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Wo ist meine Heimat?

Endlich geborgen sein in der Welt. In Zeiten der Globalisierung sind immer mehr Menschen auf der Suche nach ihren Wurzeln.

Der Heimatbegriff erscheint in einer globalisierten Moderne in vielerlei Hinsicht anachronistisch: weltweite Waren- und Finanzströme, Lohngefüge und Arbeitsbedingungen, aber auch politische Krisen und kriegerische Konflikte, Klimaveränderungen und seit HIV und jetzt Ebola auch das Zusammenbrechen der Gesundheitsversorgung an anderen Orten der Welt – alle diese Ereignisse und Entwicklungen beeinflussen unser Zusammenleben in unserem vergleichsweise wohlhabenden und sicheren Land. Nicht nur über die wachsende Zahl von Menschen, die nach Deutschland migrieren oder vor den Konflikten oder der Armut ihrer Heimatländer fliehen, werden die „an den Boden geknüpften Gewissheiten“ (Zygmunt Baumann) erschüttert. Spuren in den Biographien der „einheimischen“ Bevölkerung hinterlassen auch die Anforderungen an Mobilität und Individualisierung. Viele Menschen erleben sich als überfordert vom permanenten Zwang zur Selbstbestimmung und Selbstoptimierung. Sie bekommen die fehlende Bindung, Sicherheit und Unterstützung, die Familie, Betrieb, Nachbarschaft und Gemeinde einst garantierten, am eigenen Leib zu spüren. Das Unheim(at)liche rückt von allen Seiten näher.

Auch wenn Heimat in der jüngeren Generation eher ironisch verhandelt wird, scheint es doch ein wachsendes Bedürfnis nach diesem sicheren Rückzugsraum zu geben. Dieser Raum umfasst – psychologisch betrachtet – drei wesentliche Dimensionen. Zum ersten stiftet Heimat Erfahrungen von „Kennen, Gekannt und Anerkanntsein“ (Ina-Maria Greverus), der verbindlichen Zugehörigkeit und Einbindung in eine Gemeinschaft. Auf der subjektiven Seite geht dies mit Gefühlen von Vertrautheit und Geborgenheit einher. Diese Gefühle werden nicht nur in der Familie gesucht, sondern auch in erreichbaren, stabilen und damit das Selbst stabilisierenden Alltagsbeziehungen. Teil dieser sozialen Heimat sind nicht nur Chor oder Sportgruppe, der nachbarschaftliche Schwatz über den Zaun und die Bäckersfrau, sondern mittlerweile auch der abendliche Chat mit den Kindern, die weit entfernt wohnen, oder die (virtuelle) Verbindung mit den Bewohnern der Lindenstraße oder dem Team der Sachsenklinik.

Eine zweite, über Erfahrungen von Zugehörigkeit hinausreichende Dimension von Heimat ist der sogenannte „sense of control“. Heimat ist der Raum, in dem ich handlungsfähig bin und Verantwortung übernehmen kann – ganz anders als die hochkomplexe, riskante und unübersichtliche globalisierte Welt, in der ich tendenziell eher mit Ohnmachtserfahrungen konfrontiert werde. Weil ich mich in der Heimat auskenne, ihre sozialen Regeln und Spiele kenne, kann ich handeln, Einfluss nehmen und Veränderungen mitgestalten; in meiner Arbeit, im Ehrenamt, in der praktischen Unterstützung von mir verbundenen Menschen. Verbundenheit entsteht also nicht nur im Gefühl, sondern eben auch im gemeinschaftlichen Handeln.

Sinnstiftung ist die dritte Dimension: Heimat gibt uns den Rahmen, in dem wir unser Handeln begründen und ausrichten können, sie organisiert nicht nur unsere Selbst-Erzählungen und damit Identität, sondern entwirft auch Utopien eines besseren (Zusammen-)Lebens. Heimat ist der Ort „der allen in die Kindheit scheint, und worin noch niemand war“ (Ernst Bloch). Insofern geht es angesichts der Un-Heimatlichkeit der Gegenwart immer wieder darum, sich in der Welt zu beheimaten, sich mit anderen Menschen zu verbinden, vor Ort zu handeln und zu verantworten, aber auch von der Möglichkeit einer besseren Welt zu träumen und die Realität dahingehend umzugestalten – gerechter, nachhaltiger, friedlicher. Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat für alle Menschen.

Text von Beate Mitzscherlich. Die Sozialpsychologin Dr. Beate Mitzscherlich ist Professorin für Pflege- und Gesundheitsforschung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau; Buchtipp: „Heimat ist etwas, was ich mache. Eine psychologische Untersuchung“.

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