebensüberdruss, ich denke daran, mir das Leben zu nehmen. Spätestens dann braucht man dringend ärztliche Hilfe.

Gibt es einen Königsweg, um der Falle wieder zu entkommen?

Auch da müssen wir unterscheiden zwischen Stressreaktionen und einer Krankheit. Wenn ich „nur“ überlastet bin, hilft es schon, eine Gegenwelt zu haben. Eine Balance. Interessen und Privatleben zu pflegen.

Und wenn wir von einer Erkrankung sprechen?

Dann brauche ich eine Behandlung. Auf zwei Ebenen. Es gibt heute sehr gut verträgliche Antidepressiva, die man geben kann. Die zweite Behandlungsmöglichkeit ist die Psychotherapie. Bei einer leichten bis mittelschweren Erkrankung hilft diese genauso gut wie Medikamente. Und bei schweren Depressionen kombiniert man beide Varianten.

Wenn in der eigenen Familie schon einmal Depression vorkam, ist man dann eigentlich leichter anfällig?

Im Prinzip ja. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass ich gesund bleibe, ist bei einem stabilen Lebensumfeld ungleich höher als umgekehrt. Zudem ist die Behandelbarkeit mit den heutigen Mitteln deutlich gestiegen. Das ist doch eine gute Botschaft! 

Prof. Dr. Fritz Hohagen
Prof. Dr. Fritz Hohagen

Das Interview führte Michael Radtke mit Prof. Fritz Hohagen, Ärztlicher Direktorder Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Lübeck. Laut Focus-Ärzteliste 2013 zählt er in seinemFach zu Deutschlands Top-Medizinern.

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