Schule

Wie Kindheit Schule macht

“Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir.“  – Seneca, römischer Schriftsteller und Philosoph (Das Zitat wird heute meist genau umgekehrt gebraucht) 

Siebenundfünfzig fröhlich, spitzbübisch, aber auch verhärmt und ernst dreinblickende Jungengesichter sehen mich an, als ich die obere der vier Schreibtischschubladen öffne. Auf einem großen Stapel teils vergilbter Manuskripte liegt dieses Bild aus dem Jahre 1949, das eine dritte Schulklasse mit ihrer dunkel gekleideten Klassenlehrerin zeigt. Dieser Zeit stand noch nicht der Sinn nach Hellem, Freundlichem. Vergessen ist sie nicht.

Aus den Manuskripten, einem Glossar über meine damaligen Schulfreunde, sollte irgend- wann ein kleines, verspätetes Dankeschön werden. Sie alle hatten sich, wann immer mich auf dem Pausenhof Rempeleien und Schlägereien bedrohten, gluckenhaft um mich geschart und mich dadurch vor möglichen Verletzungen bewahrt. Eine schwere, lebens- bedrohliche Rückenmarkserkrankung war noch nicht auskuriert. Wie ich später erfuhr, hatte unsere Klassenlehrerin diesen Helferring zusammen mit meiner Mutter organisiert.

Liebe geben und soziales Handeln vermitteln

Nun bin ich, wieder einmal, mit meiner schulischen Vergangenheit konfrontiert. Stimmt das Bild vom Rattenkönig völlig wertlosen Bildungsguts, das Brecht in seinen „Flüchtlingsgesprächen“ sarkastisch zeichnet, mit meinen Erinnerungen an schulisches Lernen überein? Woher stammt meine tiefverankerte Liebe zur Musik? Wer hat mir die Augen für die Schönheit von Fauna und Flora geöffnet, mir Sprache und Dichtung nahegebracht, logisches mathematisch-naturwissenschaftliches Denken, zumindest in Ansätzen, abverlangt, wer ….? Das in großen Teilen bildungsferne Elternhaus nicht, konnte es nicht, wohl aber Liebe geben und Formen sozialen Handelns vermitteln.

Ich rieche noch heute – im niederalemannischen Schwyzerdüütsch rund um Basel heißt es „schmecken“ – die Gerüche der Schulspeisung, meistens Erbsensuppe, den abgestandenen Zigarrenqualm unseres Rektors „Fiede“ Wills und das Bohnerwachs auf den blankgescheuerten Steinstufen bis hin in die vierte Etage, wo uns „Opa“ Jung zur Musikstunde in der riesigen Aula, an einem ramponierten Flügel sitzend, mit dem Lied „Land der dunklen Wälder und kristallenen Seen“ begrüßte. Diese ostpreußische Weise hatte es mir angetan, und so musste ich sie häufig mit meinem „hellen, glockenreinen Sopran“ vorsingen. Der Rest der Klasse war unter den Tischen mit Tauschgeschäften beschäftigt.

Auf meiner alten, verstimmten Hohner-Mundharmonika spielte ich meinen Eltern zu Hause das Lied nach Gehör vor. Und nachdem uns auf der Mittelschule unsere Musiklehrerin eine Schallplatte mit Aufnahmen des lyrischen Tenors Walter Ludwig vor- gespielt hatte, beschloss ich, Sänger werden zu wollen. Später, nach furiosen Beethoven- Sonaten, mit akrobatischer Fingerfertigkeit von unserer „Ulla“ vorgetragen, stand als Berufsziel unumstößlich fest: „Konzertpianist“.

Bis uns eines Tages „Käfer“ als neuer Biologielehrer zugeteilt wurde. Bei unseren nach- mittäglichen freiwilligen Exkursionen durch Wiesen, Sümpfe und Eidervorland hörte ich es nur noch zirpen, tirilieren, krächzen. Über fünfzig Lockrufe der Gesangskünstler konnte „Käfer“ täuschend ähnlich nachahmen und natürlich alle verstreuten Eierschalen in den Brutgebieten anhand ihrer Sprenkelungen den jeweiligen Vogelarten zuordnen. „Käfor“ – er sächselte stark – nannten wir ihn, weil er im provisorischen Biologieraum der Schule eine große Käfersammlung betreute. Er hatte mir endgültig die Augen geöffnet. Diese neue Musik, die in mir brauste, würde ich nur als Vogelwärter auf der einsamen Nordseeinsel „Trischen“ genießen können. Schwer genug war mir dieser neuerliche Berufswunsch schon gefallen, denn immer noch fühlte ich mich als begnadeter Sänger und Pianist.

Die Verwirrung um meine berufliche Orientierung sollte noch nicht beendet sein. Unsere Deutschlehrerin Elsabe hatte uns mit der Rückgabe unserer Aufsätze lange zappeln lassen. Nun war der große Augenblick gekommen. Umständlich nestelte sie an ihrer selbstgehäkelten Einkauftasche herum und entnahm ihr ein Heft, auf dessen Deckel der Name zugeklebt war. Das machte sie immer so. Dann begann sie zu lesen. (Es sollte eine spannende Geschichte werden.) „Atemlose Stille. Der Tiger hockt auf einem Bock. Oder ist es ein Kasten? Er faucht. Er will nicht, dass der Dompteur mit der Peitsche knallt. Dann kommt von der Musik ein Tusch. Der Dompteur ruft ihm was zu. Er soll durch einen brennenden Reifen springen. Der Tiger faucht und schlägt mit der Tatze nach dem Dompteur. Als der noch einmal knallt, springt er mit einem eleganten Satz durch das Feuer. Die Zuschauer klatschen.“

Dieser Text ist von mir in der sechsten Klasse geschrieben worden. Er wurde hier- nach Gegenstand einer Reihe von Wortfeldübungen, denn das Adjektiv „elegant“ sollte durch ein treffenderes ersetzt werden. „Sehr gut“ stand unter der Arbeit, obwohl „elegant“ dick unterstrichen war. Was blieb mir anders übrig, als Dichter, zumindest aber Redakteur bei unserer Heimatzeitung werden zu wollen?

An diese akribischen Übungen werde ich immer wieder erinnert, wenn ich heute Bücher schreibe. Es steht für mich außer Zweifel, dass mich die Schule von meiner Kindheit bis auf den heutigen Tag stark geprägt hat. Dabei will ich gern Schillers Worte „Fügt sich Erinnerung, schwindet sie schon“ auch für mich gelten lassen. Unsere schwer ergründbare Seele belastet sich offenbar nicht gern mit Unangenehmem wie Rohrstock, Kopfnuss, Ohrenreißen, sinnlosem Memorieren und Abschreiben

Text von Karl-Heinz Groth. Der 74-Jährige ist ehemaliger Rektor und Lehrer und ist seit seiner Pensionierung als Schriftsteller tätig.

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